Hilferuf von Nikobaren-Insel "Im Westen sehen wir nur noch Wasser"

Der 13-jährige Koshi Mackenroe John sah etwas, was er noch nie zuvor gesehen hatte: Seine Insel Katchal im Indischen Ozean wurde von den gigantischen Tsunamis überrollt. Jetzt sind Briefe aufgetaucht, in denen der Junge seine Erlebnisse beschreibt.

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Notizen eines Überlebenden: "Hoffentlich findest du den Brief recht bald"
AP

Notizen eines Überlebenden: "Hoffentlich findest du den Brief recht bald"

Hamburg - "Lieber Onkel", schreibt der Junge am 28. Dezember 2004. "Alles ist vorbei. Etwa 800 Hektar Land wurden überschwemmt und durch die Flut zerstört. Wir hungern hier, und wir versuchen Nachrichten zu schicken. Alle Kommunikationszentren sind zerstört."

Um 6.30 Uhr am Morgen des 26. Dezember hatten nach einem Erdbeben der Stärke 9,0 mehrere Flutwellen das aus 500 Inseln bestehende Archipel der Andamanen und Nikobaren überrollt, das zwischen Indien und Myanmar im Indischen Ozean liegt. Satellitenbilder des Eilands vor und nach der Katastrophe zeigen, dass etwa ein Viertel der Insel komplett im Wasser versunken ist. Nach Angaben der Bezirksregierung der Andamanen werden allein auf Katchal 4657 Menschen vermisst. Nur 96 Tote konnten dort geborgen werden. Bei der letzten Volkszählung 2001 hatten die Behördenvertreter 5312 Menschen auf der Insel registriert. Die Überlebenden wurden zum größten Teil in fünf Camps untergebracht, 100 Menschen wurden auf andere Inseln gebracht.

Luftbild von Katchal: "Ein Hubschrauber kam, aber ist nicht gelandet"
REUTERS

Luftbild von Katchal: "Ein Hubschrauber kam, aber ist nicht gelandet"

In seiner Verzeifelung schrieb Koshi Mackenroe John einen Brief nach dem anderen. Zwei der Überlebensberichte erreichten tatsächlich den Onkel im entfernten Port Blair, der Hauptstadt der Andamanen-Hauptinsel. Flüchtlinge hatten den handschriftlichen Hilferuf des verzweifelten Kindes überbracht. "Ich habe an die Behörden geschrieben", berichtet der 13-Jährige. "Aber ich weiß nicht, ob sie mein Brief erreicht hat. Alles hier ist zerstört, etwa 2600 Menschen haben ihr Leben verloren", schreibt der Junge am zweiten Tag nach den Tsunamis. "Im Westen sehen wir nur Wasser und Wasser... Wir sehen kein Land und keine Insel im Westen."

Hüttenbau auf der Nachbarinsel Car Nicobar: Ungewisses Schicksal
REUTERS

Hüttenbau auf der Nachbarinsel Car Nicobar: Ungewisses Schicksal

Am 28. Dezember sei ein Helikopter über der Insel gekreist. "Wir haben Signale gegeben, aber der Chopper ist nicht gelandet." Das Erdbeben sei "ziemlich stark" gewesen, schreibt der Junge. "Es hat elf Minuten gedauert. Die Flut hat das ganze Land verwüstet. Ich hoffe, du bekommst diesen Brief sehr schnell", heißt es weiter. "Wir brauchen schnelle Hilfe." Ein Boot sei von einer Nachbarinsel gekommen und habe einige Nahrungsmittel gebracht. Die Besatzung hätte erzählt, dass manche Inseln ganz verschwunden seien.

Zu den vielen Toten auf der Insel gehörten auch seine Lehrer, schreibt der Junge: "Alle Lehrer außer Fräulein Evely und ihre Familie, Verghese und Molly Madam sind tot." Seine Familie habe sich retten können und "auch Onkel Sylvester und seine Frau. Aber sie konnten die Leben ihrer drei Kinder nicht retten. Nuni und alle anderen sind tot, außer zwei Kindern. Von der Familie Livingstone ist niemand entkommen. Alle sind tot oder werden vermisst, außer dem Sohn Anthony."

Zwischen dem 26. Dezember und dem 4. Januar haben die Erdbebenwarten 97 Erdstöße in der Region registriert - allerdings wurden lediglich Beben ab einer Stärke von 5,0 auf der nach oben offenen Richterskala gezählt.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP wurde der 13-Jährige mit seiner Familie inzwischen gerettet. "Aber", so sorgt er sich, "auch am fünften Tag ist niemand gekommen, um die Leichen zu bergen". Würden die toten Körper nicht geborgen, sei das die nächste Katastrophe für die "Überlebenden, die jetzt um ihr Überleben kämpfen".

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