Holocaust-Entschädigung: Schwere Vorwürfe gegen Star-Anwalt Fagan

Von , New York

Der US-Anwalt Ed Fagan, bekannt durch die Holocaust-Verfahren gegen Schweizer Banken, plant eine neue Milliardenklage - im Namen der Tsunami-Opfer. Doch jetzt braucht er selbst einen Rechtsbeistand: Die Justizaufsicht wirft ihm vor, mehr als eine halbe Million Dollar veruntreut zu haben.

Rechtsanwalt Fagan: Der Rächer der Betrogenen am Pranger
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Rechtsanwalt Fagan: Der Rächer der Betrogenen am Pranger

New York - Gizella Weisshaus gibt nicht auf. Die Auschwitz-Überlebende sitzt in ihrer düsteren Wohnstube im ersten Stock eines Altbaus in Brooklyn, rings um sich zahllose Papiere, Dokumente, vergilbte Fotos. Am Telefon hat sie einen Reporter, unten an der Tür klingelt gerade ein britisches Kamerateam. "Prima", sagt Weisshaus. "Nicht locker lassen."

Seit fast zehn Jahren kämpft Weisshaus, 75, um ihr Recht - bisher vergebens. 1996 trat sie die Verfahrenswelle gegen die Schweizer Großbanken los, um die Freigabe der seit der Nazi-Zeit eingefrorenen jüdischen Konten zu erzwingen. Doch obwohl die Banken am Ende 1,25 Milliarden Dollar in einen Holocaust-Fonds zahlten, wartet die Urklägerin Weisshaus bis heute auf ihr Geld. "Ich habe bislang keinen Cent aus dem Fonds gesehen", klagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ganz im Gegenteil: Ich habe kräftig draufgezahlt."

Dafür macht Weisshaus hauptsächlich einen Mann verantwortlich: Ed Fagan, ihren damaligen Rechtsanwalt, der durch die Konten-Affäre weltweiten Ruhm als Advokat der Armen erlangte. "Fagan hat mich ausgenutzt, mein Geld gestohlen, mir das Messer in den Rücken gestochen", behauptet Weisshaus mit brüchiger Stimme. "Er ist ein Betrüger und ein Gauner."

Beißende Ironie

So was wäre leicht als Bitterkeit einer greisen Dame abzutun, der viel Unrecht geschehen ist. Doch Weisshaus steht nicht alleine: Die oberste Justizaufsicht des Bundesstaats New Jersey, in dem Fagan gemeldet ist, hat jetzt ein formelles Ethik-Beschwerdeverfahren gegen Fagan eingeleitet - wegen des Vorwurfs, Klientengelder in Höhe von über einer halben Million Dollar veruntreut zu haben. Damit droht ihm der Entzug der Anwaltsgenehmigung.

Das Timing ist pikant: Gerade erst hat "der gefürchteste Sammelkläger der Welt" ("Zeit") selbst ein neues Milliardenverfahren angekündigt - im Namen der Tsunami-Opfer. Er wolle klären, ob die verheerenden Folgen der Tragödie auf fehlerhaftes, wenn nicht gar vorsätzliches Handeln bei den Warnbehörden und den betroffenen Hotels zurückzuführen sei.

Eine Geschichte von beißender Ironie also: der Rächer der Betrogenen, nun seinerseits am Pranger. "Das Verhalten des Beklagten entspricht einer vorsätzlichen Veruntreuung von Vermögensgeldern", heißt es in der achtseitigen, bereits im Dezember verfassten Beschwerde des Ethikausschusses am Obersten Gerichtshof von New Jersey, die der Ausschuss SPIEGEL ONLINE auf Anfrage übermittelte. "Deshalb muss der Beklagte disziplinarrechtlich bestraft werden." Diese Beschuldigungen haben wesentlich mehr Gewicht als die einer Privatperson, da sie direkt von der obersten Justizinstanz kommen.

"Der ist abgetaucht"

Fagan hat auf die Beschwerde, die ihm zum Jahresanfang per Einschreiben zugestellt wurde und der Beginn eines offiziellen Disziplinarverfahrens ist, nach Angaben einer Justizsprecherin bisher nicht reagiert. Auch jüngste Versuche von Reportern, ihn in den USA aufzuspüren, blieben fruchtlos. Obwohl Fagan neulich erst an einer Pressekonferenz zu der Tsunami-Klage teilnahm - in Wien.

Anrufe unter seinen bekannten Büro- und Privatnummern in New Jersey gehen ins Leere. Seine E-Mail-Adresse existiert nicht mehr. Auf seinem Handy meldete sich gestern eine Frau: "Falsch verbunden." Abbott Koloff, ein Reporter der Lokalzeitung "Daily Record", berichtet, er habe zweimal versucht, Fagan in seiner Mietwohnung aufzusuchen, doch nie jemanden dort angetroffen und deshalb Nachrichten im Briefkasten hinterlassen. "Er hat nie geantwortet", sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Nur die Wochenzeitung "Jewish Week" zitierte Fagan kurz, als die Vorwürfe hochkochten: "Sobald ich die Informationen sehe, werde ich Rechtsbeistand suchen und Stellung nehmen." Dass er dabei von "Rechtsbeistand" sprach, deutet darauf hin, dass ihm der Ernst der Lage bewusst ist. Doch das war vor sechs Wochen. Gizella Weisshaus sagt: "Der ist abgetaucht."

