Holocaust-Schicksal Vergebung für einen Teufel

Kann man jemandem vergeben, der einen vergiftet und die eigene Zwillingsschwester getötet hat? Die Jüdin Eva Kor hat die Menschenversuche von Josef Mengele, dem Todesengel von Auschwitz, überlebt. Und sie hat ihren Peinigern vergeben - andere Holocaust-Überlebende sind entsetzt.

Von Roman Heflik


Hamburg - Ein Blick auf die Fieberkurve reichte dem Arzt: "Noch zwei Wochen zu leben." Dann verließ er die Krankenbaracke wieder. Medikamente gab er seiner Patientin, der zehnjährigen Eva, nicht. Wozu auch? Die kleine Rumänin sollte ja sterben. Deswegen hatte Doktor Josef Mengele ihr schließlich den Bakterien-Cocktail gespritzt.

Im Frühling 1944 waren Eva, ihre Zwillingsschwester Miriam und ihre Mutter im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau angekommen. Als sie aus dem Zug geklettert waren, kam ein aufgeregter deutscher SS-Mann auf die Familie zugelaufen und rief "Zwillinge, Zwillinge!" Wenige Augenblicke später wurden Eva und Miriam von ihrer Mutter weggezerrt. Sie sahen sie nie wieder.

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Menschenversuche: Der Todesengel und sein Opfer

Die Geschwister wurden zum KZ-Arzt Doktor Josef Mengele gebracht. Der Mediziner brauchte Zwillinge für seine menschenverachtenden Experimente. Meist injizierte der Deutsche einem Zwilling Krankheitserreger oder Gift. Der Krankheitsverlauf wurde genauestens überwacht und dokumentiert. Sobald der Versuchspatient starb, töteten Mengele und seine Helfer auch den anderen Zwilling mit einer Injektion ins Herz, um eine vergleichende Obduktion an beiden Leichen durchzuführen. Etwa 1400 Zwillingspaare sollen bei diesen barbarischen Versuchen ermordet worden sein.

Dieses Schicksal hatte Mengele auch den beiden Kor-Zwillingen zugedacht. "Aber ich habe ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt Eva Kor trotzig. Dank ihres eisernen Willens hatte sie die Krankheit überlebt, die ihr Mengele zugefügt hat. "Ich musste immer daran denken: Wenn ich sterbe, wird auch Miriam ermordet."

Jahrzehntelanger Leidensweg

Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers und beendet den Alptraum, in dem Eva und ihre Schwester vegetierten. Die Geschwister emigrieren nach Israel, Eva siedelt später in die USA über, gründet eine Familie und wird Immobilienmaklerin. Aber der Leidensweg des Zwillingspaares ist noch nicht vorbei. Denn auch Miriam ist von Mengele etwas injiziert worden - was, weiß niemand. Miriams Nieren drohen zu versagen. Kurz entschlossen spendet Eva ihrer Schwester eine ihrer Nieren. Doch die unbekannte Krankheit, mit der der deutsche Arzt Miriam infiziert hat, ist nicht aufzuhalten. 1993 stirbt Miriam in Israel.

Eva Mozes Kor ist heute 71 Jahre alt, eine kleine rüstige Frau mit kurzer weißblonder Lockenfrisur. An diesem Abend trägt sie ein blaues Kostüm mit kurzen Ärmeln und Seidenschal. Auf ihrem freien linken Unterarm schimmert noch immer die Tätowierung: "A-7063", die Häftlingsnummer in Auschwitz. Auf Einladung der Körber-Stiftung ist Kor nach Hamburg gekommen, um einen Dokumentarfilm über ihr Leben zu präsentieren, den der amerikanische Filmemacher Bob Hercules und die US-Historikerin Cheri Pugh gedreht haben.

Frieden schließen mit den Mördern

Was da über die Leinwand flimmert, ist keine der üblichen Geschichten über den Holocaust, über Vernichtung und Schuld. Es ist eine Geschichte des Verzeihens angesichts des unfassbaren Bösen - und zugleich eine Geschichte der persönlichen Heilung. Der Inhalt könnte kaum kontroverser sein: "Forgiving Dr. Mengele" lautet der Titel - "Doktor Mengele vergeben". Denn Eva Mozes Kor hat ihren Frieden geschlossen mit den Menschen, die ihre Familie ausrotteten und sie ermorden wollten.

Kors Weg zu diesem Frieden begann mit einer Reise in das Land ihrer Feinde. Nur wenige Wochen nach dem Tod ihrer Schwester flog Eva nach Deutschland, um sich mit einem deutschen Arzt zu treffen. Hans Münch hatte in Auschwitz gearbeitet - als Kollege Mengeles. Von ihm, so hoffte Kor, könnte sie womöglich mehr über Mengeles Experimente erfahren. Nach dem Krieg war der SS-Mediziner als Kriegsverbrecher angeklagt, aber schließlich freigesprochen worden. Im Gegensatz zu seinem berüchtigten Kollegen hatte Münch keine Menschenversuche durchgeführt.

Unglaublich nervös sei sie gewesen, als sie damals an Münchs Tür geklingelt habe, berichtet Kor. Aber dann öffnete ihr ein älterer Herr mit schlohweißem Haar, sauber gestutztem Vollbart und schüchternem Lächeln. Ja, er sei bei Vergasungen dabei gewesen, gestand der Mann der Jüdin Kor: "Und das ist mein Problem." Noch immer leide er deswegen unter Depressionen und Alpträumen. Kor hatte ein Monster gesucht und einen Menschen gefunden, der anscheinend mit seiner Schuld kämpfte. "Ich habe mich dann entschieden, Münch einen Brief zu schreiben, in dem ich ihm vergebe", sagt Kor.

"Ich vergebe allen Nazis"

Aber die resolute Auschwitz-Überlebende ging noch weiter. Als im Januar 1995 der Befreiung ihres KZs vor 50 Jahren gedacht wurde, nahm Kor Münch mit. Auf dem schneebedeckten Gelände des Vernichtungslagers verlas sie vor der anwesenden Presse ein Schuldeingeständnis Münchs, das Kor als Zeugenaussage gegen jede Art von Auschwitzlüge verwenden wollte. Und dann sagte sie: "In meinem eigenen Namen vergebe ich allen Nazis."

Die anderen ehemaligen KZ-Insassen reagierten empört: "Wir haben kein Recht, im Namen der Opfer den Tätern zu vergeben." Die private Amnestie Kors sei "unanständig", schimpfte eine Frau, die ebenfalls zu Mengeles Zwillingskindern gehörte. Seit dieser Zeit wird Kor von zahlreichen Auschwitz-Überlebenden gemieden - zu tief sitzen Schmerz und Wut. Kann man dem Bösen wirklich vergeben? Entschuldigt man damit nicht vielmehr die Täter von damals?

Doch die amerikanische Immobilienmaklerin mit dem harten rumänischen Akzent ist sich heute sicher, dass sie das Richtige getan hat. "Ich fühlte, wie eine ungeheure Last aus Schmerz von mir genommen wurde. Ich hätte nie gedacht, dass ich so stark sein kann." Indem sie persönlich ihren schlimmsten Feinden verzieh, habe sie endlich ihre Opferrolle abstreifen können. Ihre Vergebung sei kein Vergessen, betont Kor, die in ihrer Wahlheimat, in Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana, ein kleines Holocaust-Museum betreibt. "Denn was ein Opfer tut, ändert nichts daran, was passiert ist." Doch jedes Opfer habe das Recht auf Heilung, glaubt das ehemalige Opfer Kor. "Und das Gute an dem Heilmittel Vergebung ist, dass es keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten."



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