Hochwasser in Dresden: Feuerwehr gibt Zwinger und Semperoper verloren

Laut Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt ist es der höchste Stand seit tausend Jahren, den das Elbwasser in Dresden erreicht hat - und der Pegel steigt weiter. 30.000 Menschen sollen ihre Häuser verlassen. In Pirna dagegen hat die Elbflut offenbar den Scheitelpunkt bereits erreicht.

Einwohner von Dresden bauen am Freitag neue Sandsacksperren am Terrassenufer im Zentrum der Elbestadt auf Blick auf die Altstadt-Silhouette von Desden: Der Pegel hat am Morgen die Neun-Meter-Marke überschritten Die Dresdner Semperoper reflektiert sich in den Fluten. Kurz nach Mitternacht hatten die Wassermassen den berühmten Theaterplatz überflutet Das "Heinz-Steyer-Stadion" in Dresden und die umliegenden Straßen sind vom Elbe-Wasser überschwemmt
Tausende Helfer versuchen am Freitag, den Chemiepark Bitterfeld und die Stadt mit Sandsäcken zu sichern. Ein sechs Kilometer langer Damm soll die Chemieanlagen vor dem Hochwasser schützen Freiwillige Helfer bauen am Freitag an der Münzstraße in Dresdens Alstadt einen Sandsackwall, um die Frauenkriche vor den Fluten der Elbe zu schützen Das Naturschutzgebiert Elbauen vor dem Dresdner Stadteil Mickten steht am Freitag völlig unter Wasser. Unabsehbar sind die Folgen der Überschwemmung für die Natur Einige Dresdner versuchen ihre Häuser zu verlassen, als ihr Viertel am Freitag evakuiert werden musste
Elbwasser hat am Freitag das Schild zur Semperoper in Dresden überschwemmt Ein Haus bei Pirna ist am Donnerstag vollkommen vom Hochwasser der Elbe eingeschlossen Feuerwehr und freiwillige Helfer schichten am Freitag Sandsäcke an das Ufer der Goitzsche in Bitterfeld. Das ehemalige Tagebau-Restloch droht nach der Flut der Mulde überzulaufen Das Schrammsteinbad in Bad Schandau ist am Donnerstag vom Hochwasser der Elbe eingeschlossen. Die elbaufwärts gelegenen Städte Pirna und Bad Schandau in der sächsischen Schweiz wurden zu großen Teilen überflutet
Feuerwehr und freiwillige Helfer schichten am Freitag Sandsäcke an das Ufer der Goitzsche in Bitterfeld Die Innenstadt von Bad Schandau ist am Donnerstag vom Hochwasser der Elbe überschwemmt Eine Häusersiedlung bei Heidenau ist komplett von den Wassermassen der Elbe eingeschlossen In der Stadt Krippen werden am Donnerstag Anwohner mit Booten aus ihren Häusern gerettet.



Klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen!


Dresden - Auch wenn der Pegel der Elbe ständig neue Rekordmarken erreichte: Die Dresdner kämpfen ohne Unterbrechung verzweifelt gegen die Jahrhundertflut in ihrer Stadt. Immer neue Sandsackbarrikaden wurden errichtet, die Pumpen liefen pausenlos auf Hochtouren. "Wir pumpen weiter", sagte einer der Helfer stoisch angesichts des schmutzigen Elbewassers.

THW-Helfer im Innenhof des Zwingers
DPA

THW-Helfer im Innenhof des Zwingers

Die katastrophale Situation ließ die Dresdner immer weiter zusammenrücken. Wo immer Sandsäcke aufeinander gestapelt wurden, fanden sich flugs helfende Hände. Auffallend viele Jugendliche griffen spontan zu, um die Innenstadt des "Elbflorenz" gegen das Hochwasser zu sichern.

Feuerwehr und Technisches Hilfwerks gaben den Kampf um Semperoper und Zwinger auf. Das THW kämpft derweil weiter um die historische Frauenkirche. Bisher halten die provisorischen Sandsackwälle rumd um die Baustelle. Trotzdem nehmen die Experten an, dass das Fundament der Kirche schon jetzt stark angegriffen ist. Mehrere umliegende Gebäude haben die Retter bereits aufgegeben.

