Hitzeprobleme eines Obsthofs Die Äpfel kriegen Sonnenbrand

Obst gedeiht in diesem Sommer prächtig. Alles gut also für Bäuerin Theresa Meyer? Bei Weitem nicht, zeigt ein Besuch auf ihrem Hof im Alten Land. Probleme gibt es vor allem bei den Bioäpfeln.

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Aus Neuenfelde berichtet


Wenn Theresa Meyers Freunde wissen wollen, wie das Wetter wird, fragen sie einfach die 26-Jährige. "Du beschäftigst dich doch jeden Tag mit dem Wetter, dann kannst du uns auch verraten, was die Aussichten sind." Seit einigen Wochen bekommen sie von ihr immerzu die gleiche Antwort: "Es bleibt sonnig, trocken und heiß. Regnen wird es erst einmal nicht."

Meyer hat viele Wetter-Apps installiert. Mehrmals am Tag schaut sie auf ihr Smartphone oder in den Himmel. Meyer betreibt mit ihrer Familie einen Obsthof im Alten Land bei Hamburg. Klima und Witterung beeinflussen ihre Arbeit entscheidend.

Bereits in der siebten Generation bauen die Meyers aus Neuenfelde Früchte an: Äpfel, Kirschen, Zwetschgen, Brombeeren und Johannisbeeren. Die sonnenhungrigen Kulturen reifen momentan besonders schnell. Mehr als zwei Wochen früher starten die Meyers und ihr Team in diesem Jahr mit der Ernte. "Nach dem verregneten Sommer 2017 ist das für uns ein absolutes Ausnahmejahr", sagt Vater Rolf Meyer.

Seit vielen Wochen hat es auch südlich der Elbe kaum geregnet. Während die Getreidebauern in Nord- und Ostdeutschland über massive Ernteverluste klagen, tut das mediterrane Klima den Obstsorten im Alten Land gut. Der schwere feuchte Marschboden versorgt die Pflanzen mit ausreichend Wasser und Nährstoffen, die viele Sonne treibt die Zucker- und Stärkeproduktion des Obstes an. "Wir wollen uns nicht beschweren", sagt Theresa Meyer. "Der Geschmack unserer Früchte ist in diesem Jahr ausgezeichnet." Der fehlende Regen sei aber eine Herausforderung.

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Altes Land: Sonnenschutz für Obst gesucht

Der Obstanbau der Familie Meyer verteilt sich auf zwei Unternehmen. Mutter Beke und Vater Rolf sind beide im Alten Land aufgewachsen und übernahmen die Höfe ihrer Eltern. Während der Hof mütterlicherseits in Neuenfelde konventionelle Landwirtschaft betreibt, wandelte die Familie den Hof väterlicherseits in Jork-Höhen vor zwölf Jahren in einen Biobetrieb um. Der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich die Hitze die beiden Anbauarten beeinflusst.

Die Apfelbäume aus der konventionellen Landwirtschaft vertragen hohe Temperaturen besser. Sie sind vitaler und halten die trockene Witterung länger aus. Anders geht es den Biobäumen der Meyers. Sie bekommen natürliches Düngemittel wie Schweineborsten und Kompost, werden aber nicht mit chemisch-synthetischen Substanzen gespritzt. Ihre Nährstoffe ziehen sie nur aus dem Boden, der immer trockener wird. Zudem setzt die starke Sonneneinstrahlung den Früchten zu - das sieht Theresa Meyer ihren Äpfeln an.

An einem Nachmittag Ende Juli steht zwischen den langen Baumreihen die Luft. Die Sonne versteckt sich hinter einer kleinen Wolkendecke, es ist 34 Grad warm. Langsam läuft Theresa Meyer zwischen den Baumreihen hindurch. Die Bäume mit Bioäpfeln tragen weniger Laub, viele Früchte sind schutzlos der Sonne ausgesetzt und bekommen so schnell einen Sonnenbrand.

Große weiche braune Flecken ziehen sich über einzelne Äpfel. "Durch die Hitze der Sonne kocht das Fruchtfleisch unter der Schale", sagt Meyer. Der Apfel beginnt zu faulen und wird so zur Gefahr für die anderen Früchte. Denn die Fäule kann sich auf weitere Äpfel ausbreiten.

Um ihren Äpfeln in diesen heißen Tagen eine Abkühlung zu verschaffen und sie mit ausreichend Wasser zu versorgen, haben die Meyers wie viele andere Obstbauern aus der Region ihre Frostschutzberegnung für die Wintermonate umfunktioniert. Fünf bis sieben Stunden bewässern sie ihre Anlagen an sonnigen Tagen.

Das Wasser dafür stammt aus den kleinen Kanälen und Seitenarmen der Elbe sowie großen Teichen, die die Familie inmitten ihrer Felder angelegt hat. Sieben Pumpen versorgen die 33 Hektar mit Biobäumen und die 18 Hektar der konventionellen Landwirtschaft mit Wasser. Eineinhalb Stunden tourt ein Arbeiter über die Felder, wenn er alle Pumpen für die Bewässerung anschalten will.

Das Wasser kühlt die Pflanzen an heißen Tagen zwar. Aber die Wasserqualität macht Familie Meyer Probleme. Mit jeder weiteren Vertiefung der Elbe sei der Salzgehalt gestiegen, sagt die 26-Jährige. Wie die Pflanzen darauf reagieren, zeigen die zarten Blätter der jüngsten Bäume.

