Vermisster deutscher Bergsteiger: Am Ende der Hoffnung

Von Anna Kistner

Mario Menichetti aus Salem am Bodensee suchte die Einsamkeit der Wildnis, einen Monat lang wollte er im Himalaja wandern. Doch von der Reise kehrte er nicht zurück, in der Einöde Nepals verlor sich seine Spur. Seine Frau kämpft, damit ihr Mann lebend gefunden wird. Doch die Hoffnung schwindet.

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Screenshot der Website der "Sar Dogs Nepal": Belohnung von 1000 Dollar ausgesetzt

Der Nordwesten Nepals ist ein unwirklicher Ort. Menschenleere Wildnis, unberührte Natur, tiefe Täler mit freier Sicht auf die höchsten Bergspitzen der Welt. Die Zeit steht dort still, Telefonleitungen, Internet, noch nicht mal GPS-Empfang gibt es. Einheimische nennen die Dolpo-Region im Himalaja "das versteckte Tal".

Hierhin brach der 54-jährige Mario Menichetti aus Salem am Bodensee Mitte Oktober auf. Einen Monat lang wollte er auf dem als anspruchsvoll und einmalig geltenden Dhorpatan Dolpo Trek wandern. Alleine mit sich und der Natur. Am 10. November sollte sein Flug zurück nach Deutschland gehen. Doch am Flughafen wartete Diana Menichetti vergeblich auf ihren Mann. Er war nicht an Bord.

"Von dem Moment an wusste ich, dass etwas nicht stimmt", sagt die 43-Jährige. Ihr Mann hatte schon in viel einsameren Gebieten Trekking-Touren unternommen, fünfmal war er vor dem Wanderurlaub im Himalaja in Nepal unterwegs gewesen. Lange Funkstille-Phasen waren nichts Ungewöhnliches. "Am 26. Oktober wurde Mario am Check Point des Dhorptan National Park registriert", schreibt sein Bruder im "Lonely Planet"-Forum für vermisste Reisende. Hinweise, dass andere Touristen Mario Menichetti auf dem Weg gesehen haben, gibt es bislang nicht.

Mit jedem neuen Tag schwindet die Hoffnung der Familie, dass Mario Menichetti lebend gefunden wird.

"Mein Mann ist zäh, er kann es schaffen"

"Ich glaube, dass er irgendwann vom Weg abgekommen ist, dass er in der Wildnis die Orientierung verloren hat und dass er alles daran setzten wird, aus eigener Kraft wieder auf den Trekking-Pfad zu gelangen", sagt seine Frau. "Mein Mann ist zäh, er kann es schaffen." Sie hat eine Rettungsaktion gestartet. Nun, nach drei Wochen, hat sie der Einsatz an den Rande des Ruins gebracht.

Anfangs suchte sie Hilfe bei offiziellen Stellen, die Polizei schrieb Mario Menichetti zur Fahndung aus. Beamte nahmen seine Zahnbürste mit aufs Revier, zur Sicherstellung von DNA-Spuren. Das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft versprachen, sich um den Fall zu kümmern. Gehört hat Diana Menichetti seitdem nichts mehr von den Behörden. "Einmal meldete sich eine Seelsorgerin vom Roten Kreuz und bot Hilfe an", sagt Menichetti. Der Anruf kam wohl auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes. Für die Frau des Vermissten klang das nach Vorbereitung auf den Ernstfall, nicht nach Hoffnung.

Anfang dieser Woche erhielt sie erste Hinweise auf den Verbleib ihres Mannes. Diana Menichetti hatte auf eigene Rechnung eine deutsch-nepalesische Hundestaffel engagiert, die "Sar Dogs Nepal". Die von deutschen Hundetrainern und Schweizer Helikopterpiloten ausgebildete Truppe gab ihr den Tipp, 1000 Dollar für Hinweise auf den Verbleib ihres Mannes auszuloben und die Suche auf Twitter öffentlich zu machen.

Tatsächlich meldeten sich Jäger aus der Region, die Menichettis Zelt und seinen Schlafsack in einer Schlucht entdeckt hatten. Spürhunde wurden eingeflogen, sie konnten seine Fährte aufnehmen.

40.000 Euro für die Suche

Auf ihrem Twitter-Kanal schrieben die Helfer unter ein Bild, das einen Hubschrauber zwischen zwei Steilwänden zeigt: "Wie kann sich jemand in eine solche Falle verirren? Mario hätte sich niemals alleine in dieses Gebiet aufmachen sollen :-(."

