Hightech auf dem Lande Bauer Hein, der Apfel-Tuner

Vor 20 Jahren kam Hein Lühs die Idee, seine Äpfel mit Hilfe der Sonne und einer kleinen Schablone zu verzieren. Ein Einfall mit Erfolg. Inzwischen produziert der findige Obstbauer Logo-Äpfel mit Hilfe modernster Technik - er lasert sie.

Von Markus Brügge


Herzapfel von Bauer Lühs' Plantage: "Alles Natur"

Herzapfel von Bauer Lühs' Plantage: "Alles Natur"

Jork - Äpfel sind wie lange Unterhosen. Oder wie ein VW Golf. Sehr vernünftig. Lange haltbar. Und sehr langweilig. Bananen lösen immerhin die Frage aus, warum sie krumm sind. Ananas erzählen eine Geschichte von tropischer Schönheit. Erdbeeren sind rot und sexy. Vielleicht sind Äpfel deshalb auch ein sehr deutsches Obst.

Allein, es gibt auch für den Apfel Hoffnung. Die Hoffnung ist 43 Jahre alt, flachsblond, sehr norddeutsch - und heißt Hein Lühs, Beruf: Obstbauer. Und der Findigkeit von Hein Lühs ist es zu verdanken, dass Äpfel aus Osterjork im Alten Land, gleich vor den Toren Hamburgs, ein bisschen exotisch sein dürfen. Lühs' Äpfels tragen im Dezember einen Tannenbaum oder eine Sternschnuppe. Und zu Ostern hoppelt auf ihnen ein Hase. Oder sie werben für die Sparkasse, einen Pharmakonzern oder die Lufthansa: Bauer Lühs ist Apfel-Tuner.

Begonnen hat alles vor gut 20 Jahren. Mit einem Blatt, das auf einem von Hein Lühs' Äpfeln klebte. Und zwar so fest, dass sich ein exakter Blattabdruck auf der Schale abgezeichnet hatte. "Ein Apfel mit Bikini-Effekt", sagt Lühs heute und lacht. Soll heißen: Dort, wo das Sonnenlicht nicht auf die Apfelschale treffen konnte, weil sie das Blatt bedeckte, blieb eine helle Stelle. So kann man im Prinzip jedes Motiv ganz natürlich auf einen Apfel bringen, erkannte der Bauer.

Inspiriert von dem Zufalls-Logo auf seinem Apfel probierte Hein Lühs eine Weile herum. Eine ziemlich lange Weile sogar - auf dem Land hat man noch Zeit. Fünf, sechs Jahre lang entwarf Lühs verschiedene Motive, klebte Schablonen auf Äpfel, ließ die Sonne darauf scheinen und die Früchte wachsen. Mal waren die Schablonen zu lose und segelten bei Sturm zu Boden. Mal waren sie zu fest und beim Lösen riss die Schale mit ab.

Hein Lühs neben seinem automatischen Apfel-Logo-Laser: 30.000 High-Tech-Früchte in der Saison 2003
SPIEGEL ONLINE

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"Es war halt eine Spielerei. Dass sich aus diesem Gag mal mehr entwickeln würde - daran hab ich nie geglaubt." Damals lief das Geschäft mit dem Obst denkbar schlecht, Billigware aus dem Ausland verdarb die Preise - und Lühs dachte so manches mal darüber nach, ob es nicht besser wäre, seinen Lebensunterhalt mit einem sicheren Job zu verdienen.

Aber die Lühs sind Bauern in der vierten Generation und so leicht mochte er die Familientradition nicht aufgeben. Als die Schablonen endlich hielten, beklebte Hein Lühs 10.000 Äpfel mit einem einfachen aber weltweit bekannten Logo: einem Herz. "Die haben wir dann an unsere Hochzeitsgäste verschenkt." Die Lokalzeitung berichtete darüber, dann kam eine weitere Zeitung, dann das Radio - und aus Lühs Hochzeitspräsent wurde eine Geschäftsidee.

Keine, die sofort Riesengewinn brachte und Hein Lühs zu einem reichen Mann machte. Jork liegt schließlich in Niedersachsen und nicht in Hollywood. Anfangs schüttelten die Nachbarn ein bisschen den Kopf über den "Herzapfelbauern". "Die dachten vielleicht, mir sei ein Teil der Ernte auf den Kopf gefallen", sagt Lühs und lacht sein leises Lachen. Auch die Kunden waren zunächst skeptisch: "Einige haben erst mal an den Herzen rumgerieben, um zu sehen, ob die abgehen." Andere mäkelten, die Motive seien bestimmt mit Säure in den Apfel geätzt worden. "Stimmt aber nicht - alles Natur", versichert Bauer Lühs.

Äpfel? Na Logo!

Und mit der Zeit wurde Bodenständigkeit wieder modern, die Menschen sehnten sich nach Natürlichkeit und ländlicher Idylle. Gute Zeiten für Äpfel mit backsteinroten Bäckchen, die ein weizengelbes Herz ziert.

