Historische Sammlung Kölner Stadtarchiv eingestürzt - mehrere Vermisste

Erst hörten die Menschen im Gebäude ein dumpfes Grollen, rannten nach draußen - dann brach das Haus des Historischen Stadtarchivs in Köln zusammen. Feuerwehr und Polizei lösten sofort Großalarm aus. Spürhunde suchen jetzt nach Verschütteten, neun Menschen werden vermisst.


Köln - Das Severinsviertel in Köln erlebt hochdramatische Stunden. Das Gebiet im Süden der Rheinmetropole ist Schauplatz eines spektakulären Unglücks. Gegen 14 Uhr stürzte dort das vierstöckige Gebäude des Historischen Stadtarchivs in sich zusammen, zwei Nachbarhäuser wurden stark beschädigt.

Ein ganzer Straßenabschnitt von 70 Metern Länge liegt jetzt unter Trümmern - in Schutt und Geröll suchen Hundestaffeln nach Verschütteten.

Neun Menschen werden zur Stunde vermisst, darunter ein Ehepaar aus einem der stark beschädigten Nebengebäude des Stadtarchivs.

Die Einsatzzüge der Feuerwehr stehen dicht an dicht in der Severinstraße, Absperrungen wurden errichtet, es wimmelt vor Einsatzkräften, Polizei, Schaulustigen. "Am Unglückshaus sieht es aus wie nach einem Erdbeben", sagte Polizeisprecher Wolfgang Baldes.

Riesige Trümmerquader liegen in den Straßen, Betonbrocken haben Autos zerquetscht, aus aufgebrochenen Häuserwänden ragen Waschbecken, Büromöbel.

Noch ist nicht bekannt, was zum Einsturz der Gebäude geführt hat, ob beispielsweise ein Zusammenhang mit der laufenden Erweiterung der U-Bahn in dieser Gegend besteht.

Die Wucht, mit der das Gebäude des Stadtarchivs zusammenkrachte, riss in der Straße einen Krater auf - Trümmerteile fielen bis auf die unterirdische U-Bahnbaustelle, deren Decke einbrach. Es soll zu massiven Wassereinbrüchen gekommen sein.

Von einem Zusammenhang der U-Bahn-Bauarbeiten und dem Einsturz wurden von offizieller Seite zurückgewiesen. "Mir sind keine Arbeiten bekannt, die das momentan hätten verursachen können", sagte die Sprecherin der Nord-Süd-Stadtbahn, Gudrun Meyer. Projektleiter Rolf Papst berichtete, es habe in den letzten 30 Tagen "keine größeren Tunnelbohrarbeiten" gegeben.

Die Menschen, die sich im Archiv befanden, hatten offenbar nur wenige Sekunden Zeit, um sich vor dem Einsturz in Sicherheit zu bringen. Augenzeugen berichtet von einem dumpfen Grollen, das in den oberen Stockwerken zu hören gewesen sei - dann seien sie gerannt.

"Ich sah, wie die Risse in dem Haus immer höher kletterten", sagte eine Augenzeugin dem Fernsehsender n-tv, "die Fassade begann zu bröckeln und dann fiel alles ganz langsam in sich zusammen. Wie in einem Film."

"Architektonische Risse" am Gebäude des Stadtarchivs

Die Kioskbesitzerin Paraskevi Oustampasiadi, 42, sagte, sie habe kurz nach dem Einsturz eine riesige Staubwolke gesehen. "Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September." Dutzende Krankenwagen und Feuerwehrautos fuhren vor, Polizeisirenen heulten.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollen am Gebäude des Stadtarchivs bereits vor zwei Wochen sogenannte "architektonische Risse" festgestellt worden sein. Dieser Befund wurde geprüft, aber offenbar als unbedenklich eingestuft.

Der Bau der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn sorgt seit Jahren für Ärger: Die Kosten für das Projekt explodierten. Mit mindestens 950 Millionen Euro soll die Linie 320 Millionen Euro mehr kosten als geplant. Als Gründe wurden von den Kölner Verkehrs-Betrieben unter anderem archäologische Arbeiten genannt, die den Bau immer wieder gestoppt haben. Die Tunnelröhren befinden sich in bis zu 30 Metern Tiefe unter der Altstadt.

Kirchenturm in Schieflage - Folge des U-Bahnbaus

Die Arbeiten des bereits seit den achtziger Jahren geplanten Projekts waren 2004 begonnen worden, bis Mitte 2010 soll die Linie weitgehend fertiggestellt werden. Sie wird über vier Kilometer vom Breslauer Platz nördlich des Hauptbahnhofs parallel zum Rhein verlaufen und damit den historischen Teil Kölns an das U-Bahn-Netz anbinden.

Ende September 2005 geriet der Turm der romanischen Kirche St. Johann Baptist in bedrohliche Schieflage. Der Grund: Unterirdische Arbeiten für einen U-Bahn- Tunnel der Nord-Süd-Bahn. Um 75 Zentimeter hatte sich der Turm geneigt - und machte weltweit als "schiefer Turm von Köln" Schlagzeilen. Die Aufrichtung des Turms kostete eine Million Euro.

Zudem klagten die Geschäftsleute an der Einkaufsmeile Severinstraße, an der sich auch das nun eingestürzte Historische Stadtarchiv befand, über Umsatz-Einbrüche.

Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als eines der größten Stadtarchive Deutschlands. Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte, unter anderem 65 000 Urkunden, 104 000 Karten und eine halbe Million Fotos.

Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, befinden sich in dem Archiv. Die früheste Urkunde stammt aus dem Jahr 922. Das Gebäude wurde 1971 für das Archiv gebaut.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

pad/Lenz Jacobsen/AP/AFP/dpa



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