Horn von Afrika Clinton trommelt zum Kampf gegen Piraten

US-Außenministerin Clinton fordert eine internationale Arbeitsgruppe, um die Einsätze der Marine vor Afrikas Küste zu koordinieren. Auf einer Somalia-Konferenz in Brüssel sollen die Ursachen der Piraterie bekämpft werden - nach Vorbild des Anti-Terror-Kampfs.


Brüssel/Washington - Gemeinsam gegen die Seeräuber: US-Außenministerin Hillary Clinton hat zu einem verstärkten Kampf gegen die Piraterie vor der somalischen Küste aufgerufen. Die USA würden sich für unverzügliche Treffen einer internationalen Arbeitsgruppe einsetzen, um die Einsätze der Marine in den Gewässern auszuweiten, sagte sie am Mittwoch. "Wir müssen vielleicht gegen ein Verbrechen des 17. Jahrhunderts vorgehen, aber wir müssen dagegen das Vermögen des 21. Jahrhunderts zum Tragen bringen."

US-Marines im Golf von Aden: "Piraten verfolgen und einsperren"
REUTERS

US-Marines im Golf von Aden: "Piraten verfolgen und einsperren"

Washington werde einen Sonderbotschafter zu einer für kommende Woche in Brüssel geplanten Geberkonferenz für Somalia entsenden und sich um Gespräche mit der somalischen Übergangsregierung sowie Vertretern aus der halbautonomen Region Puntland bemühen, sagte Clinton. Mit anderen Partnern werde man Unterstützung für die somalische Regierung organisieren, damit diese zum Kampf gegen die Stützpunkte der Piraten beitragen könne. Auch solle die somalische Regierung die Anreize für junge Männer vermindern, sich an den Piratenüberfällen zu beteiligen.

Außerdem kündigte an, die Vermögen von Piraten "aufzuspüren und einzufrieren". Unter anderem sollten Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden, die den Piraten Boote und andere Ausrüstung verkauften. Ihr Land werde außerdem international darauf drängen, "dass Piraten verfolgt und eingesperrt werden", sagte Clinton.

Die Ministerin verglich das geplante Vorgehen gegen die Finanzen von Piraten mit dem gegen islamische Extremisten. "Wir frieren die Guthaben von vielen staatenlosen Gruppen ein", sagte sie. "Wir stellen fest, dass Piraten immer ausgefeiltere Ausrüstung und immer schnellere Boote kauften." Dafür seien Finanztransfers nötig, die es zu unterbrechen gelte.

Somalia-Konferenz soll Ursachen angehen

"Die Antwort auf die Piraterie kann nicht nur militärischer Art sein", sagte ein Sprecher des französischen Außenministeriums mit Hinblick auf die Konferenz, die von der Europäischen Union und den Vereinten Nationen am 23. April abgehalten wird. Die internationale Gemeinschaft müsse auch die Ursachen des Problems bekämpfen.

Ziel der internationalen Konferenz aus 30 europäischen und afrikanischen Ländern sei deshalb, in Somalia wieder Recht und Gesetz zu etablieren. An dem Treffen nehmen nach Angaben von EU-Diplomaten der EU-Außenbeauftragte Javier Solana, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und Somalias Präsident Sharik Aheikh Ahmed teil. Zahlreiche Staaten - darunter auch Deutschland - haben bereits Kriegsschiffe in die Region entsandt, um den somalischen Piraten Einhalt zu gebieten.

Französische Streitkräfte erobern Piratenschiff

Die französische Marine hat ein Mutterschiff der Seeräuber unter ihre Kontrolle gebracht. Elf Somalier seien bei dem Einsatz der Fregatte "Nivose" gefangengenommen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Paris am Mittwoch mit.

Zuvor habe der Hubschrauber des Kriegsschiffs einen Angriff der Piraten auf den Frachter "Safmarine Asia" abgewehrt. Das Mutterschiff versorgte zwei kleinere Raubboote. Ein Sprecher des Ministeriums wies darauf hin, dass der Angriff 900 Kilometer östlich der Küste Kenias stattgefunden habe. Die Piraten-Raubzüge gingen inzwischen über den Golf von Aden hinaus, sagte er.

Griechischer Frachter freigelassen, US-Schiff entkommt

Ein im vergangenen Monat von Piraten vor Somalia entführter griechischer Frachter ist wieder frei. Das Schiff sei am Mittwoch freigelassen worden, teilte das Marine-Ministerium in Athen mit. "Die Besatzung ist bei guter Gesundheit." Der unter der Flagge von St. Vincent und den Grenadinen fahrende Frachter "Titan" war am 19. März entführt worden. An Bord befanden sich 24 Mann Besatzung, darunter drei Griechen. Das Schiff war auf dem Weg vom Schwarzen Meer nach Südkorea, als es von den Piraten gekapert wurde.

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Ein US-Schiff ist dank geschickter Ausweichmanöver einem Piratenüberfall am Horn von Afrika entkommen. Die Besatzung der "Liberty Sun" blieb nach Angaben des Eigners unverletzt, das Schiff wurde aber beschädigt, als die Piraten den Frachter mit automatischen Waffen und Granaten beschossen. Die "Liberty Sun" war mit Hilfsgütern auf dem Weg von Houston in Texas nach Mombasa in Kenia unterwegs.

In Somalia sind am Mittwoch rund 40 Piraten zu Haftstrafen verurteilt worden. Nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der autonomen Provinz Puntland im Nordosten des Landes müssen die 37 Piraten jeweils drei Jahre hinter Gitter, wie Richter Mohamed Abdi Aware erklärte. Die Piraten waren von der französischen und der US-Marine den Behörden von Puntland übergeben worden. Bereits in der vergangenen Woche hatte dort das Oberste Gericht 15 Piraten zu Haftstrafen verurteilt.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

ore/AP/AFP/Reuters

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