Der Scheitelpunkt der Flut wurde mit einem Pegelstand von 9,40 bis 9,60 Meter in der Nacht zwischen zwei und drei Uhr erwartet, das ist nahezu ein Meter mehr als bei der Rekordflut des Jahres 1845, wie Dresdens Oberbürgermeister Ingo Roßberg berichtete. 30.000 Menschen sollten in Dresden ihre Wohnungen verlassen. Die Schulen bleiben bis Dienstag geschlossen. Die Behörden registrierten ein weiteres Todesopfer.




Auch sonst hatte Roßberg den Dresdnern nichts Gutes zu verkünden: So sei die Stromversorgung teilweise erheblich beeinträchtigt, nachdem Umspannwerke überflutet worden waren. Auch Dresdens größtes Wasserwerk konnte nicht mehr arbeiten. "Aber wenn wir etwas sparsamer mit dem Wasser umgehen, können wir das ausgleichen", gab er sich zuversichtlich. Akute Probleme bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln sah er nicht. Seine größte Sorge: "Dass die Elbbrücken zerstört werden."

Überfluteter Theaterplatz vor der Semperoper
DDP

Überfluteter Theaterplatz vor der Semperoper

Nicht alle in Dresden packen spontan mit an. Seit dem Vormittag hatte die Polizei Neugierige auf der Augustusbrücke immer wieder per Lautsprecher angesprochen. "Nicht stehen bleiben und nicht fotografieren", hieß es in regelmäßigen Abständen. Doch am Nachmittag verstummten auch diese Ansagen, wurde diese und andere Brücken auch für Fußgänger voll gesperrt.

In Bitterfeld in Sachsen-Anhalt hatte sich die Hochwasserlage am Freitagvormittag zunächst leicht beruhigt. Nach wie vor aber war die Gefahr nicht gebannt, dass der Goitzschesee oberhalb der Stadt überläuft. Experten erwogen, den Zulauf des Hochwassers durch eine Sprengung umzuleiten.

Auch in Sachsen-Anhalt kämpften Tausende Helfer gegen die Fluten von Elbe und Mulde. Insgesamt müssen in dem Land 1340 Kilometer Deiche gesichert werden, von denen nach Auskunft des Magdeburger Umweltministeriums ein großer Teil in einem unsicheren Zustand sind. Es zeichne sich ein Hochwasser "unübersehbaren Ausmaßes" ab, hieß es.

Per Floß kommt man in Meißen zurzeit besser voran als mit dem Auto
DPA

Per Floß kommt man in Meißen zurzeit besser voran als mit dem Auto

In Magdeburg bereiteten sich 20.000 Einwohner der ostelbischen Stadtteile auf die Evakuierung vor. Die große Flut wird für Sonntag erwartet. Sollte das Wasser über die Deiche schwappen, könnten Straßen, Plätze und Wohnhäuser binnen kurzer Zeit bis zu drei Metern unter Wasser stehen. In Dessau, wo Elbe und Mulde zusammenfließen, hatte sich die Lage ebenfalls verschärft.

Bangen auch in Brandenburg und Mecklenburg

Inzwischen wurden auch von den Landesregierungen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Krisenstäbe gebildet. Im südbrandenburgischen Mühlberg sollte der Elbepegel am Freitagabend die Deichkrone überschreiten. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck befürchtet, dass die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten wird. Unterdessen bereitete sich der mehr als 200 Kilometer elbabwärts gelegene nordbrandenburgische Prignitz-Kreis auf das Hochwasser vor. Die erste Scheitelwelle der Flut wurde dort für Mittwoch erwartet.

Über das Ausmaß der Schäden konnten die politisch Verantwortlichen auch am Freitag nur spekulieren. Dresdens Oberbürgermeister Roßberg ging im NDR davon aus, dass die Schadenssumme in seiner Stadt eine dreistellige Millionensumme erreichen wird. Allein die Deutsche Bahn AG, die zahlreiche Strecken weiterhin nicht befahren konnte, rechnet auf Grund des Hochwassers mit einem Schaden im hohen dreistelligen Millionenbereich.

Den Flutopfern wurde unterdessen aus allen Teilen Deutschland in großem Ausmaß Hilfe angeboten. Geldspenden flossen reichlich, Tausende von Helfern meldeten sich zum Teil von weit her in den Katastrophengebieten. In Bayern, wo das Donauhochwasser mittlerweile abfließt, sollten am Montag die ersten Hilfsgelder des Bundes eintreffen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Elbehochwasser 2002
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback