Gesägt, getan

Gesägt, getan Kiste? Kannste!

Übungsprojekt Kiste
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Übungsprojekt Kiste

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Zinken sägen, Nut fräsen, Dübel verleimen - mithilfe eines Tischlers meistert der Heimwerker den Bau einer Kiste. Die Arbeit mit dem Profi zeigt: Damit ein Projekt gelingt, braucht es die drei G.

Seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, ob es möglich ist, überhaupt mit dem Heimwerken aufzuhören (nicht dass ich das vorhätte). Der Heimwerker befindet sich meiner Ansicht nach in einer Art Endlosschleife: Ganz gleich, ob etwas gelingt oder misslingt, es geht immer weiter.

Geht ein Projekt schief, würde jeder Heimwerker, den ich kenne, sich eher die Hand abhacken als keine Verbesserungsversuche zu unternehmen. Gelingt ein Projekt, stellt sich ein schönes Gefühl ein, das man wiederhaben möchte - der Heimwerker, angefixt vom Projekterfolg.

Letzteres Gefühl war mir bislang kaum vergönnt.

Aber dann habe ich einen Tischlerkurs besucht, mit der Hilfe von Profis sehr viel gelernt und einen Beistelltisch gebaut. Das Ergebnis gefällt mir sehr. Aber es dauerte nicht lang, und ich dachte: Da geht doch noch mehr.

Deshalb habe ich einen weiteren Tag in der "Dein Tagewerk"-Werkstatt verbracht. Und ich wurde nicht enttäuscht. Dass tatsächlich noch mehr ging, habe ich Stephan Schapmann zu verdanken. Er ist nicht nur gelernter Tischler und Diplomholzfachwirt, sondern auch ein äußerst geduldiger Lehrer.

Das Projekt, eine Herzensangelegenheit

Gemeinsam haben wir eine kleine Kiste mit Tragegriff gebaut. Und Stephan hat bei jedem Schritt erklärt, worauf ich als Laie achten muss, was gute von schlechten Maschinen unterscheidet und wie sich Fehler vermeiden lassen. Rückblickend muss ich konstatieren, dass ich noch weniger Ahnung hatte als ich dachte. Und dass sich auch an einem Tag mehr von Profis lernen lässt als ich vermutet hätte.

Was schon beim Bau des Tischchens galt: Die Anleitung kam vom Profi. Die Werkzeuge sollten aber so ausgewählt sein, dass sie auch im Bastelkeller eines Heimwerkers stehen könnten.

Das Werkstück war nicht zufällig unser Projekt, sondern eine Art Herzensangelegenheit. In meinem Elternhaus gab es eine ähnliche Kiste, in der wir Schuhputzzeug aufbewahrten. Ich weiß nicht mehr, ob mein Uropa oder mein Opa sie gebaut hatte, beide begabte Handwerker. Leider habe ich kein Foto von ihr, aber ich kann mich erinnern, dass sie so stabil wie praktisch war. Mir gefiel der Gedanke, dass spätere Generationen vielleicht mit ähnlichen Gefühlen auf meine Kiste blicken könnten.

Mit Sägeblättern ist es wie mit Gebissen

Um möglichst viel lernen zu können, sollte jede der vier Ecken anders werden: eine mit Zinken, eine auf Gehrung gesägt, eine mit Nutverbindung und eine mit Flachdübeln.

Wenn ich jetzt mit Mitte 30 auf mein bisheriges Leben zurückblicke, bereue ich wenig. Aber ich bedaure, nicht viel früher mit einer Tischkreissäge gearbeitet zu haben. Wie leicht der Schiebeschlitten die Arbeit machte! Und wie sauber die Schnitte gelangen!

Letzteres, erklärte mir Stephan, hängt vom Sägeblatt ab. Damit ist es wie mit dem Gebiss: Je mehr Zähne da sind, desto besser beziehungsweise feiner der Schnitt. Zumindest wenn man quer zur Faser schneidet.

