Hochstapelei Falscher Anwalt foppt die Justiz

Drei Jahre lang ging er als angeblicher Anwalt mit Doktortitel bei Gericht ein und aus. Der Chef, die Kollegen waren mit Karl-Heinz B.s juristischem Sachverstand zufrieden. Dann flog der peinliche Schwindel auf.

Von Caroline Schmidt


Justitia: In der notenvernarrten Zunft geht normalerweise nichts ohne Zeugnis
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Justitia: In der notenvernarrten Zunft geht normalerweise nichts ohne Zeugnis

Paderborn - Das also war das Ende. Keine Ausrede, kein Ausweg mehr. Der Tag, von dem Karl-Heinz B. drei Jahre gehofft hatte, dass er nie kommen würde und den er doch drei Jahre erwartet hatte: sein letzter Tag als angeblicher Anwalt mit Doktortitel.

Gut 300 Fälle hatte B. in diesen Jahren bearbeitet, war beim Detmolder Sozialgericht, beim Paderborner Amtsgericht, beim Paderborner Landgericht aufgetreten, hatte Schriftsätze eingereicht, Plädoyers gehalten, Urteile erstritten. Nun aber stand er vor dem Chef seiner Kanzlei und musste bekennen, was für ihn so peinlich war wie für die deutsche Justiz: B. war gar kein Anwalt, B. hatte keinen Doktor, und keiner hatte es gemerkt. Drei Jahre lang.

6000 Mark Strafe

Ein Fall, im elitären Juristenbetrieb wohl so einmalig wie unglaublich, denn gegen solche Köpenickiaden hat sich der so angesehene wie ausgebuffte Stand gut gefeit: Es wird strikt nach Zensuren eingestellt. Egal, ob im Staatsdienst oder in renommierten Kanzleien: Die besten 20 Prozent mit Prädikatsexamen bekommen die begehrten, hochdotierten Stellen, die anderen, was übrig bleibt. Ohne Zeugnis geht deshalb in der notenvernarrten Jurisprudenz nichts - und niemand ohne sein Zeugnis in ein Vorstellungsgespräch.

Die erstaunliche Karriere des hochgeachteten Hochstaplers Karl-Heinz B., jüngst abgeschlossen mit einer Verurteilung zu 100 Tagessätzen à 60 Mark vor dem Paderborner Amtsgericht, begann denn auch vor fünf Jahren mit einer unerwarteten Fügung des Schicksals: Seine Eltern hatten B. in einer Paderborner Kanzlei einen Job als Jurist besorgt.

Dabei war B. damals 44 Jahre alt und Dauerstudent: In 16 Semestern an der Universität Münster hatte er zwar alle Jura-Scheine gemacht, nur keinen Abschluss - aus Angst vor der Prüfung. Statt dessen arbeitete er als Imker, schrieb Artikel über Bienenrecht, war Schriftführer im heimischen Imkerverband und besuchte Psychologie-Vorlesungen. Ein ganz normaler Kandidat für den Studienabbruch also.

Doch weil er den Erwartungen der anderen keinen Widerstand entgegensetzen konnte, wie er vor Gericht erklärte, schönte er seinen Werdegang. Zunächst hatte er angeblich sein erstes Examen bestanden, dann das zweite, schließlich krönte er - Tribut an das fortgeschrittene Alter - die Legende mit der Behauptung, er mache jetzt seinen Doktor. Anschließend gab er vor, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität weiterzumachen. Die Eltern waren stolz, B.'s Leben war eine Lüge, aber im Lot.

Bis zu dem Tag, an dem ihn seine Eltern mit der Nachricht überraschten, der Rechtsanwalt R. aus ihrem Paderborner Stadtteil suche einen Gehilfen für die Hintergrundrecherche. Jetzt war es also so weit: ein richtiger Beruf.

"Sie sind ja promovierter Jurist"

Im Mai 1996 stellte sich B. vor. Mit der Bemerkung "Sie sind ja promovierter Jurist", soll R. ihn damals begrüßt haben. B. habe nicht nein, nicht ja gesagt, es war ja auch keine Frage. Die Fragen, die R. ihm stellte, konnte B. dagegen offenbar zur vollsten Zufriedenheit beantworten. Nach einem Zeugnis fragte R. nicht.

So fing B. in der Kanzlei an. Als freier Mitarbeiter bekam er anfangs rund 1200 Mark netto, so stellte Carsten Glashörster, Strafrichter am Paderborner Amtsgericht, später im Prozess gegen den Hochstapler fest. Für einen promovierten Juristen Mitte 40 ein Dumpinglohn. Hier hätte R. stutzig werden müssen, argwöhnt Glashörster.

Zunächst recherchierte B. tatsächlich nur im Hintergrund, suchte nach Urteilen in Fachzeitschriften und im Internet. 1997 stand auch seine spätere Verteidigerin Ruth Kanzlsperger, 31, für ein Dreivierteljahr im Sold der Kanzlei. Sie lernte B. als einen souveränen, freundlichen und eher unauffälligen älteren Kollegen kennen.

Die Kollegen, der Chef waren zufrieden

In dieser Zeit bat R. seinen Mitarbeiter B., sich als Anwalt zuzulassen, um auch vor Gericht auftreten zu können. Wieder griff B. zur bekannten Masche: Er ließ einige Zeit verstreichen, dann erklärte er, er sei nun vereidigt worden. Im Massenbetrieb Justiz gab es dann keine Hürde mehr: Es ist nicht üblich vor Gericht, Anwälte nach ihrer Legitimation zu fragen. In rund 300 Fällen trat B. danach bis August 2000 als Anwalt auf. Er arbeitete schnell, er arbeitete gründlich, die Mandanten, sein Chef, die Kollegen - alle waren zufrieden.

Am Anfang habe er noch sehr unter Druck gestanden, berichtete er seiner Anwältin Kanzlsperger, immer in Angst, dass in einer Verhandlung die Tür aufgerissen werde und jemand frage: "Wer sind Sie eigentlich, sind Sie Anwalt?" Als alles gut lief, habe auch der Druck nachgelassen. Doch ganz verschwunden sei er nie, bis zu jenem Tag im vergangenen Jahr, als sein Lügengebäude erschüttert wurde.

Bei einem Berufungsverfahren vor dem Paderborner Landgericht wunderte sich die Vorsitzende Richterin, dass B.s Name nicht im Briefkopf der Kanzlei auftauchte, und das, obwohl sich mit einem Doktortitel gut werben lässt. Die Recherche ergab: Ein Anwalt B. war beim Landgericht Paderborn nicht zugelassen.

Dem Angeklagten wurde es "unglaublich leicht gemacht"

B. wand sich, log, er sei in Bielefeld registriert, fuhr angeblich nach Münster, um seine Zeugnisse zu holen. Schließlich gab es kein Schlupfloch mehr, musste er seinem Chef die Wahrheit beichten. Seit dem Prozess will B. kein Wort mehr über die Angelegenheit verlieren; auch dem düpierten R. ist die Sache offenbar so peinlich, dass er nichts sagen möchte. Richter Glashörster fand in seinem Urteil klare Worte: R. habe es dem Angeklagten "unglaublich leicht gemacht".

B. arbeitet jetzt für eine Zeitarbeitsfirma, mal geht es in eine Glaserei, mal auf den Bau. Nebenbei baut er aber noch etwas auf, womit er sich deutlich besser auskennt: einen juristischen Recherchedienst.



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