Bundeswehr im Hochwassergebiet: Der Nervenkrieg von Magdeburg

Von Anna-Lena Roth, Magdeburg

Bundeswehr im Hochwassergebiet: Der Nervenkrieg von Magdeburg Fotos
Getty Images

Der Elbpegel in Magdeburg sinkt, Grund sind mehrere Dammbrüche. Doch die Gefahr in der Stadt ist längst nicht vorüber: Im Lagezentrum der Bundeswehr blickt man mit Sorge auf die Deiche.

Niemand hatte damit gerechnet, dass das Wasser der Elbe in Magdeburg so schnell so hoch steigen würde. 7,46 Meter. Rekord. Seit Sonntagnacht geht der Pegel nun zurück, am Montagmorgen war er schon auf 7,13 Meter gesunken. Diesen Unterschied sehen die Menschen auf den Straßen deutlich, die Erleichterung ist spürbar. Das Schlimmste, so scheint es vielen, sei überstanden.

Doch wer das Lagezentrum des Landeskommandos Sachsen-Anhalt der Bundeswehr besucht, bekommt ein anderes Bild. Es verbirgt sich in einem unscheinbaren, vierstöckigen Kastenbau in Magdeburg, im vierten Stock haben sie den militärischen Krisenstab eingerichtet: ein Raum mit sehr vielen Landkarten, Rechnern, Telefonen. Fünf Mann arbeiten hier pro 12-Stunden-Schicht.

Die Stimmung im Raum steht in krassem Gegensatz zur Situation an den Fronten der Flut. Draußen an den Deichen schreien Vorgesetzte ihre Befehle heraus, Soldaten und Helfer schmeißen sich Zehn-Kilo-Sandsäcke zu, Schweiß fließt. Drinnen im Lagezentrum geht es ruhig zu: Die Soldaten besprechen sachlich die aktuellsten Meldungen. Die Gespräche, die Telefonate, die Computerarbeit - alles läuft ohne Hektik.

Die Soldaten sitzen an Schreibtischen in U-Form, sie alle haben freien Blick auf das Zentrum der Krise: eine riesige Landkarte des Landes, vom Fußboden bis unter die Decke gespannt, darüber eine Folie gelegt, auf der jederzeit die neuesten Entwicklungen eingetragen werden können.

Gefahr im Norden - und Magdeburg

Wann wurde im Burgenlandkreis Katastrophenalarm ausgelöst (3. Juni, 16 Uhr)? Wann wurde er wieder aufgehoben (8. Juni, 9.45 Uhr)? Welche Einheit ist wo im Einsatz?

Durch diesen Überblick kann Schichtführer Bertram Schuster die Lage einschätzen. Er weiß, dass es im Land weit mehr Wasser gab als 2002. Er weiß auch, dass der Elbpegel in Magdeburg binnen Stunden um 25 Zentimeter zurückgegangen ist - und dass dies auch Entwarnung für das bedrohte Umspannwerk im Stadtteil Rothensee bedeutet. Hier war die Stromversorgung für 30.000 Haushalte in Gefahr.

Die Beruhigung in Magdeburg liege aber nur daran, dass in Groß-Rosenburg und bei Fischbeck Deiche gebrochen seien, sagt Schuster. Die Bundeswehr verlegt weitere Kräfte in die Region im Landkreis Stendal, Tausende Menschen mussten dort in Sicherheit gebracht werden. Der Krisenstab der Landesregierung hat die Führung für das Katastrophengebiet übernommen. Insgesamt sind von den Evakuierungen in Sachsen-Anhalt mittlerweile rund 38.000 Menschen betroffen.

Deichverteidigung, Evakuierung, Aufräumarbeiten

Auch in Magdeburg sei die Gefahr noch längst nicht vorüber, sagt Schuster: Die Wassermassen würden noch tagelang auf die Deiche drücken und diese gefährden. Die Schutzwälle seien teilweise "wie Pudding": Selbst wenn nur zwei Personen diese betreten würden, könne das eine Katastrophe auslösen.

Oberbürgermeister Lutz Trümper kündigte an, Magdeburg bleibe auch in den kommenden Tagen "eine Stadt im Ausnahmezustand".

Seine Informationen bekommt der militärische Krisenstab in Magdeburg von aktiven Reservisten in den jeweiligen Krisenstäben der einzelnen Landkreise. Sie berichten, in welchen Teilen des Landes welche Mittel benötigt werden: Hubschrauber, Transporter für Sandsäcke, Personal. Pro Tag laufen hier bis zu 60 Anträge ein, per Mail, Fax oder Telefon. In Berlin fällt dann die Entscheidung, welcher befürwortet wird.