"Einheimischen zufolge kommt man in dieses Tal irgendwie hinein, aber wegen der steilen Felswände nicht wieder hinaus", sagt Diana Menichetti. Auch die Hundestaffel verlor Menichettis Spur nahe der Steilwände. "Er hat mit Zelt und Schlafsack versucht, eine Spur zu legen, um dann mit leichtem Gepäck irgendwie den Aufstieg zu schaffen", mutmaßt Diana Menichetti. Sie schätzt, dass ihr Mann vier Wochen in der Schlucht überlebt hat.

Tatsächlich fanden sich an diesem Mittwoch Spuren im Schnee des nahe gelegenen Purbang-Passes in 4000 Metern Höhe. Jäger gaben an, einen ausgemergelten Europäer mit spärlicher Trekking-Ausrüstung beobachtet zu haben.

Doch die Hoffnung währte nur wenige Stunden. Am Donnerstag ließ sich der angeblich umherirrende Europäer mit Hilfe eines Rettungshubschraubers orten. Es handelte sich bei ihm nicht um Mario Menichetti, sondern um einen französischen Trekking-Touristen. Von ihm stammten auch die Spuren im Schnee.

Diana Menichetti weiß nicht mehr weiter. "Wir werden die Suche diesen Freitag vorerst einstellen müssen", sagt sie und weint. Es ist der Geburtstag ihres Mannes. Diana und Mario Menichetti haben zwei Kinder, sie sind fünf und sieben Jahre alt. "Jeden Tag fragen sie, wann ihr Papa endlich wieder heimkommt."

40.000 Euro hat Diana Menichetti in den letzten drei Wochen für die Suche nach ihrem Mann ausgegeben. Sie hofft auf Unterstützung durch Spenden. Ein Helikoptereinsatz kostet pro Stunde 2000 Euro, eine Hundestaffel 500 Euro. Hilfe von der Reiseversicherung kann sie nicht erwarten. "Die zahlen für die Rettung eines Verunglückten oder die Bergung einer Leiche, aber nicht für die Suche nach jemandem, der falsch abgebogen ist und sich verlaufen hat."

Hoffen auf ein Wunder

Ein Sprecher des ADAC Deutschland bestätigt, dass ein solcher Extremfall nicht versicherbar ist: "Wir haben keine Kapazitäten, wochenlang eine solch aufwendige Rettungsaktion zu betreiben." Mit jährlich 15.000 Krankenrücktransporten habe man genug zu tun. Private Unfallversicherungen garantieren laut ADAC bei Bergung und Rettung Pauschalen zwischen 5000 und 10.000 Euro. Alle Kosten, die darüber hinausgehen, muss der Versicherte selbst übernehmen.

Diana Menichetti kann nun nur noch auf ein Wunder hoffen. Sie spricht leise von einem "Leuchten am Himmel", das ihrem Mann, falls er noch lebe, Kraft geben möge.

Dawa Steven Sherpa, Chef von Asia Trekking, einer der größten Agenturen in Katmandu, hält es für nicht ausgeschlossen, dass Mario Menichetti nach so langer Zeit in der Wildnis noch lebt. "Es gibt dort einen Fluss, an Wasser wird es ihm nicht mangeln," sagt er. Jedes Jahr führen er und seine Leute 1000 Touristen durch das Himalaja-Gebirge. Auch den Dhorpatan Dolpo Trek hat er im Angebot. Im Mai war er zuletzt mit einer Gruppe in dem Gebiet. "Man ist dort komplett auf sich alleine gestellt", sagt er. Die Trekking-Route liege in einem Gebiet ohne Infrastruktur, sei nur schwer zu erreichen, der Pfad spärlich ausgeschildert. Es gebe nur veraltete Wanderkarten, man müsse die wenigen Menschen vor Ort nach dem Weg fragen können.

Dawa sagt, er könne verstehen, dass Menschen in unberührter Natur alleine mit sich und der Welt sein wollen. Die Dolpo-Region gelte nicht als gefährlich für Touristen, Überfälle oder Entführungen seien selten. "Ich rate trotzdem immer davon ab, sich alleine auf eine Tour zu begeben", warnt er. "So gut wie alle Touristen, die in den letzten Jahren in Nepal umgekommen sind, waren allein unterwegs." In solch schwierigem und menschenleerem Terrain reiche schon ein glitschiger Stein, ein einziger Fehltritt, um in ernste Gefahr zu geraten.


Helfer können ihre Spende auf das Konto des gemeinnützigen Vereins "Rettungshunde für Nepal" überweisen. Kontonummer 205 00 68 25 bei der Sparkasse Gießen (BLZ 513 500 25), Stichwort: "Suchaktion für Mario Menichetti".

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Bevölkerung: 29,959 Mio.

Hauptstadt: Katmandu

Staatsoberhaupt: Ram Baran Yadav

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