Hochwasser im Norden An der Elbe drohen weitere Deichbrüche

Der Pegelstand der Elbe bleibt in vielen Regionen gefährlich hoch, an einigen Orten steigt er sogar weiter. In Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist die Furcht groß, dass die Deiche aufweichen. Ein Fluthilfefonds könnte Opfer entschädigen.

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Hamburg - Die Hochwasserlage ist in einigen Regionen Ost- und Norddeutschlands weiter angespannt. An der Elbe im schleswig-holsteinischen Lauenburg stieg das Wasser auf eine neue Höchstmarke, in Mecklenburg-Vorpommern hat der Fluss seinen Höchstwert offenbar bereits erreicht. In Niedersachsen blieben die Pegelstände fast unverändert hoch.

In Teilen von Sachsen-Anhalt ist die Lage dramatisch, Hauptproblem bleibt dort der Deichbruch bei Fischbeck. Erst am Mittag konnten Bundeswehr und Bundespolizei nach Angaben des Krisenstabs der Landesregierung die Bruchstelle unter Kontrolle bringen und ein weiteres Aufbrechen verhindern. Soldaten hatten von Hubschraubern aus große Sandsäcke auf die rund 50 Meter lange Bruchstelle geworfen. Das Wasser überflutete die Bundesstraße 107 zwischen Jerichow und Fischbeck. Inzwischen nähert es sich dem Stadtgebiet von Jerichow. Insgesamt sind nach Angaben des Landkreises Stendal rund 11.300 Menschen von Evakuierungen betroffen.

Auch andernorts entlang der Elbe in Sachsen-Anhalt kämpften die Einsatzkräfte gegen überspülte oder gerissene Deiche. Die Verteidigung eines rund 30 Meter breiten Deichrutsches bei Hohengöhren wurde aufgegeben. Im Salzlandkreis drohen nach dem Bruch eines Saaledamms am Wochenende weitere Überflutungen. Mehrere Ortsteile der Stadt Schönebeck wurden zum Sperrgebiet erklärt. Auch in Tangerhütte stieg das Wasser noch.

In Magdeburg sank der Pegelstand an der Strombrücke auf 6,85 Meter. In der Spitze waren 7,46 Meter gemessen worden, bei der Jahrhundertflut 2002 waren es 6,72 Meter. Normal sind dort knapp zwei Meter. Die etwa 3000 Einwohner des Magdeburger Stadtteils Rothensee konnten wieder zurück in ihre Wohnungen. Östlich der Elbe gelegene Stadtteile Magdeburgs bleiben dagegen weiter geräumt.

Die Lage im Norden Brandenburgs verschärfte sich in der Nacht nicht, blieb aber ernst. Am Morgen stand der Pegel nach Angaben des Krisenstabes in Wittenberge (Prignitz) bei 7,75 Meter (Mittelwert: 2,77 Meter). Die befürchteten acht Meter sind laut Behörden damit vorerst nicht in Sicht. Die Einsatzkräfte hatten im Havelland einen 3,5 Kilometer langen Notdeich errichtet, um nach dem Deichbruch in Fischbeck eine Überflutung der Region zu verhindern.

In Schleswig-Holstein verschärfte sich die Situation in Lauenburg dagegen leicht. Der Pegelstand des Flusses sei von über Nacht um elf Zentimeter gestiegen, sagte ein Sprecher des Krisenstabs. Das Wasser strömte demnach am Morgen auf einer Höhe von 9,56 Meter durch den Ort - das langjährige Mittel liegt bei etwa fünf Metern. Nach Angaben des Krisenstabs dürfte der Pegelstand weiter um bis zu drei Zentimeter pro Stunde nach oben klettern. Besonders kritisch seien die Auswirkungen in der Lauenburger Altstadt. "Die Straße direkt am Elbufer läuft voll", sagte ein Sprecher des Landkreises. Es wird mit einem Höchststand von bis zu zehn Metern gerechnet.

Das Elbe-Hochwasser erreichte in Mecklenburg-Vorpommern offenbar bereits seinen Höchststand. Am Pegel in Dömitz standen die Fluten am Morgen 7,20 Meter hoch, in Boizenburg 7,26 Meter. Das sind rund fünf Meter mehr als normal. Das Wasser stand 40 Zentimeter höher als der sogenannte Bemessungswert, für den die Dämme ausgelegt sind. Die Sorge vor Deichbrüchen ist groß.

