Letzter Zeuge aus dem "Führerbunker": Hitlers Leibwächter Rochus Misch ist tot

Er galt als letzter lebender Zeuge der Ereignisse im Berliner "Führerbunker" bei Kriegsende. Jetzt ist Adolf Hitlers langjähriger Leibwächter Rochus Misch gestorben. Er wurde 96 Jahre alt.

Rochus Misch: Hitlers Leibwächter Fotos
REUTERS

Berlin - Mit Rochus Misch ist der letzte noch lebende Zeitzeuge des Kriegsendes im Berliner "Führerbunker" gestorben. Misch, der 96 Jahre alt wurde, diente Adolf Hitler lange als Leibwächter. Nach Angaben seines Sprechers Burkhard Nachtigall starb er nach kurzer Krankheit in Berlin.

Misch quittierte erst am 2. Mai 1945 seinen Dienst im Bunker. Nach eigener Aussage entließ ihn Josef Goebbels mit den Worten: "Wir haben verstanden zu leben, wir werden auch verstehen zu sterben." Misch machte die Telefonanlage unbrauchbar und verließ den Bunker durch ein Kellerfenster.

Bis zuletzt zeigte sich Misch stolz über seine Zeit mit Hitler, den er kollegial als "Chef" bezeichnete. An ihn erinnerte er sich 2005 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP als "ganz normalen Mann". Er sei nicht brutal gewesen, sagte er. "Er war kein Monster. Er war kein Supermann."

Misch kam 1917 im oberschlesischen Schalkendorf zur Welt. Seine Eltern starben früh. Mit 20 schloss er sich der SS an. Auf die Frage, ob er Nationalsozialist war, antwortete Misch 2004 dem SPIEGEL: "Ich war gar nichts, nur Soldat wie viele Millionen andere auch. Aber ich war Waise, und die warben mit der Aussicht, Beamter zu werden. Und da dachte ich, warum soll ich nicht in den Staatsdienst gehen. So kam ich zur SS-'Leibstandarte Adolf Hitler'."

Misch kämpfte zunächst an der Ostfront, ehe er nach einer schweren Verwundung für Hitlers Begleitkommando ausgewählt wurde. Zu seinen Aufgaben im Führerbunker gehörte es unter anderem, Hitlers Telefongespräche zu vermitteln.

Nach seiner Flucht aus dem Bunker wurde er von den Sowjets geschnappt und blieb eigenen Angaben zufolge fast neun Jahre in Gefangenschaft. Zurück in West-Berlin machte er sich mit einem Malerbetrieb selbstständig.

Misch war in den vergangenen Jahren wiederholt als Zeitzeuge in Dokumentarfilmen aufgetreten. In dem sehenswerten israelischen Film "The last Witness" von Yael Katz Ben Shalom wird auch die Nachkriegsgeschichte seiner Familie erzählt. Seine Tochter - Brigitta Jacob-Engelken - schildert darin, dass ihre Mutter jüdischer Herkunft gewesen sei. Während der Nazi-Zeit habe ihre Mutter den Namen ihrer eigenen Mutter in ein protestantisches Taufbuch umtragen lassen. So sei die Großmutter zur Protestantin geworden.

Die Tatsache, dass die Familie ihrer Mutter jüdische Wurzeln gehabt habe, habe ihr Vater bis heute nicht zur Kenntnis nehmen wollen, erzählte die Tochter in "The last Witness". Der Film erzählt von den Verzweigungen der deutschen Geschichte: Die Ehefrau von Rochus Misch trat nach dem Krieg der SPD bei - und wurde Mitglied des Westberliner Abgeordnetenhauses.

Mischs Tochter wiederum besuchte als junge Frau Israel - und lernte dort ihren Mann kennen. In dem 2005 gedrehten Dokumentarfilm erzählt Brigitta Jacob-Engelken, dass sie im Bereich Kunst und Kultur arbeite und auch für die Restaurierung von Synagogen zuständig sei.

Über sein Leben an der Seite des Diktators veröffentlichte Misch ein Buch, an dem sein Sprecher Nachtigall als Co-Autor beteiligt war. Es erschien im November 2009 unter dem Titel "Der letzte Zeuge".

rls/hut/sev/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Nationalsozialismus
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite