Hula-Girl in Fukushima: Wenn sie tanzt, verschwindet das Heimweh

Von Heike Sonnberger, Fukushima

Die Atomkatastrophe von Fukushima nahm Rie Omori die Heimat, ihre Stadt liegt mitten in der Sperrzone. Doch wenn die junge Frau in einem Badepark Hula tanzt, vergisst sie das Leid der Flucht und die quälende Sehnsucht nach ihrem Zuhause.

SPIEGEL ONLINE

Wenn sie auf der Bühne steht und tanzt, vergisst sie für einen Moment, dass das Atomkraftwerk ihr Zuhause gestohlen hat. Dann lacht Rie Omori wie das kleine Mädchen, das sie einmal war. Das Mädchen, das früher in diesen Spaß- und Badepark kam und davon träumte, ein Hula Girl zu werden. Der Traum hat sich erfüllt: Omori gehört zu den 34 Japanerinnen, die zweimal am Tag im Spa Resort Hawaiians im Südosten der Präfektur Fukushima Tänze aus der Südsee zeigen.

Andere Träume, die Omori einmal hatte, sind am 11. März vor einem Jahr zerplatzt.

Die 28-Jährige wuchs in Futaba auf, dem Ort gleich neben Fukushima Daiichi. Von ihrem Zimmer im zweiten Stock konnte man die Schornsteine des Atomkraftwerks sehen. Mit ihren zwei Schwestern radelte sie oft zum Informationszentrum der Anlage, das Kinder für die Nuklearenergie begeistern sollte. Dort gab es Stifte umsonst und lustige Stempel.

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Badepark in Japan: Muschelketten gegen Strahlenangst
Im September ist Omori nach Hause gefahren, zum zweiten Mal seit dem Beben, dem Tsunami, den Explosionen im Kraftwerk. Ihr Haar steckte unter einer Duschhaube und ihre Hände in grünen Putzhandschuhen. Sogar die Sitze des Busses, der die Einwohner von Futaba in die Sperrzone brachte, waren in Folien gehüllt. Omori hatte zwei Stunden Zeit. Sie durfte mitnehmen, was in eine Plastiktüte passte: Eine Tasche, die die Kapitänin der Hula Girls für sie genäht hatte. Das gute, teure Glätteisen. Einen lila Stoffdino.

"Dass so etwas passieren könnte, hätte ich nicht erwartet", sagt sie leise. "Es gibt nichts, was so schmerzhaft ist, wie nicht nach Hause zurück zu können."

Sie dachte, auch das Tanzen verloren zu haben

Das Heimweh lindern Blumenkränze und Baströcke. Zweimal am Tag verwandelt sich Omori in dem Badepark in Iwaki, 60 Kilometer südlich des AKW, in eine Südseeschönheit. Es braucht nicht viel, künstliche Wimpern, blauen Kajal, bunte Kleider. Federn, Muscheln, Plastikblumen - und die Scheinwerfer malen den Schatten einer Hawaiianerin an die Wand, die anmutig die Hüften schwingt und die Arme ausbreitet, als könne sie fliegen.

Nach der Katastrophe dachte Omori, auch das verloren zu haben. "Wir haben uns ehrlich gefragt, wie wir weiterleben sollen", sagt sie. "Wir hatten kein Ziel mehr vor Augen und es hat unsere ganze Kraft gekostet, jeden neuen Tag im Flüchtlingslager sicher zu überstehen." Das Spa Resort Hawaiians musste für mehrere Monate schließen, um Erdbebenschäden zu reparieren.

Auf dem Spiel standen mehr als ein paar Rutschen, Pools und Palmen. Der Park ist seit 45 Jahren die Hoffnung der Menschen in Iwaki. Früher lebten sie vor allem vom Kohleabbau. Doch in den sechziger Jahren setzte Japans Industrie zunehmend auf billige Ölimporte. Die Kohlemine in der Region musste schließen, viele Arbeiter verloren ihre Jobs.

Dass sie nicht alle auf der Straße standen, ist einem verrückten Einfall des Vizechefs der Mine, Yutaka Nakamura, zu verdanken. Warum nicht die heißen Quellen in der Gegend nutzen für einen Badepark? Aber nicht für irgendeinen Badepark. Ein Südseeparadies sollte es werden!

Ein Spaßbad mit echten Bananenbäumen

Es eröffnete im Januar 1966, mit einer rund 8000 Quadratmeter großen Kuppelhalle, in der im ersten Jahr mehr als eine Million Besucher die echten Bananenbäume bestaunten. Hinter den Kulissen packten Familien aus Iwaki mit an: "Der Vater arbeitete am Empfang, der Sohn als Koch, die Mutter wusch das Geschirr und die Tochter tanzte", erinnert sich Kazuhiko Saito, heute Präsident des ehemaligen Kohleunternehmens Joban Kosan, das den Park betreibt.

Für Omori hat die Kuppelhalle nach all den Jahren nichts von ihrer Größe verloren. "Ich habe Herzklopfen, wenn ich hierher komme", sagt sie und saugt den Geruch nach frischer Farbe ein. Als Zehnjährige sauste sie hier die langen Rutschen herunter, als Zwanzigjährige legte sie sich hier zum ersten Mal die Blumengirlanden eines Hula Girls um.

