Hungersnot in Niger Ohne CNN-Effekt haben Kinder keine Chance

In Westafrika sind Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Schon jetzt ist sicher, dass für Tausende jede Hilfe zu spät kommen wird. Hilfe, die längst vor Ort sein könnte, hätte die Welt auf die Alarmrufe gehört.

Von Alexander Schwabe


Hungernde in Niger: "Es wollte schlicht niemand hören"
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Hungernde in Niger: "Es wollte schlicht niemand hören"

Hamburg - Simon Pluess redet Klartext: "Wird eine humanitäre Krise medial inszeniert, fließen die Spenden, ansonsten gibt es keine Reaktion." Westafrika, wo in weiten Teilen Nigers, in Mali und Burkina Faso viele Menschen bereits Hungers sterben und insgesamt 3,6 Millionen vom Hungertod bedroht sind, lag im Schatten der Medienaufmerksamkeit. "Wir merken sehr stark, dass der CNN-Effekt ausblieb", sagt der Sprecher des Welternährungsprogramms der Uno in Genf.

Zu einem Zeitpunkt, da sich die humanitäre Katastrophe in der Sahel-Zone ankündigte, waren die Kameras auf die Folgen des Tsunami gerichtet. Die Welt starrte mit Entsetzen auf ein Desaster biblischen Ausmaßes, während sich in Westafrika ein ebensolches anbahnte. Millionen von Wanderheuschrecken fraßen den Menschen seit November 2004 die Ernte weg, die sie im April und Mai hätten einfahren wollen. In manchen Gebieten blieb nicht eine Ähre stehen.

Die Frühwarnsysteme des Welternährungsprogramms schlugen - anders als beim Tsunami - an. Nach Angaben von Uno-Hilfskoordinator Jan Egeland warnten die Experten von der Uno bereits im November 2004 vor der miserablen Situation in Niger. Im März forderte die Uno 16 Millionen Dollar für das Land - nur eine Million tröpfelte ein. Zwei Monate später hatte sich die Lage bereits verschärft. Ende Mai rief die Uno nach 30 Millionen - bisher gingen 3,8 Millionen Dollar von zugesagten 10 Millionen Dollar ein.

Kreislauf des Todes

Nach der ausgefallenen Ernte verschärfte sich die Situation für die Landbevölkerung südlich der Sahara noch einmal. In der ganzen Sahel-Zone machte sich eine entsetzliche Dürre breit. Viele brauchten nun ihre letzten Vorräte auf. Ein Kreislauf des Todes setzte ein. Da alles aufgebraucht ist, gibt es nicht genügend Saatgut für die nächste Ernte, die eigentlich im Oktober wäre.

Zudem verkauften viele Leute ihr Hab und Gut, um vom Land in die Stadt ziehen zu können. Bevor ihr Vieh wegstarb, weil es kein Gras mehr fand, verkauften sie es. Mit dem Erlös finanzierten sie sich den Umzug und Nahrung. Langfristig jedoch entledigten sie sich damit ihrer wirtschaftlichen Grundlage.

"Das sind typische Folgen, wenn die Weltgemeinschaft nicht rechtzeitig interveniert", sagt Pluess SPIEGEL ONLINE. "Wir schlagen seit Monaten die Alarmglocke - doch die Geberländer reagierten nicht." Hätten sie rechtzeitig reagiert, hätte man die Heuschreckenplage frühzeitig mit Pestiziden bekämpfen können.

Nun stehen die Helfer vor einer "Notoperation", die gewaltige Ausmaße annimmt. "Wir versorgen zurzeit 12.000 Kinder in 5 Ernährungszentren und 27 ambulanten Stationen", sagt Petra Meyer von "Ärzte ohne Grenzen", "und werden auf 20.000 aufstocken." Wirklich betroffen sind jedoch weit mehr Kinder. Unicef teilte heute mit, rund 800.000 Kleinkinder benötigten dringend Hilfe.

"Es wollte schlicht niemand hören"

Auch Meyer beklagt das fehlende Medieninteresse in den vergangenen Monaten. "Nun haben wir das Sommerloch, nun ist es ein Thema", sagt sie. Bereits im April hätten "Ärzte ohne Grenzen" Pressemitteilungen über das Elend herausgegeben - "es wollte schlicht niemand hören". Auch eine große Pressekonferenz in Paris Anfang Juli mit dramatischem Filmmaterial sei ohne Echo geblieben.

Doch nicht nur das mangelnde Medieninteresse verschlimmerte die Lage in Niger. Die nigrischen Behörden hatten in Kooperation mit dem World Food Programm der Uno und dem Internationalen Währungsfond ein System der Nahrungsmittelverteilung ausgeklügelt, das nach Ansicht von "Ärzte ohne Grenzen" nicht für einen akuten Engpass zugeschnitten ist. Um die Märkte stabil zu halten, sollte Essen nur gegen Geld ausgegeben werden. "Dieses System muss dringend überarbeitet werden", fordert Meyer.

Die Märkte sind längst aus den Fugen. Die Lebensmittelpreise schossen wegen der enormen Nachfrage in die Höhe. Gleichzeitig erzielten die Bauern für den Verkauf ihres Viehs keine guten Preise, weil wegen des Verkaufsdrucks plötzlich ein Überangebot entstand.

Ohne internationale Hilfe kann die Not nicht mehr gelindert werden. Das Welternährungsprogramm plant, seine Hilfen zu verdreifachen. "Unser Ziel ist es, 1,2 Millionen Menschen zu versorgen", sagt Pluess. Doch die Hilfe jetzt zu organisieren, ist weitaus mühevoller, als dies vor Monaten gewesen wäre. Denn je früher die Hilfe einsetzt, desto effektiver ist sie. Vor einem halben Jahr noch hätte man mit einem Dollar am Tag ein Kind ausreichend ernähren können, ärgert sich Pluess. "Bei einer Schulspeisung rechnen wir mit 20 Cent Kosten pro Mahlzeit", so der Sprecher. Jetzt, da sich viele Kinder bereits in erbärmlichem Zustand befinden, koste die Ernährung und medizinische Versorgung rund 80 Dollar am Tag.

Nahrungstransport kann Monate dauern

Seine Organisation habe zwar noch Nahrungsreserven vor Ort, doch die reichten bei weitem nicht aus. Und in den Nachbarländern gebe es kaum etwas aufzukaufen. So muss Nahrung auf entfernt liegenden Märkten akquiriert und mit Schiffen in die Häfen nahe des Krisengebiets gebracht werden. "Im schlimmsten Fall trifft das Material erst in drei Monaten ein", sagt Pluess. Auch klaffe noch eine Finanzierunglücke für die Sofortmaßnahmen. "Bisher sind 32 Prozent unserer Kosten gedeckt", so Pluess.

Die Bundesregierung hatte im Juni 500.000 Euro zugesagt. Dieser Betrag werde jetzt aufgestockt, kündigte Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul heute in Berlin an. Deutschland werde zusätzlich eine Million Euro bereitstellen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Menschen in Niger verhungern. Insbesondere die Kinder brauchen dringend unsere Hilfe", teilte die Ministerin in einer Presseerklärung mit. Warum die Bundesregierung nicht viel früher reagiert hat, darüber verlautete nichts. Vielleicht wartete auch sie auf CNN.



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