Herzklappenskandal Saftige Geldstrafe für Herzchirurgen

Der Herzklappenskandal gleicht dem Parteispendenskandal. Ein Universitätschirurg nimmt Geld von einem Medizinprodukte-Hersteller. Er habe sich nicht persönlich bereichert, sondern es in die Forschung gesteckt - das Gericht verurteilte den Heidelberger dennoch.


Herzchirurg Siegfried Hagl
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Herzchirurg Siegfried Hagl

Heidelberg - Im Heidelberger Herzklappen-Prozess ist der angesehene Herzchirurg Siegfried Hagl zu einer Geldstrafe von 200.000 Mark verurteilt worden. Das Landgericht Heidelberg befand den ärztlichen Direktor der Herzchirurgie am Universitätsklinikum der Untreue und Vorteilsnahme für schuldig. Hagl hatte Anfang der neunziger Jahre Bonuszahlungen des Medizinprodukteherstellers Medtronic in Höhe von 163.000 Mark angenommen, ohne die Gelder an die Universität abzugeben. Hagl hatte sich nicht persönlich bereichert, sondern die Gelder ausschließlich für die Forschung ausgegeben. Er will in Revision gehen. Die Staatsanwaltschaft hatte 240.000 Mark Geldstrafe gefordert.

Bei dem Prozess spielte nicht nur Korruption an Uni-Kliniken eine Rolle, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der medizinischen Forschung in Deutschland. Hagl argumentierte, dass die deutschen Vorschriften bei der Einwerbung von Drittmitteln zu eng seien. Deswegen sei die Industrie inzwischen nur noch eingeschränkt bereit, Drittmittel an deutsche Hochschulen zu geben. "Der Forschungsstandort Deutschland ist gefährdet. Wir brauchen diese Mittel", sagte er.

Viele Kollegen Hagls sind der gleichen Meinung, auch die Universität stand hinter dem prominenten Angeklagten. Nach dem Urteil lehnte die Hochschule eine Stellungnahme ab. Um seinen Posten muss Hagl sich jedoch zunächst keine Sorgen machen.

Persönlich ist der Professor nach den Worten des Vorsitzenden Richters Christian Mühlhoff "über jeden Zweifel" erhaben. Hagl steckte sogar 220.000 Mark eigenes Geld in seine Forschung. Im Gegensatz zu den meisten Angeklagten wollte Hagl unbedingt vor Gericht erscheinen, um die Vorwürfe - wie er hoffte - in aller Öffentlichkeit ausräumen zu können. Das gelang ihm jedoch nicht. Die Einstellung des Verfahrens gegen Geldbuße hatte er abgelehnt.

Die Firma Medtronic hatte die Gelder als Umsatzbeteiligung in Höhe von fünf Prozent für Bestellungen von Herzschrittmachern gezahlt. Die Boni flossen auf das Konto eines von Hagl gegründeten privaten Fördervereins, der die Gelder dann in die Forschung steckte. Dieses System der Bonuszahlungen war Anfang der neunziger Jahre weit verbreitet - ist jedoch illegal. Bonuszahlungen müssen direkt an die Universitäten gehen. Auslöser des Bonussystems sei der Geldmangel in der Forschung gewesen, meinte Richter Mühlhoff. "Das war überall so." Die Medizinproduktehersteller hätten in der Hoffnung auf künftige gute Geschäfte Geld für die Forschung gegeben und mit aggressiven Methoden Marketing betrieben. Von der Universität habe Hagl nicht genug Geld für seine Forschung bekommen.

Die Aufdeckung des Systems führte 1994 zu dem so genannten Herzklappenskandal, in dessen Verlauf die Staatsanwaltschaften Ermittlungen gegen führende Mediziner an allen deutschen Universitätskliniken aufnahmen. Die Heidelberger Kammer ging davon aus, dass Hagl von der Unrechtmäßigkeit seines Tuns wusste. Der Professor bestritt das: Das Gericht habe die Tatsachen "falsch Interpretiert". Die Staatsanwaltschaft ist anderer Meinung: "Er wollte es wissen, und jetzt weiß er es", sagte Ankläger Manfred Münstermann nach dem Urteil.



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