Jonagold-Apfel im Laser: Wochenlang getüftelt, die Experten gelöchert
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Und weil man mit Sonne und Schablonen nicht nur Herzchen auf die Schale zaubern kann, wurde aus Bauer Lühs' Obsthof irgendwann eine kleine Werbemittelfabrik. Lühs holt eine Stiege Äpfel aus dem Kühlraum und zeigt die Werbeträger, Sorte Jonagold, festes Fleisch, rot-grün und knackig. Das Sparkassen-Logo findet sich darauf, der Slogan der Stadtwerke Trier, das Firmen-Signet eines Pharmakonzerns, der Schriftzug der anuga-Messe. Sogar CDU- und SPD-Äpfel hat Lühs schon wachsen lassen - "und das an einem Baum", sagt der Obstbauer. Gut 200 Firmen und Vereine hat Hein Lühs auf diese Weise schon mit seinen Äpfeln bedient.

Die Stückzahlen der Werbe-Äpfel liegen zwischen einigen hundert und einigen hunderttausend. 1995 etwa führte die Lufthansa neue Preise ein und orderte im Alten Land rund 130.000 Äpfel mit Kranich. Die wurden an den deutschen Flughäfen und in Reisebüros verteilt - und die Fluglinie gewann einen Marketingpreis mit ihrer Aktion.

Aber irgendwie ließ Hein Lühs seine Obstbauernschläue keine Ruhe. Dass seine Logo-Äpfel von Wind und Wetter abhängig waren, das störte ihn. "Wenn man einen schlechten Sommer hat, ein Hagelschauer - dann kann ein kompletter Auftrag hinüber sein." Aber Äpfel kann man nicht bedrucken wie Postkarten oder Bierdeckel.

Lühs wurde inspiriert durch eine Firma in Alzenau, die mit Laserstrahlen Firmenlogos und andere Botschaften auf verschiedene Obstsorten zaubert. Der Firma Kirchhoff - Prima Werben wurde beim Patentamt dafür das Deutsche Warenzeichen erteilt. Seit 2001 lasert das Unternehmen Äpfel, Birnen, Orangen und sogar Bananen.

Die Idee mit dem Laser gefiel Lühs. Wenn man Altersflecken von der Haut schonend weglasern kann, wieso dann nicht auch Logos auf die Apfelhaut, dachte er sich schließlich - und fragte bei den Ingenieuren nach. Und dann bei den Laserherstellern. Und dann bei den Medizinern. Die hatten sich zwar mit Oberflächen wie Kunststoff, Metall oder Haut befasst, aber noch nie mit einer Apfelschale. Die ist uneben, manchmal hat sie kleine Nöppchen oder Verwachsungen.

SPIEGEL ONLINE-Apfel, Verpackung: Lühs produziert Einzelaufträge aber auch große Stückzahlen mit seinem Apfel-Laser
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So bastelte Hein Lühs an seinem Apfel-Logo-Laser wie er einst an seinen Schablonen gebasteltet hatte. Löcherte die Experten, testete, verwarf, probierte wieder. Bis er im Mai 2003 die Produktion aufnahm. Da stand in seiner Scheune ein Laser für 150.000 Euro - und versengte ihm anfangs die Äpfel reihenweise, zu stark war der gebündelte Lichtstrahl für die zarte Schale. Dann wiederum war der Laser zu schwach, die Logos zu blass.

Aber der Dickkopf Lühs wollte einen Apfellaserapparat, der funktioniert. Kurz gesagt: Die Technik hat sich der norddeutschen Sturheit gebeugt. In der Saison 2003 kamen zu den 300.000 Logo-Äpfeln, die an den Bäumen wuchsen, gut 30.000 Äpfel dazu, die in der Scheune mit einem Firmen-Signet, einem Werbespruch, einem Namen oder einem Heiratsantrag versehen wurden. Etwa 30 Sekunden braucht der Laser, um einen Apfel zu signieren, dann rollt das Obst über ein Laufband in einen Auffangkorb. Vor dem Lasern wird der Apfel per Lichtstrahl exakt vermessen, dann bleicht gebündeltes Licht das gewünschte Motiv in die Schale.

Heiratsanträge per Apfel hatte Lühs übrigens schon einige unter seinen Kundenwünschen. "Vor Weihnachten wollte einer sogar ganz sicher gehen: Der hat drei Äpfel lasern lassen - einen mit der Frage, einen mit 'Ja' und einen mit 'Nein'." Vermutlich hat die künftige Braut den ablehnenden Apfel einfach aufgegessen.

So macht Hein Lühs im Alten Land aus soliden deutschen Äpfeln manchmal sogar eine Frucht der Verlockung. Ob der Obstbauer, der zugibt, das ihm seine Logo-Äpfel vom Baum mehr ans Herz gewachsen sind als die High-Tech-Früchte aus dem Laser, manchmal vom perfekten Apfel träumt - rot und prall, mit einem makellosen Motiv? "Ach wissen Sie, das möchte ich gar nicht", sagt Lühs und lächelt. "Wir Menschen haben ja schließlich auch alle unsere Macken."



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