Streit um Herz-OP Gießener Klinik will türkisches Kind wegen Anfeindungen verlegen

Die Eltern eines herzkranken Jungen aus der Türkei setzten alle Hoffnung auf eine Operation in Gießen. Doch die wird es wohl nicht geben. Die Familie ist empört, Ärzte sollen angefeindet worden sein. Jetzt will die Klinik das Kind verlegen.

Universitätsklinikum in Gießen (Archiv): Mitarbeiter "körperlich bedrängt und bedroht"
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Universitätsklinikum in Gießen (Archiv): Mitarbeiter "körperlich bedrängt und bedroht"


Gießen - Weil Ärzte und Pflegekräfte sich von Angehörigen bedrängt und angegriffen fühlen, will das Uni-Klinikum in Gießen einen schwer herzkranken und hirngeschädigten türkischen Jungen in ein anderes Krankenhaus verlegen. Derzeit werde nach einem Transplantationszentrum im Ausland gesucht, das das 21 Monate alte Kind aufnimmt, sagte Klinikumssprecher Frank Steibli.

Der Junge war zu einer Herztransplantation nach Gießen gebracht worden. Kurz vor dem Transport aus Istanbul Ende März erlitt er einen Kreislaufstillstand und dadurch einen nach Einschätzung der Ärzte irreversiblen Hirnschaden. (Eine Stellungnahme des Krankenhauses zu dem Fall finden Sie hier.) Laut "Süddeutscher Zeitung" ("SZ"), die sich auf die Mediziner beruft, wird das Kind geistig und körperlich behindert bleiben.

Die Transplantation könne und dürfe nicht mehr vorgenommen werden, heißt es nun im Klinikum. Die Eltern wehren sich gegen diese Einschätzung. Sie verlangen, dass ihrem Sohn wie ursprünglich vereinbart ein Herz transplantiert wird.

Steibli sagte, Klinikmitarbeiter würden von Fürsprechern der Eltern verbal und körperlich bedrängt und bedroht. Das Klinikum habe einen Sicherheitsdienst für das Kinderherzzentrum beauftragen müssen. Auch über Facebook werde der Klinik vorgeworfen, ein Spenderherz deshalb zu verweigern, weil der Junge aus der Türkei komme.

"Keine Grundlage" für weitere Behandlung

Da die Eltern zudem jegliche alternative Behandlung ablehnten, gebe es keine nachhaltige Grundlage für die weitere Betreuung des Jungen, der mit einem Kunstherzen am Leben erhalten wird. "Für uns heißt das nun, das Kind in ein anderes Transplantationszentrum oder nach Istanbul zurückzuverlegen", wird der Ärztliche Geschäftsführer des Uni-Klinikums, Professor Werner Seeger, in einer Mitteilung zitiert.

Das Klinikum beruft sich auf das Transplantationsgesetz und auf Richtlinien der Bundesärztekammer. Demnach dürften Patienten nicht in die Warteliste für Spenderorgane aufgenommen werden, wenn eine schwerwiegende Erkrankung eines anderen Organs den langfristigen Erfolg der Transplantation infrage stellt.

Laut "Süddeutscher Zeitung" ist allerdings keineswegs unumstritten, dass ein Hirnschaden grundsätzlich eine Transplantation unmöglich macht. So zitiert die Zeitung den Präsidenten der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Björn Nashan vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf mit den Worten, in seiner Klinik würden Kindern mit Hirnschaden durchaus Organe transplantiert. "In der Regel entscheiden wir uns gemeinsam mit den Pädiatern für die Durchführung des Eingriffs mit dem Hinweis auf die 'erstaunliche' Erholungsfähigkeit des kindlichen Hirns", sagte er.

"Klarer Verstoß gegen Patientenrechte"

Auch die Klinik argumentiert laut "SZ" inzwischen nicht mehr mit dem Hirnschaden selbst, sondern mit den damit verbundenen allgemeinen Risiken. Auch leide der Junge wahrscheinlich an einer Stoffwechselstörung, hieß es. Der Erfolg der Transplantation sei damit nicht sichergestellt.

Der Anwalt der Eltern, Kai Wiegand, wirft dem Klinikum indes vor, wichtige Patientenunterlagen zurückzuhalten. Nur mit diesen könnten die Eltern ein anderes Transplantationszentrum im Ausland finden: "Das ist ein klarer Verstoß gegen die Patientenrechte", sagte der Gießener Anwalt der Zeitung.

In dem Fall geht es auch um viel Geld: 400.000 Euro haben die Eltern dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg für die ursprünglich vereinbarte Operation gezahlt. Laut dem Zeitungsbericht liegen die Kosten inzwischen aber bereits bei fast 600.000 Euro.

rls/dpa

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