Hungertod auf dem Hochsitz Der unglaubliche Selbstmord des Hans-Peter Z.

Ein vereinsamter Arbeitsloser setzt sich auf sein Rad, fährt hundert Kilometer weit, sucht sich eine Stelle zum Sterben - und hungert sich zu Tode. Der Selbstmord des Hans-Peter Z. schockiert hartgesottene Ermittler. Warum entschied sich der 58-Jährige für diesen qualvollen Abschied?


Northeim - Sein Wille, bis zum letzten Atemzug zu hungern, war ungebrochen. Wann Hans-Peter Z. den Entschluss fasste, aus dem Leben zu gehen, ist unklar. Umgesetzt hat er ihn, als er sich Mitte November auf sein Fahrrad setzte und von seiner kleinen Wohnung am Harzburger Platz in Hannover ins niedersächsische Mittelgebirge Solling radelte. Nur mit einem Rucksack, den Kleidern am Leib und einem dunkelblauen Wasserkanister trat der Arbeitslose seine letzte Reise an.

In einem Hochsitz zwischen Stehberg und Dingberg nahe Uslar fand der 58-Jährige sein letztes Zuhause, hier wollte er sterben. Nach Rekonstruktion der Polizei nahm der 1,70 Meter große Mann ab diesem Zeitpunkt keine Nahrung mehr zu sich, trank nur selten ein paar Schluck Wasser. 24 Tage dauerte sein qualvolles Sterben, das er detailliert in einem Tagebuch dokumentierte. Es wurde neben seinem mumifizierten Leichnam gefunden.

Warum entschied sich Hans-Peter Z. für diesen schmerzhaften Abschied? "Sich zu Tode zu hungern, ist eine absolut seltene Art des Suizids. Ich kenne keinen vergleichbaren Fall", sagt Armin Schmidtke, Professor an der Universität Würzburg und Vorsitzender der Initiativgruppe "Nationales Suizid-Präventionsprogramm", SPIEGEL ONLINE. Bekannt sei das nur bei Anorexie-Patienten oder bei sehr alten, oft kranken Menschen, denen der Lebenswille versagt.

In der Forschung unterscheide man zwischen "harter" und "weicher" Methode, aus dem Leben zu scheiden: Männer wählten meist die härtere Methode ohne Chance und mögliches Überleben - Erhängen, Erschießen, Ertrinken. Je weicher die Methode, umso eher sei es als Appell an die Umwelt, zu verstehen. Dazu entschieden sich meist Frauen. Sich zu Tode zu hungern, zählt Schmidtke zu den "harten Methoden". "Das ist ein sehr grausamer, langwieriger Prozess. Da ist es vergleichsweise fast human, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen."

"Jeder Suizid hat eine Vorgeschichte", erklärt Diplom-Psychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. "Fest steht, dass dieser Mann einen großen Sterbewillen gehabt und sich von den anderen Menschen abgewandt haben muss."

Bis Oktober hatte der 58-Jährige Arbeitslosengeld bezogen, beantragte aber weder Hartz IV noch Frührente. Die prekäre finanzielle Situation allein erkläre seinen Entschluss nicht unbedingt, sagt Fiedler. "Er ist nicht der einzige Arbeitslose, der verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Aber offenbar hatte er keine Möglichkeit, Hilfe zu suchen, und dieser Weg war der einzige, der ihm eingefallen ist."

Ein Weg, der die Öffentlichkeit erschüttert hat. In einem Tagebuch zeichnet Hans-Peter Z. sein langsames Sterben auf, wie seine Organe langsam versagen, seine Haut eintrocknet, der Verstand strauchelt. Am Ende bittet er diejenigen, denen das Büchlein eines Tages in die Hände fallen werde, es seiner Tochter Joana zu übergeben. Ein Vermächtnis mit Folgen. "Man muss sich vorstellen, wie sich die Menschen fühlen, an die es gerichtet ist. In der Regel ist es für sie schwierig, damit umzugehen", sagt Fiedler. "Sie empfinden meist Schuldgefühle, Ärger oder Wut, dass sich jemand auf so eine Weise davonstiehlt. Die Angehörigen leben danach mit einer großen Last und wissen oft nicht, wie sie damit zu leben haben." Sie habe seit Jahren keinen Kontakt zu ihrem Vater gehabt, sagte Joana Z. SPIEGEL ONLINE. Doch selbst wenn: "Nahestehende haben meist keine Chance, einen Suizid zu verhindern", sagt Fiedler.

Wollte Hans-Peter Z. den Arbeitslosen eine Stimme geben?

Die Aufzeichnungen sollen nach Polizeiangaben der Tochter bereits vorliegen. "Dieses Tagebuch ist ein erschütterndes Dokument", sagt Sigrun Teske SPIEGEL ONLINE. Ihr Mann Rudi, ein Jäger, hatte den abgemagerten, keine 50 Kilo schweren Leichnam auf dem Hochsitz entdeckt. "Aber warum wählte er diesen Weg des Suizids?"

Vielleicht erklärt es Hans-Peter Z. in seinen Aufzeichnungen oder zwischen den Zeilen. Aber auch unabhängig davon habe das Tagebuch eine immens kommunikative Funktion, sagt Schmidtke. Wen wollte Hans-Peter Z. damit erreichen? War es ein öffentlicher Suizid? Wollte er den Arbeitslosen in Deutschland eine Stimme geben? Schmidtke wertet das Tagebuch als deutliche "Botschaft an die Umwelt: Einer, der sich verbrennt, will auch eine Botschaft vermitteln."

Suizid sei grundsätzlich ein aggressiver Akt, sagt Fiedler. Offiziellen Statistiken zufolge nehmen sich jedes Jahr in Deutschland zwischen 11.000 und 13.000 Menschen das Leben, die meisten sind Männer. Im Jahr 2000 zum Beispiel nahmen sich 8131 Männer und 2934 Frauen das Leben. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Auch bei Opfern von Verkehrsunfällen und Drogentoten dürfte der Anteil nicht erkannter Suizide erheblich sein. Die Suizidrate nimmt mit dem Lebensalter zu: Während sie bei jungen Menschen vergleichsweise niedrig ist, steigt sie besonders bei Männern ab dem 60. Lebensjahr.

Hans-Peter Z.s tragischer Tod ist das spektakuläre Ende eines unspektakulären Lebens: Er hatte sich nach Informationen der "Hannoverschen Allgemeinen" nach der Schule für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, arbeitete anschließend als Bürokaufmann und später als Vertreter für Hängestühle. Vor wenigen Jahren machte er sich selbständig, scheiterte und wurde arbeitslos. Zuvor war seine Ehe in die Brüche gegangen. Bis zu seinem Tod soll er nach Aussagen seiner Tochter weder mit ihr noch mit seiner Ex-Frau Kontakt gehabt haben.

Hans-Peter Z. scheint den Hochsitz nur ein einziges Mal hochgeklettert zu sein, fest entschlossen, ihn nicht wieder lebend zu verlassen. Ob er einen Bezug zu seinem Sterbeort hatte, ist unklar. "Selten wählen Suizidpatienten einen ihnen unbekannten Ort. Oft dagegen einen Platz, mit dem sie besondere Erinnerungen verbinden", sagt Suizid-Forscher Schmidtke.

Suizidalität sei mit einer hohen Ambivalenz zwischen dem Wunsch, zu sterben, aber auch zu leben, verbunden, sagt Fiedler. "Die meisten wollen nicht sterben, sondern wissen einfach nicht, wie sie weiterleben können."



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