Hochwasser in Australien "Mein Haus ist ein Schwimmbecken"

10.000 Häuser sind überflutet, Hunderttausende Menschen haben keinen Strom mehr: Die drittgrößte Stadt Australiens muss sich einer gewaltigen Naturkatastrophe erwehren. In der Not rücken die Einwohner Brisbanes zusammen; sie helfen, trösten und ermutigen sich gegenseitig.

Von Barry McAlister und Joshua Robertson, Brisbane


Als Brisbane an diesem Morgen erwacht, ist der Himmel über der Stadt blau und klar. Wochenlang hat es geregnet, jeder Tag war grau, doch nun scheint die Sonne. Auch der Pegel des Brisbane River, der sich jüngst zu einem reißenden Strom entwickelt hatte, erreicht doch nicht den befürchteten Rekordstand von 5,5 Meter, sondern verharrt bei 4,4 Metern. Tausende Menschen atmen auf.

Ein strenger, erdiger Geruch hat sich mittlerweile über die Stadt gelegt, deren Zentrum leergefegt ist. Die Angestellten sind zu Hause geblieben, die Büros in den imposanten Glas- und Stahlkonstruktionen verwaist. Es ist still in den Straßen, nur braunes Wasser schwappt gegen Wände, und einzelne Helikopter kreisen über den Türmen.

Mehr als 10.000 Häuser sind überschwemmt worden, 100.000 Haushalte haben keinen Strom mehr, mindestens 13 Menschen sind ums Leben gekommen, Dutzende werden noch vermisst. Eine solche Naturkatastrophe hat der australische Bundesstaat Queensland noch nicht erlebt. "Auf uns kommt ein Wiederaufbau wie nach einem Krieg zu", sagt die Regierungschefin Anna Bligh.

Zerstörerische Kraft

Mit zerstörerischer Kraft ist der Brisbane River durch die Zwei-Millionen-Stadt gerauscht und hat alles mit sich gerissen, was an seinen Ufern stand. In tief gelegenen Stadtteilen sind nur noch Dächer über der Wasseroberfläche zu sehen. "Viele Leute werden zu ihren Häusern zurückkehren und feststellen, dass sie dort nie wieder wohnen können", so Bligh.

Fotostrecke

19  Bilder
Überschwemmungen: Brisbane unter Wasser
Die Politikerin erinnert daran, dass die Katastrophe drei Viertel des Bundesstaats Queensland unter Wasser gesetzt hat. Auch in Rockhampton 650 Kilometer weiter nördlich kämpften die Menschen noch immer mit den Folgen der Flut. Die Stadt ist nach wie vor weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Militärmaschinen sind im Einsatz, um Townsville und Bundaberg mit dem Nötigsten zu versorgen.

Weite Teile Brisbanes wiederum gleichen Venedig - die Einwohner benutzen zur Fortbewegung auf den überfluteten Straßen Boote. "Es ist ein Schwimmbecken", sagt Ian Parker über sein Haus, in dem er knöcheltief im Wasser stand. Die Wetterdienste warnen unterdessen vor weiteren heftigen Niederschlägen. Vor der Küste braut sich erneut ein schwerer Sturm zusammen, der weitere Überschwemmungen verursachen könnte.

Die Lage spitzt sich zu

Auch im Westen der Stadt, wo 25.000 Menschen seit Tagen ohne Strom und fließendes Wasser auskommen müssen, spitzt sich die Lage zu. Denn nun werden allmählich die Lebensmittel knapp, der städtische Kämmerer hat bereits die Streitkräfte aufgefordert, doch endlich Hilfsgüter einzufliegen. Auch Anwohner wie Bob Borbiro sorgen sich: "Nichts kommt an, wahrscheinlich dauert das noch Tage."

Andere Einwohner der drittgrößten Stadt Australiens wiederum haben sich entschieden, ihrem Gefühl der Ohnmacht mit Engagement und Hilfsbereitschaft zu begegnen. Der Schlosser Kristian Smith füllt seit Mittwoch freiwillig Sandsäcke in einer eigens dafür eingerichteten Station. "Ich habe Blasen, die Beine tun weh, der Rücken schmerzt", sagt er. Und dennoch sei er am Donnerstagmorgen wiedergekommen, um weiterzuarbeiten. Selbstverständlich. Eine Bekannte von ihm, Shannon, habe in einem solchen Lager sogar ein Grillfest für die Freiwilligen ausgerichtet. "Das ist der australische Geist", sagt Smith, "the Aussie Spirit."

In der Nähe der Universität starrt Medizinstudentin Teresa Xie auf die 100 Meter brauner Brühe, die sie von ihrer Wohnung trennen. Sie hatte geahnt, dass es so kommen würde, und war am Dienstag aus dem Apartment geflüchtet. Sie griff sich Laptop, Pass, raffte Kleidung zusammen, doch sie verlor ihre Bankkarten und hat mittlerweile auch kein Bargeld mehr. "Ich bin verzweifelt", sagt sie und ringt um Fassung.

"So ist das Leben"

Im Paddington Hostel wiederum, beliebt auch bei deutschen Rucksacktouristen, steht das Wasser einen halben Meter hoch. "Wir hoffen, dass es nicht noch weiter steigen wird", sagt Besitzerin Mary Darcy. "Aber so ist das Leben." Ihre Nachbarn habe es härter getroffen. "Sie hatten ein Foyer im Souterrain, jetzt ist es ein Schwimmbad."

In der Haig Road wird Supermarktbesitzer Chuan Xie nicht müde, seinen Kunden zu versichern: "Morgen gibt es wieder Milch." Vor dem Suncorp Stadion, wo die bronzene Statue der Rugby-Legende Wally Lewis steht, haben Witzbold dem Monument des "König" genannten früheren Sportlers Schwimmflügel, Taucherbrille und Schnorchel angezogen. Und den Fahrradladen "New Farm Bikes" benannten die Besitzer kurzzeitig um. Er heißt nun "New Farm Boats".

Am Ufer des Flusses, der zum reißenden Strom anschwoll, steht ein Fahrradfahrer um die 50. Er sieht die Kühlschränke, Stühle, Autos im Wasser vor sich treiben und murmelt: "Sich klarzumachen, dass hier das gesamte Leben von Menschen vorüberschwimmt, ist schwierig."

Manche besonders Mutige, die in der Nacht aus ihren Häusern geflohen waren, kehren nun in Kajaks und Booten zurück, um die Schäden zu besichtigen. Und einige erleben dabei sogar angenehme Überraschungen - wie Renae Robinson. Die Mutter eines Sohnes fand ihr Heim unzerstört wieder, weil Nachbarn sich die Mühe gemacht hatten, es mit Sandsäcken zu sichern. "Ich kann es nicht glauben", jubelt Robinson. "Es ist wundervoll."

Der Bürgermeister der Stadt appelliert daraufhin an die Bewohner, sich ein Beispiel zu nehmen. "Ich bitte jeden Mann, jede Frau, jedes Kind: Arbeitet mit, helft den Leuten, räumt auf!"

mit Material von dpa und Reuters

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.