Hochwasser in Australien: "Wir stehen wieder auf, wenn wir umgehauen werden"

Mehr als ein Dutzend Tote, mehr als 60 Vermisste, Milliardenschäden: Das Hochwasserdrama im australischen Brisbane hat verheerende Folgen. Ein Schlepper-Kapitän und sein Ingenieur verhinderten ein Desaster und werden nun als Helden gefeiert.

Überschwemmungen: Brisbane unter Wasser Fotos
DPA

Brisbane - "Ich habe keine Zweifel, dass sie Menschenleben gerettet haben", sagte die Ministerpräsidentin des australischen Bundesstaates Queensland, Anna Bligh. Gemeint sind der Schlepper-Kapitän Doug Hislop und der Ingenieur Peter Fenton, die mit beherztem Einsatz ein Desaster verhindert haben und nun als Helden des Hochwasserdramas von Brisbane gefeiert werden.

In der reißenden Strömung des Brisbane Rivers hatte sich ein 400 Meter langes Stück der Uferpromenade losgerissen. Der 300 Tonnen schwere Stahl- und Betonkoloss rauschte den Fluss hinunter, auf Brücken, Benzintanks im Hafen und eine Ölpipeline zu. Kurzentschlossen steuerten Hislop und Fenton ihren Schlepper "Mavis" durch die tosenden Fluten und lenkten das Promenaden-Teil sicher an Brückenpfeilern und den Hafeneinrichtungen vorbei.

Anschließend spielten die beiden ihren Einsatz bescheiden herunter. "Wir wollten keine Heldennummer abziehen", so Fenton. "Wir haben nur getan, was getan werden musste." Sie hätten im Radio von dem Unglück gehört und sofort gewusst, "dass das ein Riesenproblem werden könnte", erzählte Hislop der Zeitung "Courier Mail".

Ein weiterer Held des Hochwasserdramas bezahlte seinen Einsatz mit dem Leben: der 13-jährige Jordan Rice. Der Teenager, der zusammen mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in der Stadt Toowoomba im Auto von der Flut eingeschlossen worden war, bestand darauf, dass zuerst sein Bruder gerettet wurde. Er selbst und seine Mutter seien von der Flut fortgerissen worden und ertrunken, berichtete die Lokalzeitung "The Chronicle".

Die Familie war am Montag unterwegs gewesen, um Schuluniformen zu holen, wie die Zeitung berichtete. Als die Flut kam, seien die Jungen und ihre Mutter auf das Dach des Wagens geflüchtet. Ein Helfer habe sich an einem Seil zu ihnen vorgekämpft. Als der Mann Jordan mitnehmen wollte, habe dieser darauf bestanden, dass zunächst der drei Jahre jüngere Blake gerettet wird. Bevor der Retter zurückkehren konnte, kippte das Auto um. "Jordan wurde von den Wassermassen mitgerissen", sagte sein Vater John Tyson dem "Telegraph". Daraufhin habe die Mutter den Wagen losgelassen, um Jordan festzuhalten.

"Wie in einem Kriegsgebiet"

Die große Flut gilt als die schwerste Naturkatastrophe, die Queensland jemals erlebt hat. Nach Angaben der Behörden werden noch 61 Menschen vermisst, mindestens 15 kamen ums Leben. Straßen, Bahnstrecken und Brücken sind zerstört, viele Häuser standen bis zur Zimmerdecke im dreckigen Flutwasser. "So mancher wird nach Hause kommen und feststellen, dass sein Haus nie wieder bewohnbar sein wird", warnte Queenslands Regierungschefin Bligh.

Ökonomen rechnen mit Schäden in Höhe von bis zu 20 Milliarden australischen Dollar (15,2 Milliarden Euro) und Produktionsausfällen von weiteren neun Milliarden Dollar. Queensland steht vor einem jahrelangen Wiederaufbau.

In Brisbane blieb der Scheitelpunkt der Wassermassen am Donnerstag mit 4,46 Metern unter der befürchteten Höchstmarke von mehr als fünf Metern. Dennoch: In der Millionenstadt wurden mehr als 12.000 Wohnhäuser überflutet. Die reißende Strömung des über die Ufer getretenen Brisbane Rivers zerrte viele Uferanlagen aus der Verankerung und riss Hunderte Autos, Boote, Container und Anlegestege mit. Rund 115.000 Haushalte waren am Donnerstag noch ohne Strom. "In manchen Gegenden sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet", sagte Bligh nach einem Rundflug über Stadt.

