NS-Opfer in Israel Holocaust, ein Leben lang

180.000 Holocaust-Opfer leben in Israel. Mit dem Alter kehren verdrängte Erinnerungen zurück, die Nachfrage nach Therapien ist rasant gestiegen. Begegnungen mit Überlebenden, die im letzten Lebensdrittel versuchen, ihr Trauma zu bewältigen.

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Aus Tel Aviv berichtet


"Wir waren so blöd!", ruft Paul und hebt die offene Hand gen Himmel. "Nichts habe ich gewusst, gar nichts. Ich kann es selbst nicht fassen."

Vom ungarischen Ghetto Mátészalka wurde er mit seinen Eltern und der Schwester im Juni 1944 nach Auschwitz deportiert. Einen Tag und eine Nacht hätten sie dort auf einem Gleis im Viehwaggon vor sich hinvegetiert, bis plötzlich "mit einem Riesenradau die Türen aufgerissen wurden". Häftlinge hätten die vor Hunger und Durst halb toten Neuankömmlinge gepackt und hinausgeworfen, alle übereinander.

"Was ist hier?", fragte Paul, damals 19, einen Rausschmeißer. "Du bist ein Idiot", antwortete der. "Du weißt nicht, dass du in Auschwitz bist? Du wirst schon sehen, was hier los ist!" Kurz darauf standen sie an der Rampe, wo Mitarbeiter des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele die Selektion durchführten. Der Vater wurde für die Gaskammer bestimmt und vom Strom der Todgeweihten mitgerissen. "Er warf mir so einen flehenden Blick zu, als würde er sagen 'Pauli hilf mir'. Er war fassungslos über das, was mit ihm geschah."

"Ihr seid hergekommen, um zu sterben", sagte der Rausschmeißer ungerührt und zeigte in Richtung Krematorium. "Hier kommt man nur über den Schornstein wieder raus."

Knapp 70 Jahre später sitzt Paul Kraus an einem sonnigen Januarmorgen in Tel Aviv im Büro der Organisation Amcha, die in ganz Israel Holocaust-Opfer psychologisch betreut. Ein eleganter, tadellos gekleideter Mann, der wesentlich jünger aussieht, als er ist und akzentfrei Deutsch spricht - die Sprache, in der sein Kindermädchen ihm vorlas und in der die jüdischen Gebetsbücher der Familie verfasst waren.

"Ich hätte fliehen können, ein Schulfreund aus der Gemeindeverwaltung wollte mir eine neue Geburtsurkunde ausstellen." Aber wer würde seine Eltern im Stich lassen? "Ich habe sie doch so geliebt und verehrt." Mutter und Vater wurden noch am ersten Tag in Auschwitz vergast. Die Schwester überlebte Bergen-Belsen, zwei Brüder wurden in der Ukraine von Ungarn getötet.

Kraus ist im Gespräch warmherzig und humorvoll. Nur seine Augen schauen skeptisch, als würden sie die Welt ein wenig auf Abstand halten wollen. Der ehemalige KZ-Häftling mit der Nummer A-13754 entschuldigt sich, wenn er beschämende Details aus dem Lagerleben beschreibt. Selbst dafür, dass er einen Täter berechtigterweise als "Schwein" bezeichnet.

Geboren wurde er am 9. Oktober 1925 in der damaligen Tschechoslowakei, nahe dem Fluss Theiß in Karpatenrussland, in der ursprünglich fast 100.000 Juden lebten. 90 Prozent von ihnen wurden im Holocaust ermordet. Paul überlebte Auschwitz, einen Todesmarsch in ein Nebenlager im schlesischen Gleiwitz und eine finale Odyssee durch Niederbayern. Befreit im eigentlichen Sinne wurde er nicht: "Die SS-Bewacher wussten nichts mit uns anzufangen. Irgendwann waren sie weg."

Zurück blieben der um 28 Kilogramm abgemagerte Paul und sein Freund, die sich fragten: "Sind wir frei?" Auf dem Weg ins bayerische Garching trafen sie auf bewaffnete deutsche Soldaten und erschraken zu Tode. Doch anstatt zu schießen, näherte sich ein lächelnder Offizier und streckte Paul die Hand entgegen. "Du kannst mir ruhig die Hand geben", sagte er gönnerhaft. "Weißt du, ich war nie ein Nazi." Spätestens an diesem Punkt sei klar gewesen, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten.

Paul sagt, er habe nie Rachegefühle gehabt. Er betont vielmehr, dass es ausgerechnet zwei einfache, selbst mittellose Frauen aus Bayern waren, die ihm das Leben retteten. Sie nahmen ihn wie einen Sohn bei sich auf.

"Wieso habt ihr überlebt?"

Kraus ging 1948 nach Israel, heiratete und bekam zwei Söhne. Im neu gegründeten Staat waren kämpferische, positive Helden gefragt - keine schwer traumatisierten Holocaust-Opfer. "Warum habt ihr euch wie Lämmer auf die Schlachtbank führen lassen?", wurden sie gefragt, oder: "Wieso habt ihr überlebt? Wahrscheinlich habt ihr mit den Nazis kollaboriert!"

Verdrängung lautete also die neue Überlebensstrategie. Die Angst und die Alpträume aber blieben. Bis heute. "Seit ich bei Amcha bin, ist die Gefahr, dass ich verrückt werde, allerdings geringer geworden", sagt Paul, der den Mut hatte, noch in hohem Alter eine Therapie zu machen.