Fast ein Jahr lang konnten die Frauen nicht in der Halle auftreten, das Erdbeben vom 11. März und ein zweites vier Wochen später hatten ihr schwer zugesetzt. Es folgten Reparaturen für vier Millionen Euro, Anfang Februar eröffnete die Halle wieder. "Endlich!", sagt Omori. Künftig tanzen die Hula Girls auf einer noch größeren Bühne, bedeckt mit einem hellen Teppich, der aussehen soll wie Sand.

Omori kann ihr neues Heim nicht Zuhause nennen

Und ihr Fanclub schaut dabei zu. Matako Watanabe ist 80 Jahre alt und kommt jeden Tag, um die Hula Girls zu sehen. Nach der Mittagsshow wartet sie mit einem Grüppchen weiterer Fans auf die Mädchen. Die gebückte alte Dame strahlt sie an, drückt ihnen die Hände, überreicht manchmal kleine Gaben. Früher habe sie hier im Hotel Essen ausgeteilt, erzählt sie.

Bis zum Beben träumte Omori davon, als Hula Girl zu arbeiten, später zu heiraten, eine Familie mit zwei Kindern zu gründen. Jetzt lacht sie verlegen, wenn sie davon erzählt. "Es waren wirklich gewöhnliche Träume." Seit dem Beben berührt sie nur noch ein Wunsch: "Es würde mich am glücklichsten machen, wenn ich in das Leben vor der Katastrophe zurückkehren könnte."

Ihre Familie hat ein Haus in Iwaki gemietet, in dem auch Omori wohnt. Sie muss die Strahlung dort nicht mehr fürchten, doch ein neues Zuhause hat sie nicht gefunden: "Die Luft ist anders, es fühlt sich komisch an."

Gesucht: ein Ort zum Durchatmen

Wenn sie könnte, würde sie gern wieder in Futaba leben. Omori hat in den letzten Monaten über vieles nachgedacht. "Und ich habe gespürt, dass der Ort, an dem ich am meisten ich selbst sein konnte, mein Zuhause und meine Heimat waren. Ich möchte wieder einen Ort finden, an dem ich durchatmen kann."

Abends, kurz nach acht, die letzte Show des Tages. Draußen ist es kalt und kahl und gen Norden steht ein havariertes AKW. Drinnen wippen die Übernachtungsgäste mit ihren gelben Hotelschlappen und ihre gelben Hotelhemden leuchten wie die Südseesonne. 24 junge Frauen wirbeln und schaukeln zu Klängen aus einer schöneren Welt.

Mal tanzen sie mit pinkfarbenen Blüten um die Fußgelenke, mal mit Federn um den Bauch und Muschelketten um den Hals. Eine japanische Frauenstimme singt von einem Regenbogen und von Träumen in einer sternlosen Nacht. Und wenn man die Augen schließt, könnte das Rauschen der Brandung echt sein. Für einen Herzschlag ist alles wieder so wie damals, als das Wort "Fukushima" noch "glückliche Insel" bedeutete - und nichts weiter.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. SPON-online
stanislaus2 04.03.2012
das Nachrichtenmagazin für die gefühlige Frau. Chefredaktion: Frau Ernestine Friederike Elisabeth Courths, geb. Mahler.
2. Häää?
KonsulOtto 04.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Atomkatastrophe von Fukushima nahm Rie Omori die Heimat, ihre Stadt liegt mitten in der Sperrzone. Doch wenn die junge Frau in einem Badepark Hula tanzt, vergisst sie das Leid der Flucht und die quälende Sehnsucht nach ihrem Zuhause. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,816495,00.html
"Quälende Sehnsucht nach ihrem Zuhause????" Achgottchen.
3. zurück in die Heimat!
eskommt 04.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Atomkatastrophe von Fukushima nahm Rie Omori die Heimat, ihre Stadt liegt mitten in der Sperrzone. Doch wenn die junge Frau in einem Badepark Hula tanzt, vergisst sie das Leid der Flucht und die quälende Sehnsucht nach ihrem Zuhause. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,816495,00.html
Gegenwärtige Belastung: Japan Radiation Map (http://jciv.iidj.net/map/) Praktisch alle Orte sind weit schwächer belastet als der schwarze Sand natürlicher Radioaktivität in Guarapari,Brasilien
4.
DispaterAericura 04.03.2012
Zitat von stanislaus2das Nachrichtenmagazin für die gefühlige Frau. Chefredaktion: Frau Ernestine Friederike Elisabeth Courths, geb. Mahler.
stanislaus-stanislaus (wenn schon Tautologie dann konsequent), der Kommentator für den gefühligen Anhänger lupenreiner Demokratie.
5. Doppeldruchkopplung
stanislaus2 04.03.2012
Zitat von DispaterAericurastanislaus-stanislaus (wenn schon Tautologie dann konsequent), der Kommentator für den gefühligen Anhänger lupenreiner Demokratie.
Verehrter Pluto-Orcus Jupiter-Ceres, Sie meinen keine Tautologie, sondern eine Durchkopplung. Als Determinativkompositum, dessen Erstglied eine Koordination von zwei Nominalen bildet. Was immer das heissen soll. Aber in der Tat, ich bin für direkte Demokratie, die in Eigenentscheidung und Verantwortung für sich selbst besteht und damit rational im Gegensatz zur Gefühligkeit einer Courths-Mahler ist. Meine Gefühligkeit beginnt erst bei 2 Promille.
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