Es ist nicht das erste Mal, dass Fagan, 52, ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Seit Jahren schon werfen frühere Klienten und Kollegen dem kameraverliebten Juristen fragwürdiges Tun vor. Es ist allerdings das erste Mal, dass sich die höchstrichterliche Disziplinarstelle derart aggressiv einschaltet.

Vor dem Tod noch zugeflüstert

Aktenzeichen XIV-00-135E: Auf den Penny genau listet die Anzeige des Ethikausschusses, des Aufsichtsgremiums für Juristen in New Jersey, die Anschuldigungen gegen den gebürtigen Texaner auf. So habe er vom Treuhandkonto seiner früheren Klientin Estelle Sapir, einer der ersten Holocaust-Klägerinnen, 427.500 Dollar auf sein eigenes Geschäftskonto überwiesen, obwohl er wusste, dass er dazu "nicht autorisiert" gewesen sei. Die fragile Gestalt Sapirs, die der Senator Alfonso d'Amato damals auf Pressekonferenzen vorführte, wurde zur Personifierung des Holocaust-Leids. Sie starb nach Angaben ihrer Angehörigen im April 1999 bettelarm.

Eine weitere jüdische Klientin soll Fagan nach Ermittlungen des Gerichts um 82.582 Dollar erleichtert haben. Ihr Name: Gizella Weisshaus.

Weisshaus will Fagan 1996 überhaupt erst auf die Idee gebracht haben, die Schweizer Banken zu verklagen. Ihre Eltern, ihre drei Brüder und ihre drei Schwestern waren in Auschwitz umgekommen. Vor dem Tod hatte ihr der Vater aber noch zugeflüstert, dass sein gesamtes Besitztum auf einem Konto in der Schweiz liege. Jahrzehnte lang hatte die Bank Weisshaus Zugang zu dem Konto verweigert.

"Die Bösewichter der Welt aufspüren"

Weisshaus' Fall wurde der Anstoß für einen weltweiten Skandal. Zehntausende schlossen sich der Sammelklage an. Später verklagte Fagan auch deutsche Industriekonzerne wegen der NS-Zwangsarbeit. Insgesamt erstritten die Opfer so weit über sechs Milliarden Dollar. "Auf der Welt wimmelt es von Bösewichtern", prahlte er auf dem Höhepunkt der Klagewelle in der "New York Times". "Wir müssen sie aufspüren."

Noch im selben Jahr, als die Schweiz-Affäre losging, hatte Weisshaus Fagan mit der treuhänderischen Verwaltung des Erbes eines verstorbenen Cousins beauftragt, das mehr als 82.500 Dollar betrug. Nicht mal vier Wochen später, so die jetztige Beschwerde, habe Fagan 40.000 Dollar davon auf sein eigenes Konto überwiesen. Ende 1997 seien auf dem Weisshaus-Konto nur noch 100 Dollar gewesen. Im Jahr darauf habe es "gar kein Guthaben" mehr aufgewiesen. Das Geld habe Fagan unter anderem benutzt, um eigene Schulden zu begleichen.

Eine Sprecherin der Erben Sapirs sagte der "Jewish Week", sie hoffe, dass Fagan nun "das Richtige für jeden tut, falls er jemandem in der Familie Geld schuldet". Diese Sache habe ihnen großen "emotionalen Stress bereitet".

Tsunami-Klage auf Hochtouren

"Ich habe ihm vertraut", sagt Weisshaus. "Stattdessen wurde mir alles weggenommen." Nach Fagans Abgang habe sie "ganz allein" um ihren Anteil am Holocaust-Fonds gekämpft. Doch um die Auszahlungsmodalitäten wird bis heute gestritten; erst 2800 Berechtigte haben insgesamt 217 Millionen Dollar erhalten, also im Schnitt je 77.500 Dollar. Weisshaus ist nicht darunter. Um ihre Unkosten zu decken, sagt die Frau, habe sie eine Immobilie und die Lebensversicherung ihres Mannes verkauft.

Auch alte Freunde reagieren empfindlich auf den Namen Fagan: "Was mich angeht", sagte sein Ex-Partner Burt Neuborne dem "Daily Record", "so will ich den Namen des Kerls nie wieder hören."

Die Vorbereitungen der Tsunami-Klage laufen unterdessen auf Hochtouren. Der Wiener Rechtsanwalt Podovsovnik und sein Kärntner Kollege Hasslacher, die auf eine schriftliche Anfrage nach dem Verbleib Fagans nicht reagierten, haben dazu eine eigene Website eingerichtet. Über die können Tsunami-Opfer mit ihnen Kontakt aufnehmen, um sich an einem künftigen Massenverfahren zu beteiligen. Das "Beitrittsformular" enthält, neben der Frage nach "Name/Geburtsdatum des/der Verstorbenen", auch ein Statement Fagans: "Nichts wird zurückbringen, was den Opfern genommen wurde. Nichts kann die Uhr zurückdrehen, damit sie nicht erleiden müssen, was sie durchgemacht haben."

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