Extremtemperaturen in Indien Mörderische Hitze

Um die 45 Grad Celsius, Tag für Tag: Südasien leidet unter einer monströsen Hitzewelle, in Indien sind bereits mehr als 2000 Menschen gestorben. In Neu-Delhi schmelzen die Straßen, Affen fallen tot von den Bäumen.

Aus Neu-Delhi berichtet Ulrike Putz

AP/dpa

Wann lässt der Westwind endlich nach? Eine Frage, die derzeit für viele Menschen in Neu-Delhi existenziell wird. Wer irgendwie kann, sagt alle Termine ab, zieht sich an einen kühlen, schattigen Ort zurück. Und wartet, dass sich der Westwind legt, der nicht nur die Hitze bringt, sondern zudem noch Staub aus umliegenden Wüsten.

Indien leidet seit über einer Woche unter einer extremen Hitzewelle. Am Donnerstag stieg die Zahl derer, die den Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius zum Opfer fielen, auf über 2000, meldete das staatliche Zentrum für Wissenschaft und Umwelt. Die meisten Toten gibt es im Süden von Indien zu beklagen. Allein im Bundesstaat Andra Pradesh starben in den vergangenen zehn Tagen 1000 Menschen an den Folgen der Hitze. Die Behörden haben die Menschen dort aufgerufen, in ihren Häusern zu bleiben.

Es gibt kaum eine Möglichkeit, der Hitze zu entkommen. In Delhi gibt es nur eine Handvoll städtische Freibäder, weshalb Kinder auch schon mal in wirklich dreckigen Brunnen planschen. Bei Weitem nicht alle öffentlichen Gebäude sind klimatisiert, in den oberen Geschossen des Naturwissenschaftlichen Museums herrschen beispielsweise derzeit 40 Grad.

Nachts nicht unter 30 Grad

In Wohngebäuden können nur die Reichsten sich eine Klimaanlage leisten. Die meisten der geschätzt 17 Millionen Einwohner dieses Molochs müssen sich anders Abkühlung verschaffen: Mit so genannten Coolern, scheppernden Höllenmaschinen, in denen ein Motor Luft durch nasses Stroh bläst. Oder mit Decken-Ventilatoren, die meist nur träge die heiße Luft umrühren. Wenn dann noch - wie so häufig - der Strom ausfällt, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Dann tragen selbst wohlhabende Leute, in der Hoffnung auf eine Brise, Matratzen auf die Dächer ihrer Häuser.

In Neu-Delhi und dem Rest des Landes sind es oft die Obdachlosen, die an den Folgen der Hitze sterben. In Delhi wurden in den vergangenen 48 Stunden drei Obdachlose tot aufgefunden. Die Männer seien vermutlich durch chronische Krankheiten geschwächt gewesen, aber letztlich an der brutalen Hitze gestorben, sagte Indu Prakash von der Indo-Global Social Service Society der "Times of India". Die Nachttemperaturen sinken derzeit nicht unter 30 Grad.

Wie sehr die extremen Temperaturen den Menschen zu schaffen machen, zeigte sich am Donnerstag auch am India Gate, dem von den Briten gebauten Torbogen, der heute das Wahrzeichen der Hauptstadt ist. In Indien haben die Schulferien begonnen, normalerweise sollten sich Tausende von Familien auf den Rasenflächen um das Monument vergnügen. Doch die fliegenden Händler sitzen apathisch im Schatten, selbst der Wasserverkäufer macht ein schlechtes Geschäft. "Wenn es so heiß ist, gehen die Leute vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus", sagt Shri Krishan Morea, der aus einem Tank auf Rädern für umgerechnet drei Cent pro Glas leidlich kühles Leitungswasser verkauft.

Die Verluste der Händler

Einer der wenigen Kunden Moreas, ein Auto-Rikscha-Fahrer namens Satender, beklagt sich, dass sein Job so keinen Spaß mache. "Es ist wirklich kaum noch auszuhalten", sagt der 34-Jährige. "Der Fahrtwind ist so heiß, er brennt richtig auf der Haut."

Delhis Märkte sehen derzeit aus, als böten die Händler Lumpen feil: Obst und Gemüse sind unter nassem Sackleinen verschwunden, unter dem sie frisch bleiben sollen. Die Preise für Feldfrüchte sind rasant gestiegen: Die Händler machen große Verluste, weil viele der Waren schon auf dem Weg zum Verbraucher verderben.

