Hintergrund: Haiti, ein geschundenes Land

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Kolonialherrschaft, Sklavenhandel, Korruption und Machtmissbrauch - die Geschichte Haitis ist geprägt von Härten und Hoffnungslosigkeit. Ein Aufbruch in die Moderne gelang nie, das Land ist das Armenhaus Amerikas.

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Erdbeben in Haiti: "Sie beten, sie weinen"
Hamburg - Die Insel Hispaniola - heute geteilt in die Staaten Haiti und Dominikanische Republik - war 1492 der Außenposten des amerikanischen Kontinents, wo der von den spanischen Königen ausgesandte Seefahrer Cristóbal Colón mit seinem europäischen Eroberertrupp zuerst landete.

Die Urbevölkerung wurde in der Folge fast vollständig ausgerottet. Zur Arbeit auf den Zuckerplantagen holten die Kolonialherren Ende des 17. Jahrhunderts Sklaven aus Afrika. 1697 traten die Spanier das westliche Drittel der Insel an die Franzosen ab. Es war die reichste Kolonie Frankreichs, "Perle der Antillen" wurde sie genannt.

Der Nationalheld Toussaint L'Ouverture schlug mit einem Haufen schlecht bewaffneter Bauern und Sklaven die von Napoleon Bonaparte entsandte französische Armee und schüttelte das Kolonialjoch ab.

Am 1. Januar 1804 wurde auf der Insel die erste unabhängige Republik von Schwarzen und Mulatten ausgerufen: getauft Haiti.

Entschädigungszahlungen an Plantagenbesitzer

Die Haitianer zahlten jahrzehntelang an die französischen Plantagenbesitzer Entschädigung. Davon erholte sich die Wirtschaft nicht. Denn der Großgrundbesitz wurde in kleinen Parzellen an die Bevölkerung aufgeteilt, der Export von Früchten und Kaffee brach zusammen. Das Land begann so seinen unaufhaltsamen Abstieg ins Elend.

Zwischen 1915 und 1934 besetzten die USA Haiti.

Die Diktatur des ehemaligen Landarztes François Duvalier, genannt Papa Doc, der mit seinen Schlägertruppen ab 1964 ein wahres Schreckensregime etablierte, und seines Sohnes "Baby Doc" ab 1971 bluteten das Land aus. Zwar vertrieben die Haitianer 1986 ihren Despoten - vier Jahre später wählten gerade die elenden Massen in den Slums den Armenpriester Jean-Bertrand Aristide mit seiner Partei Lavalas ("Die reißende Flut") zum Präsidenten. Doch Aristide wurde wenig später weggeputscht.

Nachdem er mit seiner Exilregierung in Washington politische Bündnisse geschmiedet hatte, gelang Aristide Ende 1994 die Rückkehr ins Amt für zwei Jahre. Erneut gewann er die Wahlen 2000 mit kaum glaublichen 90 Prozent der Stimmen. Doch die Hoffnungen seiner Unterstützer erfüllten sich nicht: Aristide wurde selbstherrlich, nutzte seine Macht für die Ausbeutung und Selbstbereicherung, bis er im Februar 2004 ins Exil nach Südafrika ging.

Politische Instabilität

2005 wurde Aristides einstiger Weggefährte René Préval, der sich mit einer eigenen Partei "Lespwa" ("Die Hoffnung") abgespalten hatte, zum Präsidenten gewählt. In den vergangenen sechs Jahren lösten sich dann sechs Premierminister an der Regierung ab.

Die politische Instabilität wurde von Préval in seinem weißen Palast noch geschürt, so verhinderte er beispielsweise im vergangenen Oktober nicht den Sturz der effektiven ehemaligen Entwicklungshelferin Michèle Pierre-Louis.

Heute ist Haiti das ärmste Land Amerikas. 80 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei Dollar am Tag, der Anteil der Schwarzarbeit liegt bei 70 Prozent. Nur die Hälfte der Kinder kann eine Schule besuchen, 90 Prozent von ihnen müssen dafür zahlen, da der Staat kaum Geld für Bildung ausgeben kann. Nur zwei Prozent der Jugendlichen schließen ihre Schullaufbahn an einem Gymnasium ab.

Wirbelstürme, Unterernährung

Vier Wirbelstürme haben vor zwei Jahren Haiti so schwer getroffen, dass die Wirtschaft vollends darnieder liegt. 1,9 Millionen der 9,4 Millionen Einwohner sind unterernährt. Wegen mangelnder Infrastruktur ist ein Transport von Ernteerträgen aus dem Hinterland in die Hauptstadt Port-au-Prince beispielsweise nicht ohne Schäden möglich, doch nur von dort könnten sie ins Ausland verschifft werden. Die Armen schlagen jeden Baum, jeden Strauch, um Holzkohle zu verkaufen. Deshalb ist die Insel kahl, die Böden sind von Erosion zerstört.

Weil die Gewalt unter den Jugendbanden in den Slums, Entführungen und die Aktivitäten der lateinamerikanischen Drogenkartelle überhand nahmen, hat die Uno Mitte 2004 eine Mission von 7000 Blauhelmen, 2000 Polizisten und 1900 zivilen Mitarbeitern entsandt. Die "Minustah" hat es tatsächlich geschafft, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und die Elendsquartiere zu befrieden. Der Chef der Mission, der Jordanier Hédi Annabi, jedoch fordert "mehr Einsatz der internationalen Gemeinschaft".

Die Hilfe wird jetzt zunächst für die Opfer des Erdbebens gebraucht. Keiner mag daran denken, wie unter diesen Bedingungen im Februar Wahlen stattfinden sollen. Und welches Schicksal erwartet Haiti, wenn das Uno-Mandat nächstes Jahr ausläuft?

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Beben vor Haiti: Verzweifelte Suche nach Verschütteten

Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
Armenhaus Amerikas
Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
Uno-Friedenstruppen
Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.