Hungersnot in Niger Die angekündigte Katastrophe

Erst kamen die Heuschrecken, dann die Dürre, nun die Hungersnot: Die humanitäre Katastrophe im westafrikanischen Land Niger war abzusehen. Monatelang ignorierten Regierung und Geldgeber die sich abzeichnende Krise. Nur langsam läuft die Hilfe an. Für Zehntausende Kinder kommen die Spenden zu spät.


Hungernde in Niger: Die Kinder sind die ersten Opfer
AFP

Hungernde in Niger: Die Kinder sind die ersten Opfer

New York - Viele Kinder sind bereits so entkräftet, dass sie es nicht mehr bis in die Hilfsstationen schaffen. Nach Schätzung einer BBC-Reporterin erreicht im besonders schwer betroffenen Süden des Landes höchstens eines von zehn Kindern die wenigen Versorgungsbasen in der Region. Viele Kinder erlitten Kreislaufzusammenbrüche, andere würden von Infektionen in Mund und Lunge geplagt, gegen die sie nicht mehr ankämpfen können, heißt es in dem BBC-Bericht. 150.000 Kinder stehen kurz vor dem Hungertod, warnt die Uno. Viele seien bereits gestorben. Insgesamt sind 2,5 Millionen Menschen von der Krise betroffen.

Uno-Hilfskoordinator Jan Egeland kritisierte die verspätete Reaktion der Öffentlichkeit auf die Hungersnot. Im Mai hatte die Uno einen Spendenaufruf für Niger gestartet, der weitgehend ungehört verhallte. "Die Welt wacht erst dann auf, wenn wir Bilder von sterbenden Kindern im Fernsehen sehen", sagte er. In der vorigen Woche seien mehr Spenden eingegangen als in den sechs Monaten zuvor zusammengenommen. "Aber für einige dieser Kinder ist es zu spät."

Die Regierung unter Präsident Mamadu Tanja sieht sich angesichts der Hungersnot heftiger Kritik ausgesetzt. Die Regierung habe die Krise heruntergespielt, keine kostenlosen Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt und keine Vorkehrungen für Engpässe getroffen. Ein Sprecher der Regierung sagte, man habe bereits im November um internationale Unterstützung gebeten, aber nie eine Antwort bekommen.

"Niger ist ein Beispiel für eine verdrängte Notsituation, in der frühe Warnungen ignoriert wurden", sagte Egeland. Angaben von Hilfsorganisationen zufolge kostet die späte Reaktion zusätzlich kostbare Spendengelder. "Der Spendenbedarf steigt rasant, weil es nun um Leben und Tod geht", sagte Gian Carlo Cirri, der beim Uno-Welternährungsprogramm für Niger zuständig ist. "Das Schlimme ist", sagte Cirri, "dass wir rechtzeitig einen Präventivplan entworfen hatten. Aber wir hatten gar nicht die Chance, ihn umzusetzen." Nun gehe es nur noch darum, möglichst schnell möglichst viele Spendengelder zu beschaffen. "Sonst erleben wir hier eine Tragödie."



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