In diversen Ecken der Stadt stockt der Verkehr, weil der Asphalt der Fahrbahn geschmolzen ist. Das Sanja Gandhi Animal Care Center berichtet, dass Vögel in Scharen verendeten. Und es hat schon mindestens einen Affen in einer Grünanlage Neu-Delhis erwischt: Er sei tot von einem Baum gefallen.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
tmayer 28.05.2015
1. Zum Glück
Erfahrungsgemäß folgt in Indien auf so eine Extremhitze ein Megamonsun, der dann ebenfalls zerstörerische Kraft hat. Zum Glück haben wir hier nicht solch extreme Temperaturen. Es ist weder extrem kalt noch extrem heiß....eigentlich genau richtig, Sommer wie Winter.
Dieter62 28.05.2015
2. Solche Extremhitzewellen
kommen jedes Jahr irgendwo auf der Welt vor. Zumindest in letzter Zeit. Und es ist in der Tat überaus belastend. Kann mich noch ans Jahr 1994 erinnern, als wir uns in der letzten Juniwoche im Norden Mexikos durch eine ähnliche Hitzeperiode quälten. Durchschnittliche Höchsttemperatur war damals über 45 Grad, Tiefstwerte um oder etwas über 30 Grad. Auf 1130 m ü Meer. Unten an der Küste ist es noch schlimmer. Hermosillo 1989 Mitte Mai, es waren 47 Grad. Auch dort konnte man den Teer riechen, er verformt sich unter den Rädern wie feuchter Lehm, und die Reifen platzen auf der Strasse beim Fahren wie Luftballons. Die Sache mit dem Nierenversagen stimmt übrigens. Man kriegt gar nicht soviel Wasser rein, wie verdunstet und man muss nicht mehr aufs Klo. Nur eine bräunliche Sosse kriegt man am Morgen zustande. Die ganze Sache nimmt einen derart mit und schlafft so ab, dass man tatsächlich den Regen herbeiwünscht. Zumindest in Indien gibt es den Monsun, im Norden Mexikos steigt nur die Luftfeuchtigkeit. Wenn aber ein Hurrikan den Golf von Kalifornien hochzieht.... Übrigens sollte man in Indien sich nicht zuviel vom Monsun versprechen: Es ist El Niño- Zeit, und dann gibt es in Indien oft einen schlechten Sommermonsun. Nordmexiko sollte dagegen einen milden Sommer bekommen, mit Regen gegen den Herbst und Winter. Gilt oft auch für uns! Wolkig, gewittrig und schwül sind die Kennworte für unsere Gegend.
egyptwoman 29.05.2015
3.
Dasgleiche Problem mit der enormen Hitze hat zur Zeit auch fast der ganze Nordafrikanische Raum. In Luxor waren es gestern in einigen Teilen 52 Grad, sonst 48 Grad. Auch die Urlauberhochburg Hurghada hat seit Tagen weit über 40 Grad (gestern waren es 46) und dabei kein Wind. Selbst die Touristen bleiben teilweise in den Hotels und wer sonst kann zieht sich in klimatisierte Räume zurück, die aber wie in Indien auch nicht jeder hat. Die Temperaturen gehen auch hier nachts nicht mehr unter die 30 Grad Marke. Wieviele Menschen hier schon umgekommen sind ist nicht bekannt, dürften aber auch einige sein. Im Moment spielt das Wetter weltweit verrückt. Gestern gab es in Kairo und Alexandria einen heftigen Sandsturm. Die Leute in Indien tun mir leid, aber wie gesagt, es sind nicht die einzigen die unter der extremen Hitze leiden und einen Monsun wie in Indien gibt es in Ägypten nicht, also keine wirkliche Abkühlung die nächste Zeit. Abgesehen davon stehen bei vielen Häusern die Wassertanks auf dem Dach, man kann sich vorstellen das da tagsüber nicht an Duschen zu denken ist, da das Wasser extrem heiß ist.
Georg_Alexander 29.05.2015
4. Jedes Jahr ähnlich
Temperaturen bis 50°C sind völlig normal in Indien während des Vormonsuns. Das habe ich auch schon vor 30 Jahren so erlebt.
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