Aus der Arbeit mit der Tischkreissäge habe ich für mich vor allem eine Lehre gezogen: Viele Probeschnitte an Reststücken sind des Fehlers Tod. Wer das für Zeit- oder Holzverschwendung hält, sollte sich fragen, ob Zeit und Holz effektiv genutzt sind, wenn ein falscher Schnitt alles verhunzt. Und genaues Sägen war wichtig, schließlich habe ich drei von vier Ecken mit der Kreissäge vorbereitet (Zinken, Gehrung, Nut), die letzte Ecke mit der Flachdübelfräse.

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Wenn die Tischkreissäge ein Drei-Gänge-Menü im Sternerestaurant ist, ist die Flachdübelfräse ein Butterbrot. Sicherlich auch schmackhaft und sättigend, aber vergleichsweise fad. Man setzt sie ans Werkstück an, drückt den Fräskopf rein, zieht sie wieder heraus, fertig. Immerhin geht das zügig und ist nahezu idiotensicher (kann ich nun aus persönlicher Erfahrung sagen).

Als die Kiste schließlich zusammengefügt und der Leim getrocknet war, habe ich Stephan gefragt, ob er zufrieden sei - denn ich war begeistert. Er war zurückhaltender. Zwischen den Seitenteilen der Kiste und dem Griffteil in der Mitte war ein winziger Spalt. Das wurmte Stephan. Ich fand es eher ermutigend: Selbst dem Profi gelingt nicht immer alles perfekt - und das heißt doch, dass immer noch ein bisschen mehr geht.

Für mich habe ich aus dem Tag die Drei-G-Regel abgeleitet: Damit ein Projekt gelingt, braucht es Genauigkeit, Geduld und gutes Werkzeug. (Jaja, ich weiß, das macht die Sache eigentlich zur GGgW-Regel, aber das klingt einfach doof.)

Genauigkeit und Geduld konnte ich mir bei Stephan abschauen: Im Zweifelsfall lieber einen Probeschnitt mehr machen und die Fräse noch einen halben Millimeter tiefer einstellen. Und dafür hinterher nicht fluchen müssen.

Was das Werkzeug angeht, hat mein Abstecher zu den Profis Begehrlichkeiten geweckt. Immerhin: Mit dem Kistchen als Anschauungsstück sollte auch der letzte Skeptiker (auch zu Hause, ähem) begriffen haben, dass sich die Anschaffung lohnt.

Diese Materialien und Werkzeuge wurden benutzt:

  • Eichen-Leimholz (2 Zentimeter dick)
  • Sperrholz, (0,5 Zentimeter dick)
  • Zollstock, Winkel, Stift
  • Streichmaß
  • Tischkreissäge
  • Oberfräse (mit und ohne Frästisch)
  • Flachdübelfräse
  • Standbohrmaschine und Forstnerbohrer
  • Stichsäge
  • Exzenterschleifer und Hand-Schleifpapier
  • Akkuschrauber und Holzbohrer
  • Holzhammer
  • Schraubzwingen
  • Holzschrauben
  • Leim
  • Klebeband
  • Holzöl
  • DPA
    Als Kind stellte er im heimischen Keller Holzschwerter in Massenproduktion her. Heute prüft er mit der Wasserwaage, ob der Haussegen schief hängt. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Benjamin Schulz ist Bastler aus Leidenschaft und Notwendigkeit. Er hat wenig Erfahrung und keine Fachkenntnis, dafür fehlt ihm oft das passende Werkzeug.
  • Im Blog "Gesägt, getan" schreibt er über seine Basteleien und den mühsamen Weg zur Heimwerker-Erleuchtung.

  • E-Mail an den Autor
Benjamin Schulz auf Twitter:



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17 Leserkommentare
armi-nator 06.04.2017
noalk 06.04.2017
Sokratester 06.04.2017
Referendumm 06.04.2017
merrailno 06.04.2017
B!ld 06.04.2017
sikasuu 06.04.2017
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IvicaMarkovic 06.04.2017

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