Hochwasser in Deutschland: Sachsens Innenminister drängt Bürger zur Flucht

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Die Lage in den Hochwassergebieten wird immer dramatischer: Auch in Dresden und an der Oberelbe gilt nun Katastrophenalarm. Sachsens Innenminister Ulbig appelliert an die Vernunft der Bürger - den Aufforderungen zur Evakuierung soll unbedingt Folge geleistet werden.

Hamburg - Die Pegelstände steigen und steigen: An den Flüssen in Bayern, Thüringen und Sachsen verschärft sich die Hochwasserlage dramatisch. Auch für das Obere Elbtal in Sachsen gilt inzwischen Katastrophenalarm. Evakuierungen würden vorbereitet, teilte das Landratsamt in Pirna mit. Betroffen sind Touristenorte entlang der Elbe in der Sächsischen Schweiz zwischen Heidenau und Bad Schandau sowie Gemeinden im Osterzgebirge.

Nach derzeitigen Prognosen des Landeshochwasserzentrums soll die Elbe am Pegel Schöna auf mehr als sieben Meter ansteigen - und am Mittwoch sogar auf bis zu 11,05 Meter. Normalstand sind dort 2,14 Meter. Katastrophenalarm wurde auch für Kommunen entlang des Flüsschens Weißeritz ausgelöst. Die aktuelle Entwicklung können Sie im Liveticker von SPIEGEL ONLINE verfolgen.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig hat wegen der Hochwasserlage eindringlich an die Vernunft der Bürger appelliert. Ulbig zeigte sich verärgert darüber, dass manche Anwohner in Flussnähe die Aufforderung zur Evakuierung missachten. Es habe bereits eine Zwangsräumung gegeben. "Das, was wir hier machen, ist kein Spaß", sagte der Minister. Er verstehe, dass die Menschen Angst um ihr Eigentum hätten. Es könne aber nicht sein, dass sie uneinsichtig blieben und die Behörden sie zum Verlassen der Häuser zwingen müssten. Wenn Betroffene vom Wasser eingeschlossen seien, müsse am Ende die Luftrettung eingreifen.

Kanzlerin reist ins Flutgebiet

Zahlreiche Regionen im Süden und im Osten der Republik kämpfen mit Überflutungen. Mittlerweile hat die Bundesregierung einen Krisenstab eingerichtet, der an das Bundeskanzleramt berichte. Kanzlerin Angela Merkel lasse sich laufend über die Maßnahmen von Bundeswehr, Bundespolizei und Technischem Hilfswerk informieren, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es sei aber zu früh, um über etwaige finanziellen Hilfen für die Leidtragenden des Hochwassers zu sprechen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich haben den Betroffenen unterdessen bereits Hilfe zugesichert. "Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir alles tun, ihr die Schäden zu erleichtern", sagte Friedrich bei einem Besuch von Hochwassergebieten in Chemnitz. Die Hochwasserkatastrophe ähnelt laut Tillich der sogenannten Jahrhundertflut vor elf Jahren. "Wir haben eine sehr, sehr prekäre Situation, die durchaus mit der von 2002 vergleichbar ist", sagte er.

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Ausnahmezustand: Deutschland unter Wasser
Friedrich ist in mehrere vom Hochwasser betroffene Städte in Sachsen gereist. Der Minister wolle sich in Zwickau und Grimma ein Bild vom Einsatz der Bundespolizei machen, teilte sein Sprecher in Berlin mit. Seinen Angaben zufolge sind Hunderte Polizisten in der Region mit Booten, Sandsäcken und einem Kran-Lkw im Einsatz. In Glauchau will Friedrich Bundeswehrsoldaten besuchen, die bei den Hilfsarbeiten Unterstützung leisten. Für Dienstag plant zudem die Bundeskanzlerin, in die betroffenen Gebiete zu reisen. Insgesamt sind laut Bundeswehr 1760 Soldaten in den Hochwassergebieten im Einsatz.