Zu Beginn der Hochwasserkrise in Sachsen-Anhalt seien die rund 9000 Soldaten im Land vor allem mit der Deichverteidigung beauftragt worden, sagt Schuster. Während der besonders kritischen Phase kämen dann verstärkt Anfragen zur Unterstützung der Evakuierung - denn in einige der überfluteten Gebiete kommt man im Zweifelsfall nur noch mit Spezialfahrzeugen. Wenn das Hochwasser abnimmt, helfe die Bundeswehr vor allem bei der Beseitigung von gefährlichen Gütern, die mitgeschwemmt wurden, beispielsweise Stahlträgern oder Öltanks.

Man sei hier bestens vorbereitet, so der Schichtführer, es sei klar gewesen, dass die Flut kommt. "Aber mit diesen extremen Pegelständen hat niemand gerechnet. Das ist eine Intensität, die wir nicht kannten." Wie es nun weitergeht? Die Scheitelwelle bewegt sich nach Niedersachsen, dort und in Schleswig-Holstein wird sie ab Mitte der Woche erwartet. "Aber wie hoch die in Hamburg noch ist", sagt Schuster, "das ist Kaffeesatzleserei."

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1. Diese Aussage ist falsch
Flari 10.06.2013
Zitat von sysopDer Elbpegel in Magdeburg sinkt, Grund sind mehrere Dammbrüche... .. Die Beruhigung in Magdeburg liege aber nur daran, dass in Groß-Rosenburg und bei Fischbeck Deiche gebrochen seien, sagt Schuster. ..
Zur Zeit des Deichbruches bei Groß-Rosenburg/Aken kamen knapp *5.000 m³/s *durch die Elbe angerauscht, weitere Wassermengen durch die Mulde. Das kleine Dreieck zwischen Elbe und Saale dürfte damit ruckzuck geflutet gewesen sein, insbesondere, da das Gebiet zur Saale ansteigt. Aber ein klein wenig Druck hat es natürlich genommen. PEGELONLINE Nahbereich um Magdeburg (http://www.pegelonline.wsv.de/webservices/zeitreihe/visualisierung?pegelnummer=502070&pegelnummer=502130&pegelnummer=502170&pegelnummer=502180&pegelnummer=502210&pegelnummer=502240&ansicht=mehrfach) Fischbeck/Tangermünde liegt über 60km flussabwärts und das Pegelnull über 12m tiefer, wodurch der dortige Deichbruch sehr wenig Auswirkungen bis MD haben dürfte. Man erkennt sehr gut den jeweiligen Zeitpunkt eines Deichbruches in einer Pegellinie, aber auch die sich schnell abschwächende Wirkung bei den anderen Pegeln. Insbesondere, wenn man die Zoom-Funktion der WSV-Diagramme nutzt. PEGELONLINE Grossbereich um Magdeburg - Fischbeck (http://www.pegelonline.wsv.de/webservices/zeitreihe/visualisierung?pegelnummer=502000&pegelnummer=502070&pegelnummer=502180&pegelnummer=502350&pegelnummer=502430&ansicht=mehrfach) Mulde, Saale, Schwarze Elster und weitere Elbezuläufe hatten schon 55-60 Stunden vor Passage des Elbscheitelpunktes ihren Scheitelpunkt. Völlig klar, dass jetzt hinter dem gemeinsamen Scheitelpunkt der Pegel schnell/stärker abfällt, als oberhalb der grossen Elbzuläufe, bzw. wie man es von 2002 gewohnt ist. Aber Schuster ist ja nur Schichtführer und muss nicht alles verstehen..
2. Die besten Wünsche für die Opfer aus den USA!
RadioLA 10.06.2013
Ich wünsche allen Opfern der Flutkatastrophe nur das beste. Mögen sie auf die Solidarität der deutschen Gesellschaft zählen dürfen. Ich hoffe, daß viele Deutsche Geldspenden sammeln und tonnenweise Hilfsgüterlieferungen für die Flutopfer zusammenstellen. Ich wünsche sowohl den Opfern als auch den Helfern inklusive der Armee Kraft und Ausdauer, um die Notlage zu überstehen. Ich wünsche den Politikern Weisheit, um durch bessere Planungen künftige Katastrophen zu vermeiden. Ich wünsche vor allem auch, daß den Opfern hämische und ignorante Beiträge im SPON-Forum erspart bleiben. Wenn ich an die Mehrzahl der Beiträge denke, die anläßlich amerikanischer Naturkatastrophen in deutschen Foren üblicherweise verbreitet werden, könnte man auch schreiben: "Die Krauts können keine Deiche bauen. Die Krauts sind dumm, weil sie Häuser in Gefahrenzonen bauen. Wegen ein bißchen Regen bricht im Krautland alles schon zusammen. Bei uns wäre das nicht passiert. Und nun setzen die Krauts auch noch die Armee ein - typisch deutsch!" Wie gesagt, ich wünsche keinem Deutschen, solche Bemerkungen lesen zu müssen. In diesem Sinne - alles Gute und viel Kraft!
