Hermes Phettberg Es gibt nur ein Lustprinzip und keine Leistung

Der österreichische Kult-Entertainer und notorische Faulpelz Hermes Phettberg über seine Kindheit, und welche Lehren Bundeskanzler Gerhard Schröder aus der von ihm angestoßenen Faulheitsdebatte ziehen könnte.


Hermes Phettberg
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Hermes Phettberg

Diese Ungenauigkeit des Wortes faul macht mich rasend. Denn es kann sich niemand vorstellen, wie meine letzte Woche lief. Was alles ich nicht tat die letzte Woche. Liegen blieb wie ich. Stinkfaul sagen die Leute und tatsächlich am dritten ungewaschenen Tag tritt eine Gloriole des Eigengeruches hervor, die mich Schnüffeln macht an mir, wie andere an ihren Motorhauben.

Ich sitze in meiner Wohnung, die Blumen verwelken und ich rieche an mir. Stundenlang versonnen. Da würde ich dem Bundeskanzler Schröder aber nicht raten, er soll kommen. Und mich mahnen. Die Rechten sind ungenau und die Linken zu rechts. Es wird nicht deutlich genug untersucht, warum ich die ganze Woche nichts arbeite. Da hätte der Schröder gleich zwölf Arbeitsplätze zu vergeben, das zu studieren. Und es wären so phantastische Arbeitsplätze, herauszuschälen, warum Phettberg, Wien VI, so stinkfaul ist, für die deutsche Bundesregierung.

Das Kabinett Schröder hätte mich in der Kinderheit erleben sollen. Ich wuchs auf einem geräumigen Bauernhof auf mit idyllischem Misthaufen, umringt vom Schweinestall, nebenan ein steinalter Schüttkasten, der knorrte, wenn du die Stufen hinaufschlichst, damit dich niemand hört, dass du das Verbotene tust, voll Stroh der angrenzende Dom, dessen Ende du niemals erahnen konntest, so groß erschien er dem Knaben.

Und die Sonne war staubig, wenn sie hereinschien durch kleine Luken und ich mich verkroch, denn die Leute da unten im Hof hatten es nicht gut miteinander getroffen. Aus einer Illustrierten schnitt ich einmal ein Foto aus, wo ein soeben eingetroffenes Baby mitten in einer Küche liegt, und rundherum rieben sich haufenweise Erwachsene auf, um zu fegen und kochen im Wettkampf voreinander Gnade zu finden. Das Baby schaut unglaublich besorgt, wo es hingeriet hienieden.

Schröder ist ein Pykniker

Ja, und dann gab es neben dem Stadel auch noch die Pfarrkirche Unternalb mit diesem kleinwinzigen, aber unglaublich dicken Kirchturm, wie das Geschlechtsteil des Pyknikers, den die Gerti Sengers dieser Erde auch hetzen und noch ausrotten werden. Denn wenn nur mehr die großen Glieder gefragt sein werden, werden wir uns zurückziehen müssen. Grade wo auch Schröder ein Pykniker ist.

Und in dieser Kirche war es ebenfalls lauschig für den lyrischen Knaben. Die Pfarrersköchin, die Mesnerin, der Pfarrer, die Pendeluhr in der Pfarrkanzlei und ich! Wir waren fünf. Und taten die ganze Woche mehr oder weniger nichts. Während meine Eltern Tag und Nacht arbeiteten am Feld. Die Mama stand um fünf Uhr auf fütterte die Rinder, Säue, molk, trug die Milch in die Milchgenossenschaft, dann kochte sie Frühstück, dann badete sich mich, dann fuhr sie mit mir zu ihrer Schwester im Kinderwagen zwei Kilometer zu Fuß.

Dort hinterließ sie mich, dann ging sie zwei Kilometer weiter in den Weinberg und arbeitete fest, dann kam sie gegangen die zwei Kilometer, führte mich im Kinderwagen zwei Kilometer nach Hause zurück, dann kochte sie Mittag und fütterte, vor dem zweiten Vatikanischen Konzil das Vieh ja auch mittags zu der Zeit damals noch, dann fuhr sie mit dem Kinderwagen mit mir drinnen zu ihrer Schwester zwei Kilometer, damit die auf mich aufpassen konnte, ging fürbass zwei Kilometer zu besagtem Weingarten jäten oder hauen oder Achselbrut brechen und kam gegen Abend wieder gegangen, schnappte mich heimwärts zwei Kilometer. Es war ein Dreieck: Wohnen in Unternalb, Kinderverwahrung in Retz zwei Kilometer entfernt, Weingarten, wo sie sicher oft weinte, in Obernalb weitere zwei Kilometer entfernt. Dann wieder holen, schnappen, heim. Kochen für den Abend, füttern für den Abend, Windeln wechseln, Rosenkranz beten. Und dann war es zehn.

Den Phettbergtest für Bundeskanzler

Wer könnte Faulheit besser verstehen als ich. Wir müssen uns Bundeskanzler vorstellen wie Barbara Karlich oder Hans Meiser, talken am Nachmittag, wie sie die Leute auf Vordermann bringen, den Völkern die Wadeln nach vorne montieren. Und wir sitzen daheim, wie die Gelähmten im Sarg und schauen zu. Und jede und jeder, der hierauf was weiß, tappt mir in die Falle. Die lautet: Ungenau.

Die Frage natürlich wäre, ob so ein Schröder weiser sein müsste, oder ob es nicht ohnehin klug war, sich die wahlentscheidende Gruppe gesunder Neider zu sichern. Wir Neugeborenen, die es nicht fassen können, müssen es uns ohnehin gefallen lassen. Da wir untüchtig sind, sind wir nicht in der Lage, uns zu organisieren.

Es gibt nur ein Lustprinzip und keine Leistung. Wenn etwas Spaß macht, geht es von Händen, und wenn es keinen Spaß macht, hilft nur Ungenauigkeit als Trost und Betäubung. Wir müssten den Phettbergtest einführen. Für Kanzler und Talktanten: eine halbe Stunde mit mir allein in einem Kasten. Wer dann noch von Faulheit spricht, darf. Und ich geb' die Planketten aus. Da wäre ich emsig und lüstern und gar nicht faul. Schau, schau.

Das Wesen der Nichtfaulheit besteht also im Sichdurchsetzenkönnen.

(Ein ähnlicher Text erschien in der Osterausgabe des österreichischen Nachrichtenmagazins "Format")



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