Im Landkreis Leipzig wurden am Morgen Dämme aufgegeben. Die Einsatzkräfte konzentrieren sich auf die Rettung von Menschen, wie ein Sprecher des Landkreises mitteilte. Bei Nitzschka wurde ein Damm unterspült. Im gesamten Bereich des Flusses Wyhra wurde in der Nacht zu Montag Katastrophenalarm ausgelöst. In Grimma ist die Innenstadt bereits komplett abgesperrt. Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

In Eilenburg nordöstlich von Leipzig wird die Innenstadt evakuiert. Die Anwohner wurden aufgefordert, sich in Notquartiere zu begeben. Bislang halten aber alle Deiche und Hochwasserschutzmauern stand, wie die Behörden mitteilten. Das Hochwasser der Weißen Elster ist in Leipzig weiter drastisch gestiegen. Am Morgen wurden dort die Werte für die höchste Alarmstufe 4 überschritten. Südlich von Leipzig sei das Entlastungsbauwerk Zitzschen geöffnet worden, so die Behörden. Um Leipzig zu schützen, wird der Zwenkauer See so mit Wasser aus der Weißen Elster geflutet.

Teile von Dresden drohen erneut in den Fluten der Elbe zu versinken. Das Umweltministerium rechnete am Montag mit einem Pegelstand von bis zu neun Metern - fast so viel wie im August 2002 als der Wasserstand 9,40 Meter erreichte. Der Stadtteil Laubegast wäre dann wieder eine Insel - von der Elbe und einem Arm des Flusses eingeschlossen. Wegen der steigenden Fluten löste Dresden für mehrere Stadtteile Katastrophenalarm aus. Die Bevölkerung wurde gebeten, auf unnötige Fahrten mit dem Auto zu verzichten und den Weg für Einsatzfahrzeuge freizuhalten. An einigen Stellen hätten Schaulustige bereits die Rettungswege zugestellt, hieß es. Die Verwaltung warnte davor, Deiche zu betreten. Es bestehe Lebensgefahr.

Auch in Thüringen ist die Lage dramatisch. Am Morgen wurde im Landkreis Altenburger Land Katastrophenalarm ausgelöst. Bislang wurden rund 1500 Menschen in Sicherheit gemacht. Ein Großteil der Gemeinden entlang der Flüsse Sprotte und Pleiße sei teilweise oder ganz überschwemmt, erklärte das Landratsamt. In Serbitz brach ein Damm.

Katastrophenalarm gilt weiterhin auch in Gera und Greiz in Thüringen sowie im sächsischen Döbeln. Laut sächsischem Innenministerium ist aufgrund der anhaltenden Regenfälle mit einer weiteren Verschärfung der Hochwasserlage in weiten Teilen des Freistaates zu rechnen. In Sachsen-Anhalt wertete der Katastrophenschutzleiter des Burgenlandkreises die Lage in Zeitz als dramatisch.

Im bayerischen Passau überschritt die Donau am Morgen den Pegelstand von 12,20 Metern, wie das Landesamt für Umwelt in Augsburg mitteilte. Damit erreichten die Fluten bereits einen höheren Stand als beim historischen Hochwasser 1954. "Ein Pegelstand von 12,50 Metern ist nicht auszuschließen", sagte der Sprecher des Krisenstabs. Überall waren viele hundert Helfer dabei, Sandsäcke zum Schutz gegen die Fluten aufzuschichten. Tausende Menschen mussten sich in Sicherheit bringen, ganze Ortschaften wurden evakuiert. In vielen Haushalten fiel der Strom aus. In Kolbermoor bei Rosenheim drohte ein Damm zu brechen.

Das Hochwasser machte in den betroffenen Regionen zudem Straßen und Autobahnen unbefahrbar. Auch der Bahnverkehr war beeinträchtigt. Insbesondere in Süd- und Niederbayern seien einige Strecken unterbrochen, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Betroffen waren unter anderem die Verbindungen München-Salzburg, Traunstein-Ruhpolding sowie zwischen Weilheim und Garmisch-Partenkirchen. Der Bahnhof Rosenheim wurde komplett gesperrt: Dort stehen die Züge seit Sonntagabend still.

Dagegen hat sich die Lage in Niedersachsen teilweise entspannt. Die Pegelstände der Flüsse und Kanäle sind zwar noch auf einem hohen Niveau, sinken aber allmählich, wie die Polizei in Braunschweig und Göttingen mitteilte. Überflutungsgefahr besteht noch für die Anrainer von Aller und Weser. Wegen der starken Regenfälle in den Einzugsgebieten der Werra und Fulda wird mit einem Anstieg der Weser in den kommenden Tagen gerechnet. Der Pegel der Aller bei Verden steigt bereits jetzt.