Wer einmal eines der 14 Sozialzentren der Organisation besucht hat, kann ermessen, wie wichtig ihre Arbeit ist: 380 Psychotherapeuten, Gerontologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter kümmern sich hier um mehr als 16.000 der insgesamt 180.000 Holocaust-Traumatisierten in Israel. Sie werden unterstützt von Hunderten Freiwilligen, damit neben den klassischen Therapieangeboten auch das umfangreiche Programm stattfinden kann.

Es gibt Kurse in Jiddisch oder Yoga, Ernährungs- und Naturheilkunde. Es wird gesungen, getanzt und erinnert, das Gedächtnis trainiert. Im "Social Club" in Beer Schewa am Rande der Negev-Wüste ist die Stimmung aufgeräumt, alle haben sich schick gemacht und lauschen konzentriert ihren Dozenten. Viele sind voll des Lobes für die Sozialarbeiter, die sie als Retter oder Engel bezeichnen. "Ich kam zu Amcha und war wie verliebt", sagt Halina Ashkenazy, die das Warschauer Ghetto überlebte. "Hier sind alle wie ich."

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Lesen Sie hier die Geschichte von Halina, die sich kurz vor der Deportation durch einen schmalen Schlitz in der Waggonwand zwängte und floh .

Für viele Mitglieder ist es, als würden sie endlich nach Hause kommen. Jeder kann mehr oder minder erahnen, was der andere durchgemacht hat, keiner muss sich hier erklären oder für irgendetwas entschuldigen. Die Einsamkeit der Holocaust-Opfer ist durch das Trauma, die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein im KZ bedingt. Sie ist aber auch ganz real, weil viele sämtliche Angehörigen durch die Shoah verloren haben. Bei Amcha finden sie eine neue Familie.

All jene, die wegen Krankheit nicht mehr mobil sind, werden zu Hause betreut. Wie die 77-jährige Esfir Gerschman, die unweit des Gaza-Streifens in Sderot lebt und nicht nur mit ihren grausigen Erinnerungen an die Judenverfolgung leben muss, sondern auch mit der radikalislamischen Hamas, die diesen Teil Israels mit Raketen beschießt. Einige Geschosse landeten in ihrem Schlafzimmer.

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Wie Esfir knapp einer Massenexekution entging und die Angriffe der Hamas überlebte, lesen Sie hier.

Bei Amcha findet man die heute weit über Achtzigjährigen der ersten Generation, die etwas jüngeren Kinder-Überlebenden, aber auch deren Nachkommen - "all jene, die nachts in ihren Betten hochschreckten, weil die Eltern im Schlaf in einer fremden Sprache schrien und sie nicht verstanden, was los war", wie es der Klinikleiter von Amcha, der Psychotherapeut Martin Auerbach, beschreibt.

Es ist diese zweite Generation, die unter dem sogenannten "Schweigekomplott" leidet. Dem nachvollziehbaren Versuch der Holocaust-Überlebenden, ihre Kinder vor Elend und Verzweiflung zu schützen, indem sie die Erinnerung daran verdrängten. Doch ihr Schweigen, die "radioaktiven Geheimnisse", machten es oft schlimmer - für beide Seiten. "Weil gerade im Alter viele Erinnerungen an Kindheit und Jugend hochkommen, ist der Bedarf an Therapieplätzen immens gestiegen", sagt Auerbach.

Die eigene Schwäche, Hilflosigkeit und der Verlust von Angehörigen im letzten Lebensdrittel setzen den Holocaust-Überlebenden besonders zu, denn: "Für sie ist das die Wiederholung ihres Traumas", sagt Johanna Gottesfeld, Leiterin der Amcha-Filiale in Jerusalem. Angstzustände, schwerste Depressionen und psychosomatische Krankheiten sind die Folge.

Auch viele Nachkommen der KZ-Insassen sind wegen psychischer Störungen in Behandlung, weil die Wucht des Familienschicksals ihr eigenes Leben zerstört hat. Schuldgefühle quälen sie. Etliche fühlten sich aber auch unter Druck gesetzt durch übervorsichtige und extrem behütende Eltern. Sehr viele mussten früh erwachsen werden und Verantwortung übernehmen, weil die Eltern mental abwesend waren und sich im Schmerz zurückzogen. "Das Trauma wird in der Familie weitergegeben - auch ohne Worte", so Auerbach.

Letztlich hat jeder seine eigene Strategie, mit dem Erlebten umzugehen. Bei Paul aus Tel Aviv ist es eine Mischung aus Pragmatismus, Resilienz und Offenheit. Er hat mit seinen Söhnen geredet. Ihnen etwa erklärt, dass ihm das Grillen verhasst sei, weil es in Auschwitz immer nach verbranntem Fleisch gerochen habe. Die Familie akzeptiert das. "Wenn wir ein Barbecue veranstalten, bleibt Papa eben zu Hause", sagt Sohn Arie.

"Ich bin Optimist geblieben, trotz all dieser Sachen", sagt Paul. Auch seine Ehefrau Erika überlebte die Shoah nur knapp. Sie starb vor zwölf Jahren. "Sie hat ihr Leben lang sehr gelitten. Etwas in ihrer Seele ist zerrissen", sagt Kraus. Sie habe aber auch viel schlimmere Erfahrungen gemacht als er selbst in Auschwitz: "Bei uns gab es wenigstens eine gewisse Ordnung. Wir wussten, dass wir sterben würden. Wir hatten die Appelle, zwölf Stunden Arbeit, ab und zu ein Stück Brot. Sie hatte gar nichts."



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