Zu langer Verzweiflung und Selbstmitleid neigen die Queenslander aber nicht - "Ärmel hoch", heißt die Devise. Hunderte Freiwillige stehen für das große Aufräumen schon bereit. "Wir weinen um unsere Verluste ..., aber wir dürfen nicht vergessen, was wir sind: Queenslander!" rief Bligh ihren Landsleuten emotional zu. "Wir sind diejenigen, die wieder aufstehen, wenn sie umgehauen werden."

Es drohen weitere Überflutungen

Als erster rollte Brisbanes Bürgermeister Campbell Newman die Ärmel hoch. Das Wasser stand noch in zahlreichen Stadtteilen, da präsentierte er seinen Wiederaufbauplan: Zuerst will er die Straßen freihaben, damit die Leute zurück nach Hause können. "Wir müssen die Trümmer wegräumen, das ist ein Rieseneinsatz und wir brauchen viele Freiwillige", sagte er. Wer Radlader oder Kipper habe und sie umsonst zur Verfügung stellen wolle, solle sich bitte melden.

Zahlreiche Freiwillige steht schon parat. "Hunderte haben die Stadtverwaltung angerufen und sich zur Verfügung gestellt", sagte Oppositionsführer Tony Abbott. "Eine tolle Demonstration des australischen Gemeinschaftssinns."

In den kommenden Wochen könnte es weitere Überflutungen geben. Die Böden sind aufgeweicht und die Talsperren randvoll. Die Regenzeit in der Region dauert aber noch zwei Monate. Der Wetterdienst warnte zudem vor einem weiteren Unwetter, das sich zu einem Wirbelsturm entwickeln könnte.

Mehr als eine Million Obdachlose in Sri Lanka

Auch Sri Lanka leidet unter dramatischen Überschwemmungen: Die Monsun-Saison hat das Land dieses Jahr besonders schwer getroffen. Mehr als eine Million Menschen sind durch Überschwemmungen und Erdrutsche obdachlos geworden, mindestens 23 Menschen starben im Osten und Zentrum des Landes innerhalb einer Woche, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzes am Donnerstag in Colombo mitteilte. Die Verteilung von Nothilfe und Kleidung habe begonnen. Um den Opfern der Überschwemmungen zu helfen, wurden Notlager errichtet und 3000 Soldaten entsandt.

In Sri Lanka ist derzeit Monsun-Saison, sie dauert noch bis in den Februar. Vor allem die Region Batticaloa im Osten des Landes erlebt seit Tagen heftigen Dauerregen. "Mein Haus steht zwei Meter unter Wasser", berichtete der Rentner K. Ratnaval telefonisch der Nachrichtenagentur AFP aus dem Küstenort Ailadivembu. "Ich bin mit meiner Frau und drei Kindern in ein Regierungsgebäude geflohen", fügte der ehemalige Schuldirektor hinzu. "Wir haben nur die Sachen, die wir anhaben. Alles andere ist verloren."

siu/dpa/Reuters/AFP

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1. Das Schlimmste scheint vorbei zu sein.......
dietmarberger 14.01.2011
Brisbane gibt Entwarnung, die Aufräumarbeiten habe bereits begonnen. Es ist äusserst beeindruckend diese Bilder über ABC News zu sehen. Teamwork ist da voll angesagt und bewiesen. Links dazu, ABC News inkl. Webcams aus Australien: https://sites.google.com/site/flamingowebtv/home Nur in Goondiwindi, 28°32'47.12"S 150°18'29.26"E eine kleine Ortschaft am Rande des Flusses, bangt noch. Deren Dämme sind 11 m hoch, das Wasser steht bei ca. 10,85 m. Das Krankenhaus ist bereits evakuiert (laut der Chefin des Staates von Queensland), jedoch wird der Fluss wohl den Damm nicht brechen und vorher nachlassen. Die elektrische Versorgung wird wohl noch einige Tage dauern bis sie wiederhergestellt ist. MfG
2. Überzeugung
lemming51 14.01.2011
Die Australier sind ein rauhes, kerniges "Völkchen". Respekt, wie selbstlos und solidarisch sie miteinander umgehen, eine Tugend, bei der ich mir in Deutschland heute nicht mehr sicher bin. Kein Jammern und Zetern und Rufe nach dem Staat, kein Parteiengezänk, keine Schuldzuweisungern.... Alles Gute nach Down Under !
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