Auch im baden-württembergischen Heidelberg ist Entspannung absehbar. Laut Hochwasserzentrale fällt der Pegelstand des Neckar. Auch im Allgäu entspanne sich die Lage allmählich, hieß es.

Die detaillierte Wettervorhersage finden Sie hier.

wit/dpa/AFP

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1. Das hat man davon wenn man Flüsse begradigt...
divStar 03.06.2013
.. wenn sie nämlich ob des Regens oder anderer massiver Wasseranstiege über die Ufer treten, kommt so etwas bei raus. Schade um die Menschen und ihre Häuser.
2. Leute, gebt Passau endlich auf!
gog-magog 03.06.2013
Zitat von divStar.. wenn sie nämlich ob des Regens oder anderer massiver Wasseranstiege über die Ufer treten, kommt so etwas bei raus. Schade um die Menschen und ihre Häuser.
Stoiber und Seehofer wollen ja die Donau noch weiter begradigen und den letzten Rest der Auenwälder auch noch vernichten lassen. Gleichzeitig versprechen sie ständig Hilfsgelder für nicht mehr zu rettende Regionen auf Kosten des Steuerzahlers, allein um Wählerstimmen zu kaufen. Derartige Fluten sind inzwischen ja eher die Regel und alle paar Jahre zu erwarten. Wozu also Milliarden ausgeben, um unbedingt Städte wie Passau zu halten, das dort niemals hätte gebaut werden dürfen, wenn man die Flüsse begradigt.
3.
Heinzi Schmolke 03.06.2013
Zitat von divStar.. wenn sie nämlich ob des Regens oder anderer massiver Wasseranstiege über die Ufer treten, kommt so etwas bei raus. Schade um die Menschen und ihre Häuser.
Interressant war für mich auch zu beobachten, wie schmerzfrei in den 2002 überschwemmten Gebieten nahe Dresden neue Eigenheime gebaut wurden. Was soll man da sagen?
4. Hier könnte Ihre Werbung stehen!
SirTurbo 03.06.2013
Zitat von sysopden Aufforderungen zur Evakuierung soll unbedingt Folge geleistet werden. Hochwasser: Katastrophenalarm in weiteren Kreisen ausgelöst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-katastrophenalarm-in-weiteren-kreisen-ausgeloest-a-903432.html)
Warum gibt es nicht so etwas wie im Krankenhaus die Entlassung auf eigene Gefahr? Danach darf man zu Hause bleiben und wird schlicht ignoriert. Falls man dann Opfer der Fluten wird wurde halt der Darwins Award vergeben. Ich für meinen Teil würde mir jedenfalls auch nicht vorschreiben lassen mein Heim in diesem Fall zu verlassen wenn ich damit rechne das Haus retten zu können. Oder wenn ich für den Fall daß die Fluten stärker sind sowieso ruiniert bin und nicht mehr will. Der Bürger, sofern nicht gerade dement oder dergleichen, sollte selbst entscheiden können über sein Leben und seine Sicherheit. Entgegen der weitverbreiteten Meinung des Kapitals hat der Mensch nämlich nicht die Pflicht in erster Linie seine Arbeitskraft zu erhalten damit er ausgepresst werden kann... Leib und Leben des Bürgers gehören nur einem - ihm selber. Ok, das ist insofern theoretisch als ich mir keine Immobilie leisten kann - und wenn ich das könnte und mir eine in Flusshöhe kaufen würde würde ich auch dafür sorgen daß diese Immobilie für den Falls des Falles auf deutlich über Hochwasserpegel gesichert ist.
5.
tyskie 03.06.2013
Ich sitze mitten in Bayern, aber Gott sei Dank wohne ich auf einem Hügel. In den Ortschaften unserer Umgebung ist zum Teil der Teufel los. Ich hoffe, dass alle Betroffenen - ob in Bayern, Sachsen, Thüringen und BaWü oder Sonstwo die Sache halbwegs gut überstehen und es zu keinen Todesopfern kommt.
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