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Hilfe für bedrängte Frauen: Wenn Zivilcourage tödlich endet

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Der Nigerianer Emeka Okoronkwo sah, wie Männer zwei Frauen belästigten. Der 21-Jährige schritt ein - immerhin hatte er Seminare für Streitschlichtung besucht. Seine Zivilcourage bezahlte er mit dem Leben.

Tödliche Zivilcourage: Der Fall Emeka Okoronkwo Fotos

Hamburg - An der Straßenbahnhaltestelle in der Münchener Straße im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main liegen Tulpen und Rosen, Grablichter flackern im Frühlingsregen. Hier neben einem fahlen Sicherungskasten starb am vergangenen Sonntagmorgen Emeka Okoronkwo, ein junger Mann aus Nigeria, der als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen war.

Im Polizeipräsidium haben die Beamten der Mordkommission inzwischen die letzten Minuten im Leben des 21-Jährigen rekonstruiert. Fest steht, dass Okoronkwo zwei Frauen helfen wollte, die von fremden Männern bedrängt wurden. Die Frauen hatten um 6.40 Uhr die Salsa-Discothek "Chango" verlassen und warteten an der nahegelegenen Haltestelle auf die nächste Straßenbahn. Dort stand auch Okoronkwo, der ebenfalls auf die Tram wartete. Man kannte sich nicht und sprach auch nicht miteinander.

Auf die drei schlenderten zwei Afrikaner zu, sprachen die 29 und 43 Jahre alten Frauen "in obszöner Art und Weise" an, wie Polizeisprecher Alexander Kießling sagte. Es sei darum gegangen, die Frauen zum Sex zu drängen. Die Männer aus Eritrea bepöbelten die beiden wüst, die Frauen wehrten sich verbal. Die Männer wurden aggressiv, einer spuckte den Frauen ins Gesicht.

Da schritt Emeka Okoronkwo ein und stellte sich schützend vor die Opfer. "Unseren Erkenntnissen zufolge kam es zu einer Rangelei zwischen ihm und den beiden Tätern", sagt Kießling. Das Handgemenge dauerte laut Polizei keine Minute, plötzlich zog dann einer der Männer ein Messer und stach Okoronkwo gezielt links in die Brust. Der Nigerianer sackte zusammen. Einige Stunden später erlag er in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen an der Herzkammer.

Emekas größter Traum: Koch in einem Nobelhotel

Emeka Okoronkwo hatte einen Plan vom Leben, das in seinem Heimatland Nigeria unter ungünstigen Vorzeichen begonnen hatte. Seine Mutter war gerade 17 Jahre alt, als sie Emeka zur Welt brachte. Im Alter von acht Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. In Langen, nahe Frankfurt, fanden sie ein neues Zuhause.

Okoronkwos Mutter ist tief erschüttert über den Tod ihres Sohnes. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Emeka war einfach nur ein guter Junge", sagt die 38-Jährige und weint. Er habe sich rührend um seine sieben Jahre alte Schwester gekümmert, sei ihr Beschützer gewesen.

Emeka besuchte Schulen in Langen und in Sprendlingen. Er absolvierte nach dem Hauptschulabschluss einige Berufsfortbildungsmaßnahmen. Im Januar 2009 begann er eine Lehre zum Restaurantfachmann im Kolpinghaus, machte ein Praktikum in einem großen Hotel in Frankfurt. Im Sommer sollte er dort übernommen werden, um seine Lehre mit einer Ausbildung zum Koch zu erweitern. Sein Traum war es, eines Tages in einem Nobelhotel zu arbeiten. Besser heute als morgen.

Emeka habe ihr beweisen wollen, dass er ein Mann sei und sei deshalb Ende vergangenen Jahres aus der elterlichen Wohnung ausgezogen, erzählt seine Mutter. Im Kolpinghaus nahe der Konstablerwache in Frankfurt bezog er Ende 2009 ein Zimmer. "Er war zielorientiert, sehr ehrgeizig und auf seine Zukunft konzentriert", sagt Sania Zayan, die als Psychologin und Pädagogin für Azubis im Kolpingwerk arbeitet und den Nigerianer gut kannte. "Er hatte eine Vorstellung von seinem Leben, die ich mir von anderen Auszubildenden wünschen würde. Er war etwas Besonderes."