Dunkel sind ihre Ränder verfärbt, vor Trockenheit rollen sie sich zusammen. Wenn das Wasser auf den Pflanzen zu schnell verdunstet, kann das Salz nicht mehr abtropfen. Es bleibt auf den Blättern zurück und schädigt sie. "Mein Vater kannte diese Probleme nicht", sagt Meyer. Früher habe das nur die Obstbauern weiter nördlich betroffen, elbabwärts näher an der Nordsee. Inzwischen steigt auch bei uns der Salzgehalt immer weiter an." Sie sorgt sich um die Wasserversorgung ihrer Region. Je mehr Salz das Wasser enthalte, desto ungeeigneter ist es für die Bauern.

Rund fünf Prozent ihrer Apfelernte werden die Meyers aufgrund des heißen Sommers verlieren. Im Vergleich mit anderen Landwirten sind ihre Ausfälle verschmerzbar - einzelne Bauern befürchten Ernteeinbußen von bis zu 70 Prozent. Trotzdem müssen sie mehr arbeiten und leisten, um ihre Ernte zu sichern. Für das Beregnen steigt der Wasser-, für den Antrieb der Pumpen der Dieselverbrauch. Regelmäßig müssen Arbeiter die Anlagen besuchen und kontrollieren, ob das Wasser aus der Elbe nicht die Regler verstopft.

Eigentlich sollte die Apfelernte erst Anfang September beginnen. Doch schon Anfang August muss das Team von Familie Meyer erstmals zum Pflücken. Sobald die Temperaturen ein wenig gesunken sind und die Sonne nicht mehr so stark strahlt, wollen sie die faulen und verbrannten Äpfel von den Bäumen entfernen. 15 bis 20 Stunden wird das Sichten und Vorpflücken pro Hektar dauern, schätzt Theresa Meyer. Die zusätzliche Arbeit stemmt sie mit ihrer 30-köpfigen Stammmannschaft nebenbei.

Der kleine Ernteausfall ärgert Meyer weniger als der massive Mehraufwand. Lange Tage sind Obstbauern in der Hochsaison gewohnt. Meist stehen sie morgens um vier Uhr auf, vor acht Uhr abends ist die Arbeit selten getan. Die Familie teilt sich auf - einer fährt nachts zum Großmarkt, ein anderer tagsüber zu den Wochenmärkten in Rahlstedt oder Sasel, parallel wird geerntet und verpackt. Meyer nimmt es als Herausforderung - so wie ihre Berufswahl.

Mit 15 Jahren habe sie gewusst, dass sie den Hof ihrer Eltern übernehmen möchte. "Ich arbeite in der Natur und mit Menschen, laufe viel draußen herum und sitze auch mal im Büro. Ich mag die Vielseitigkeit des Berufs - und den Nervenkitzel", sagt sie. Denn ganz gleich, wie oft sie die Vorrausagen auf ihrem Handy prüft oder zum Himmel schaut - ändern kann sie das Wetter nicht, sondern nur darauf reagieren.



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dont_think 01.08.2018
1.
nicht nur die Äpfel, auch Trauben bekommen Sonnenbrand. bei Temperaturen ab ca 30° stellen sie außerdem die Zuckereinlagerung (Reifung) ein. allerdings wurzeln sie tiefer als Äpfel.
Thaelmann 01.08.2018
2. Bio und Diesel
...so recht passt das nicht. Und stimmt es nicht, dass alle Apfel-Bäume, auch "Bio") mit einer Kupferlösung besprüht werden, um die Fäule zu verhindern/zu verringern? Ich hatte irgendwo gelesen, dass im Grunde sonst nichts weiter getan wird - auch nicht bei konventionellem Anbau (vom Dünger abgesehen).
ArnoNym 01.08.2018
3. Sonnenbrand?
Komisch, Sonnenbrand kenne ich bei Äpfeln überhaupt nicht. Und das, obwohl wir mehrere Streuobstwiesen mit hauptsächlich Apfelbäumen besitzen (meistens alte Sorten, von meinem Opa gepflanzt) und noch ein paar weitere Bäume im Garten. Mindestens in den letzten 50 Jahren ist davon keiner gedüngt worden, und gespritzt werden sie sowieso nie, d.h. sie sind mehr als nur bio und sollten damit laut Artikel anfällig sein. Weder in diesem Jahr noch vor ein paar Jahren, als die Tagestemperatur über 2 Wochen bei 40 °C lag, traten an unseren Äpfeln die beschriebenen Faulstellen auf. Ob es vielleicht daran liegt, daß sie nie künstlioch bewässert werden? Bestätigen kann ich hingegen, daß die Ernte dieses Jahr wohl gigantisch ausfallen wird, was auch auf anderes Obst wie z.B. Birnen, Mirabellen und Zwetschgen zutrifft. Auch daß der Geschmack (zumindest der frühen Sorten) sehr gut ist, kann ich bestätigen.
nine1011 01.08.2018
4. tendenziöser Artikel
...komisch, dass kurz nach nach der GEntechnik-Richtlinie Entscheidung (25.07.18) dieser Artikel mit genau den Argumenten kommt, den die Gentechnik-Firmen immer bringen: Pflanzen, die Extremwetter usw besser vertragen... Ganz, ganz traurig.
fin2010 01.08.2018
5. Nanu
>Apfelbäume aus der konventionellen Landwirtschaft vertragen hohe Temperaturen besser. Sie sind vitaler und halten die trockene Witterung länger aus. Anders geht es den Biobäumen der Meyers. Sie bekommen natürliches Düngemittel wie Schweineborsten und Kompost, werden aber nicht gespritzt. Ihre Nährstoffe ziehen sie nur aus dem Boden, der immer trockener wird. Warum bitte sind die konventionell gezogenen Äpfel vitaler? Nährstoffe aus dem Boden zu ziehen gilt nicht nur für Bio-Bäume. Das ist es als nicht.
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