3. Wozu wird immer nach der Bundeswehr gerufen?
ein-berliner 10.06.2013
Zitat von sysopDer Elbpegel in Magdeburg sinkt, Grund sind mehrere Dammbrüche. Doch die Gefahr in der Stadt ist längst nicht vorüber: Im Lagezentrum der Bundeswehr blickt man mit Sorge auf die Deiche. Hochwasser in Magdeburg: Der Pegel sinkt, Deiche unter Druck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-in-magdeburg-der-pegel-sinkt-deiche-unter-druck-a-904826.html)
# Es ist nicht die Aufgabe der Bundeswehr immer wieder die Deiche zu retten. Es sind die Versager in den Bundesländern und deren Inkompetenz, die derartige Aufgaben nicht rechtzeitig wahrgenommen haben. Da stellt sich die Frage: Wann wird die nächste Jahrhundertflut kommen? Was wurde bis dahin getan? Bestimmt wird wieder die Notrufnummer der Bundeswehr gesucht... und Sandsäcke gefüllt.
4. Katastrophe?
gatoalforno 10.06.2013
kann es sein, dass wir den Begriff "Katastrophe" etwas zu inflationär verwenden? Die einzigen 3 Flutopfer an der Elbe sind wohl an Kreislaufversagen beim Sand schippen in praller Sonne umgekommen oder wurden vom Muldenkipper überfahren. Ziemlich tragisch, wenn man bedenkt, dass nicht um Menschenleben sondern um trockene Füße gekämpft wurde. Da frag ich mich, was losbricht, wenn es tatsächlich zu einer Katastrophe kommt.
5. ...
pewibe 10.06.2013
Zitat von RadioLAIch wünsche allen Opfern der Flutkatastrophe nur das beste. Mögen sie auf die Solidarität der deutschen Gesellschaft zählen dürfen. Ich hoffe, daß viele Deutsche Geldspenden sammeln und tonnenweise Hilfsgüterlieferungen für die Flutopfer zusammenstellen. Ich wünsche sowohl den Opfern als auch den Helfern inklusive der Armee Kraft und Ausdauer, um die Notlage zu überstehen. Ich wünsche den Politikern Weisheit, um durch bessere Planungen künftige Katastrophen zu vermeiden. Ich wünsche vor allem auch, daß den Opfern hämische und ignorante Beiträge im SPON-Forum erspart bleiben. Wenn ich an die Mehrzahl der Beiträge denke, die anläßlich amerikanischer Naturkatastrophen in deutschen Foren üblicherweise verbreitet werden, könnte man auch schreiben: "Die Krauts können keine Deiche bauen. Die Krauts sind dumm, weil sie Häuser in Gefahrenzonen bauen. Wegen ein bißchen Regen bricht im Krautland alles schon zusammen. Bei uns wäre das nicht passiert. Und nun setzen die Krauts auch noch die Armee ein - typisch deutsch!" Wie gesagt, ich wünsche keinem Deutschen, solche Bemerkungen lesen zu müssen. In diesem Sinne - alles Gute und viel Kraft!
Genau das habe ich an anderer Stelle schon angemerkt. Schön, dass ich nicht der einzige bin dem dieses Vorurteil aufstösst. Da sitzen sie nun die so tollen, besserwissenden Deutschen. Was haben sie gelästert bei all dem Leid über Papphäuser, Stromversorung die über der Erde verlaufen und nicht zuletzt die schlechte Bildung. Wo sind jetzt die ganzen USA-Basher? Alle "Offline" weil sie im Krisengebiet vor Ort helfen oder haben sie wirklich nichts besseres zu tun als die körperliche Fitness der zugegeben, Zahnlosen BW zu bemängeln!?! Klar, wenn man ja eine Weltmacht zur Seite hat die Probleme (auch im Interesse von Europa) löst, kann man sich eine Hobbyarmee ja leisten. Gott, was ist das nur für eine Rückratlose Plastikgesellschaft geworden...
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