In Niedersachsen pendelten sich die Pegelstände der Elbe in der Nacht weitgehend unverändert ein, erklärten die Krisenstäbe der Landkreise Lüchow-Dannenberg und Lüneburg. Deichbrüche oder größere Schäden an Schutzwällen gab es bislang nicht. In Hitzacker wurde am Morgen ein Wasserstand von 8,17 Meter gemessen. Normalerweise liegt der Elbe-Pegel dort bei 2,67 Metern. Hochwasser-Experten gehen davon aus, dass die Wasserstände einige Tage auf dem hohen Niveau bleiben werden.

Nach Angaben der Behörden in den betroffenen Bundesländern kann trotz der teils stagnierenden Pegel aber noch keine Entwarnung gegeben werden, weil noch mehrere Tage mit einem Wasserstand auf hohem Niveau zu rechnen sei. "Die Deichwachen sind deshalb weiterhin unterwegs, um Sickerstellen oder Risse rechtzeitig ausfindig zu machen", sagte eine Sprecherin des Landkreises Lüchow-Dannenberg.

Zugleich nimmt die Debatte darüber Fahrt auf, wie die Flutschäden in Milliardenhöhe bezahlt werden können. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will die Opfer des Hochwassers mit Pauschalzahlungen aus einem Fluthilfefonds unterstützen. Der Topf solle von Bund und Ländern gleichermaßen gefüllt werden, sagte Rösler im Inforadio des RBB. Nach dem Hochwasser 2002 habe es einen ähnlichen Fonds gegeben. "Das hat sich bewährt." Wie viel Geld über den Fonds zur Verfügung gestellt werden soll, ließ Rösler offen.

wit/dpa/AFP

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Seite 1
edith_60 11.06.2013
1. Ohne jeden Zynismus ...
... läßt sich rein physikalisch vermuten, daß sich das Flußhochwasser nach Deichbrüchen gerade dorthin ergießt, wo besser Flußauen zur Aufnahme dieser Volumina statt Wohnbebauungen eingerichtet worden wären. Wie sehr Menschen das Wohnen in Flußnähe durch erweiterte Freizeitmöglichkeiten auch schätzen; es zeigt sich, daß unsere Vorkehrungen mit Deichen herkömmlicher Technik den Anforderungen des kommenden Klimawandels nicht gewachsen sind. Hier müssen Kommunal- und Landespolitiker umdenken und bei anstehenden Raumordnungsverfahren mehr Voraussicht unter Beweis stellen, auch wenn damit in Einzelfällen Sonderprofite durch Baulandverkauf nicht mehr möglich sind.
wschwarz 11.06.2013
2.
Zitat von edith_60... läßt sich rein physikalisch vermuten, daß sich das Flußhochwasser nach Deichbrüchen gerade dorthin ergießt, wo besser Flußauen zur Aufnahme dieser Volumina statt Wohnbebauungen eingerichtet worden wären. Wie sehr Menschen das Wohnen in Flußnähe durch erweiterte Freizeitmöglichkeiten auch schätzen; es zeigt sich, daß unsere Vorkehrungen mit Deichen herkömmlicher Technik den Anforderungen des kommenden Klimawandels nicht gewachsen sind. Hier müssen Kommunal- und Landespolitiker umdenken und bei anstehenden Raumordnungsverfahren mehr Voraussicht unter Beweis stellen, auch wenn damit in Einzelfällen Sonderprofite durch Baulandverkauf nicht mehr möglich sind.
Die Einführung einer Flutsteuer, z. B. in Höhe der kath. Kirchensteuer, würde rine regelmäßige Rettung der Flutopfer garantieren.
holde 11.06.2013
3. @ohne jeden Zynismus
Hoert, hoert, ...."hier muessen.Kommunal-..." und vor allen Dingen muessen Buergerinitiativen, Wutbuerger und andere Vereinigungen in Zukunft moeglichst viel u. lange blockieren! Nix fuer Ungut, ich habe grosses Mitgefuehl mit den Menschen. Hochwasser hat es aber schon immer gegeben. Das Interesse der Gemeinheit muss Vorrang haben, so wie frueher, nicht das irgendwelcher Querulanten, Egoisten, Besserwisser.
edith_60 11.06.2013
4. Diese Argumentation...
Zitat von wschwarzDie Einführung einer Flutsteuer, z. B. in Höhe der kath. Kirchensteuer, würde rine regelmäßige Rettung der Flutopfer garantieren.
.. reicht letztlich bis hin zur Einführung einer allgemeinen Transplantationssteuer zur Rettung aller Patienten mit Organversagen um die Beschaffung geeigneten Ersatzes weltweit sicherzustellen.
ernie78 11.06.2013
5. Vielleicht hilft uns ja...
griechenland mit ein paar euros.
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