Zayan müht sich nun, die Trauer im Kolpinghaus aufzufangen. Ein anderer Auszubildender war zufällig wenige Minuten nach dem blutigen Überfall am Tatort und sah seinen Freund auf dem Asphalt liegen. "Für uns alle ist Emekas Tod unbegreiflich. Er hat immer sein Bestes geben wollen, konnte gut verhandeln und diskutieren. Es gibt Menschen, die füllen einen Raum, wenn sie eintreten. Er war so ein Mensch." Alkohol, Drogen, Gewalt habe er verabscheut.

Er hat immer mit Worten gekämpft, nie mit Gewalt

Emeka habe sich "im positiven Sinne oft eingemischt", sagt Zayan. "Aber immer nur mit Worten. Er war kein Schläger, keiner, der Streit anzettelte." Auch seine Mutter sagt voller Stolz: "Wenn er eine Meinung hatte, hat er sie verteidigt und mit Argumenten für sie gekämpft." Der junge Nigerianer hatte im Jugendzentrum Dietzenbach an Seminaren als Streitschlichter teilgenommen. Sein Gerechtigkeitssinn, seine Hilfsbereitschaft haben ihn das Leben gekostet. "Ein tragischer Fall von Zivilcourage", sagt Polizeisprecher Kießling.

Nach der Tat flüchteten die beiden Männer zunächst in Richtung Kaiserstraße. Die Ermittler fahndeten mit Phantombildern nach ihnen, die Staatsanwaltschaft setzte für Hinweise, die zur Ermittlung und Ergreifung der mutmaßlichen Täter führen, eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro aus. Okoronkwos Freunde entwarfen aus den Phantombildern Flugblätter und verteilten sie in Frankfurt. Einmal glaubten sie den Haupttäter entdeckt zu haben, informierten die Polizei. Ein Fehlalarm.

Am Donnerstag konnten die beiden flüchtigen Männer aufgrund eines entscheidenden Hinweises in ihren Wohnungen in Schwanheim und Dreieich festgenommen werden. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es um einen 34-jährigen Eritreer, er kam am Freitag in Untersuchungshaft. Sein Begleiter, ein 24-jähriger Landsmann, ist inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Der 34-Jährige habe in der Vernehmung vor dem Ermittlungsrichter angegeben, nur aus Notwehr zugestochen zu haben, sagte Doris Möller-Scheu, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. "Doch das entspricht weder den bisherigen Ermittlungsergebnissen noch den Zeugenaussagen."

Wird Emeka Okoronkwo die gleiche Würdigung zuteil wie Dominik Brunner?

Am vergangenen Mittwoch trafen sich rund hundert Freunde und Angehörige, nahmen in einer Trauerfeier Abschied von dem Nigerianer und zogen anschließend durch die Frankfurter Innenstadt zum Tatort. Auf den Asphalt legten sie ein T-Shirt mit einem Foto des Nigerianers. Darauf stand: "Egal, wo du jetzt bist. Du bist und bleibst ein Held."

Das Kolpingwerk hat inzwischen die Dominik-Brunner-Stiftung kontaktiert. Emeka habe wie Dominik Brunner andere Menschen beschützen wollen und dafür sterben müssen. "Dabei ist es egal, ob das Opfer schwarz oder weiß und sich der Vorfall in einer S-Bahn oder auf der Straße abgespielt hat", sagt der Geschäftsführer des Kolpinghauses, Arnold Tomaschek.

Auch Eugen Emmerling, der stellvertretende Frankfurter SPD-Vorsitzende, lobte in einem Brief an Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) den Mut des getöteten Mannes. Dieser habe ein "Zeichen gegen die Unkultur des Wegschauens in Notlagen" gesetzt, heißt es in dem Schreiben. Emmerling sprach sich für eine postume Ehrung aus. Auch Freunde des Opfers fordern, ihm eine Bürgermedaille zu verleihen.

Am 17. Mai 2010 soll Emeka Okoronkwo um 11 Uhr auf dem Friedhof in Langen bestattet werden.

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