Hinrichtungen in Huntsville Der Chronist des Todes

Huntsville ist klein, Huntsville ist ruhig. Und Huntsville hält einen makabren Rekord: Nirgendwo sonst in der westlichen Welt werden so viele Menschen hingerichtet wie in der texanischen Kleinstadt. Mark Passwaters ist jedes Mal dabei: Der 26-Jährige sieht für die Lokalzeitung Menschen beim Sterben zu.

Von , Huntsville/Texas


Todeszelle im Gefängnis von Huntsville: "Als ob jemand operiert wird"
DPA

Todeszelle im Gefängnis von Huntsville: "Als ob jemand operiert wird"

Der Chronist des Todes ist klein, stämmig, hat einen strammen Bierbauch und dicke Arme, kleine Augen und borstig-kurzes Haar. Sein intimes Verhältnis zum Tod ist Mark Passwaters nicht anzusehen. Doch obwohl er erst 26 Jahre alt ist, gibt es in den USA kaum einen Menschen, der in diesem Jahr mehr Hinrichtungen miterlebt hat. Jede einzelne ist auf der Death Row Homepage des texanischen Department of Criminal Justice dokumentiert.Heute steht Passwaters' 21. Hinrichtung auf dem Programm. Craig Neil Ogan, 48, hat vor 13 Jahren den Streifenpolizisten James Boswell erschossen.

Lokalreporter Passwaters: "Ich berichte nur"
Foto: Markus Becker / SPIEGEL ONLINE

Lokalreporter Passwaters: "Ich berichte nur"

Mark Passwaters ist gut gelaunt. Über Huntsville lacht die Sonne, nach tagelangem Regen endlich wieder ein warmer Novembertag. Mit einem kräftigen Händedruck empfängt er den seltsamen Journalisten aus Europa, der es aus irgendeinem Grund außergewöhnlich zu finden scheint, dass ein 26-Jähriger alle zwei Wochen einem Menschen beim Sterben zuschaut.Es ist 10 Uhr vormittags. Craig Ogan sitzt auf der "Death Row" in einem Gefängnis namens "Polunsky Unit", zusammen mit 456 weiteren Todeskandidaten. Er bekommt Besuch. Die "Death Watch" behält den Verurteilten an den zwei Tagen vor der Hinrichtung rund um die Uhr im Auge. Jede von Ogans Bewegungen wird notiert, egal ob er schläft, einen Brief schreibt oder einen Keks isst. Die Liste wird nach seinem Tod veröffentlicht werden.

Aus der Redaktion in die Gefängnis-Pressestelle

Mark Passwaters arbeitet seit etwa einem Jahr beim "Huntsville Item". So lange hat es sein Vorgänger nicht bei der alteingesessenen Lokalzeitung ausgehalten. Nach wenigen Wochen als Polizei- und damit Hinrichtungsreporter beendete Dan Bell seine Mitarbeit und wurde durch Passwaters ersetzt. "Er wollte nicht mehr als Journalist arbeiten", sagt Passwaters.

Akte von Craig Ogan auf der "Death Row Homepage": "Ich habe mich selbst verteidigt"

Akte von Craig Ogan auf der "Death Row Homepage": "Ich habe mich selbst verteidigt"

Bells Vorgängerin hieß Michelle C. Lyons, und im Gegensatz zu Bell ließ sie es in ihren Exekutions-Berichten allenfalls auf der Seite der Opfer-Familien menscheln. Die Tochter von "Huntsville Item"-Herausgeber David Lyons berichtete mit 24 Jahren über ihre erste Hinrichtung - und erledigte ihre Arbeit offenbar so gut, dass sie nach wenigen Monaten in die Pressestelle der Gefängnisverwaltung wechselte. Man kennt sich eben in einer Kleinstadt wie Huntsville. Dorf, Zeitung und Gefängnis sind gemeinsam groß geworden: Das "Item" existiert seit 1850, zwei Jahre vorher wurde das "Walls Unit" gebaut, das älteste der sechs Zuchthäuser in und um Huntsville. Auf die 35.000 Einwohner der Kleinstadt kommen rund 9000 Gefangene. Das Gefängnis ist der mit Abstand größte Arbeitgeber in der Stadt, in ihm werden mehr Menschen hingerichtet als sonst wo in der westlichen Welt. Von den über 700 Gefangenen, die in den USA seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976 exekutiert wurden, starben allein 287 in Huntsville.



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