Elb-Hochwasser: Magdeburg evakuiert Zehntausende Einwohner 

Von Anna-Lena Roth, Magdeburg

Magdeburg kämpft gegen das schlimmste Hochwasser in seiner Geschichte. Alle Stadtteile östlich der Elbe werden geräumt, 23.000 Bürger müssen ihre Häuser verlassen. Die größte Sorge gilt einem Umspannwerk - allein hier schuften 1500 Soldaten gegen die Fluten.

Die Angst vor dem Wasser wächst in Magdeburg rasant. Am Freitagabend waren es noch nur 300 Bundeswehrsoldaten, die im Stadtteil Rothensee im Einsatz waren, schnell wurde auf 700 aufgestockt - inzwischen sind es 1500 Soldaten, die im bereits überfluteten Teil Magdeburgs gegen die Wassermassen kämpfen. Und die Lage am August-Bebel-Damm spitzt sich immer weiter zu. In der Nacht zu Sonntag musste der komplette Stadtteil geräumt werden, betroffen sind allein hier 2900 Einwohner.

Nur Stunden später, am Sonntagnachmittag, folgte für alle Gebiete östlich der Elbe die gleiche Aufforderung: Nun sind es schon 23.000 Menschen, die wegen Hochwassergefahr weichen müssen, alle Bewohner der Ortsteile vom südlichen Stadtrand bis zur Berliner Chaussee, entschied der Katastrophenstab der Stadt. Der Hochwasserscheitel habe eine Länge von rund 40 Kilometern und werde mehrere Tage lang gegen die Deiche drücken, erklärte der Krisenstab der Landesregierung.

Am Sonntagmorgen erreichte der Pegel der Elbe in Magdeburg 7,48 Meter - ursprünglich waren maximal 7,20 Meter vorhergesagt worden. Inzwischen passierte der Höhepunkt der Elbeflut die Stadt. Am Sonntagnachmittag sank der Pegel laut Krisenstab auf 7,41 Meter. Dies sei aber noch kein Befreiungsschlag. Deiche könnten auch bei sinkenden Pegelständen noch brechen.

Die Sorge der Einsatzkräfte gilt jetzt vor allem dem Umspannwerk, das den Norden der Stadt mit Strom versorgt. Sollte hier das Wasser eindringen, wäre die Versorgung für Monate gefährdet, heißt es beim Krisenstab des Landes. Außerdem würden einige Pumpen ausfallen, die einen Teil des eindringenden Wassers wieder aus der Stadt hinausbefördern.

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Hochwasser: Flutdrama in Magdeburg
Der Betreiber, die Städtischen Werke Magdeburg, beliefert eigenen Angaben zufolge 30.000 Haushalte. Derzeit sei an ein Abschalten des Werks nicht zu denken. Es sei noch trocken, sagte eine Mitarbeiterin. "Das meiste Wasser fließt in das Wohngebiet von Rothensee, dadurch ist der Druck auf unsere Schutzdeiche nicht allzu hoch." Doch Oberbürgermeister Lutz Trümper warnte: "Wir müssen auf alles gefasst sein."

Schwerstarbeit in Rothensee

Der Kampf um das Werk ist hart. Die noch trockene Zufahrt zum August-Bebel-Damm ist gesäumt von Rettungsfahrzeugen, THW, Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr. In der Luft kreisen Hubschrauber, auf den Straßen fahren Panzer.

Vor dem Umspannwerk und dem nahegelegenen Technischen Polizeiamt stehen die Soldaten teilweise bis zu den Oberschenkeln in dem braunen, dreckigen Wasser, sie bilden lange Ketten, um die Sandsäcke vom Transporter weiterzureichen und den Damm zu stabilisieren. Eine Schicht dauert acht Stunden, die Sonne brennt vom Himmel, einer der groben Leinensäcke wiegt etwa zehn Kilo, allein in Rothensee liegen schon Hunderttausende. Es ist Schwerstarbeit.

Hinzu kommt, dass das Wasser schon seit einiger Zeit steht - es ist modrig, die Einsatzkräfte haben Dutzende Mückenstiche, zwischen ihren Beinen schwimmen Käfer und Fische. Viele Soldaten sind spontan zu dem Einsatz nach Magdeburg beordert worden. Am Samstagabend haben sie beim Discounter noch schnell Unterwäsche gekauft - und vor allem Socken. Wer den ganzen Tag nasse Füße hat, weiß trockene Socken danach umso mehr zu schätzen.

Unbekannte drohen mit Anschlägen auf Deiche

Auch im Rest von Sachsen-Anhalt ist die Hochwasserlage weiter angespannt. So brach im nahegelegenen Barby, wo Saale und Elbe zusammenfließen, ein Damm. Für Aufregung sorgte auch ein Schreiben, in dem Unbekannte mit Anschlägen auf Deichabschnitte in Sachsen-Anhalt und Nordsachsen drohen - darunter auf den bei Groß-Rosenburg südlich von Magdeburg. Er hatte am Sonntagmorgen dem Druck der Fluten nachgegeben. Ob Sabotage der Grund war, lässt sich im Nachhinein kaum noch ermitteln.

Die Landespolizei nimmt das Drohschreiben eigenen Angaben zufolge sehr ernst. Die Verfasser, die sich "germanophobe Flut-Brigade" nennen, kündigen darin an, zwei Deichabschnitte zu zerstören - nachdem sie eigenen Angaben zufolge drei weitere schon beschädigt hatten.

Die Deiche würden nun verstärkt überwacht: Die sogenannten Deichläufer, die 24 Stunden im Einsatz sind, sowie die Polizisten seien gewarnt und aufgefordert worden, Auffälligkeiten sofort zu melden. Zudem werde der Luftraum mit Wärmebildkameras überwacht, der Staatsschutz ermittle.

Der Kampf geht weiter.

Eine ganze Sendung zur Flut heute bei SPIEGEL TV, 22.15 Uhr auf RTL

mit Material von dpa

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insgesamt 124 Beiträge
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    Seite 1    
1. Evakuieren, aber richtig
pitgo2 09.06.2013
Wann lernt der Spiegel, dass man nicht Menschen evakuiert (=entleeren), sondern Häuser, Gebiete, Stadtviertel etc.? Sprache und ihre richtige Verwendung sind doch eigentlich auch bei Qualitätsmedien recht wichtig.
2. Kriegsrethorik?
thorkhan 09.06.2013
"Der Kampf geht weiter." Mal im ernst: wie soll ein kleines Antifa-Grüppchen ohne schweres Gerät denn bitte einen tonnenschweren Damm ernsthaft schädigen können? Das ist doch Blödsinn.
3. Evakuieren
nbv122 09.06.2013
Nein, nein... So grausam wird auch in höchster Not keine Stadtverwaltung sein, dass sie Ihre Bürger "evakuiert", also "die Luft aus ihnen rauslässt". Man "evakuiert" den Stadtteil und "bringt die Bürger in Sicherheit"... Fragen Sie mal Herrn Sick!
4. Seltsam ...
a.vollmer 09.06.2013
Bis kurz vor Dresden war es das schlimmste Hochwasser der letzten 500 Jahre, jetzt bei Magdeburg schlägt es ebenfalls alle Rekorde, nur in Dresden war es schwächer als 2002. Sehr seltsam ...
5.
Newspeak 09.06.2013
Wieso wird kritische Infrastruktur wie das genannte Umspannwerk nicht gleich beim Bau gegen wahrscheinliche Schadensereignisse geschützt? Hochwasser ist in Magdeburg und vergleichbaren Städten doch nichts völlig ungewöhnliches?
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