Hurrikan-Angst "Katrina" tobt über New Orleans

Hunderttausende Einwohner von New Orleans erleben gerade die schwersten Stunden ihres Lebens. Gebannt verfolgen die evakuierten Familien im Fernsehen, wie "Katrina" ihre Stadt verwüstet. Das Auge des Hurrikans ist knapp an der Metropole vorbeigezogen – ob eine verheerende Sturmflut folgt, ist noch unklar.


Ein Mann flieht vor dem Hurrikan: Tornados, Überschwemmungen, Sturmschäden
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Ein Mann flieht vor dem Hurrikan: Tornados, Überschwemmungen, Sturmschäden

New Orleans - Der Fernsehsender CNN zeigte Bilder aus der Innenstadt von New Orleans: Regen peitscht waagerecht durch die menschenleeren Straßen, der Sturm reißt Schilder und Pflanzen um. Strom und Telefon sind ausgefallen. An vielen Hotels zerbarsten die Fensterscheiben untem dem Druck des Windes.

Dennoch scheint die Stadt am Mississippi einer noch weitgrößeren Katastrophe zu entgehen. Einem CNN-Meteorologen zufolge ist das Sturmzentrum inzwischen östlich von New Orleans und westlich der Stadt Gulfport im Bundesstaat Mississippi durchgezogen und verliert langsam an Stärke. Meteorologen stufen ihn mittlerweile als Sturm der Kategorie 2 ein. Trotzdem handele es sich immer noch um einen "extrem gefährlichen" Hurrikan, hieß es. New Orleans profitiert anscheinend auch davon, dass der besonders gefährliche, südöstliche Teil des Wirbelsturm nicht besonders stark ausgeprägt ist. Dadurch bleiben die Schäden möglicherweise in Maßen.

Gleichzeitig warnten die Wetterexperten aber vor einer weiteren Gefahr: Am östlichen Rand des Sturm, in der Gegend von Gulfport könnten kleinere Tornados entstehen, hieß es. Vielerorts sei es bereits zu Überschwemmungen gekommen, stellenweise stünden Straßen drei Meter unter Wasser. Fernsehsender zeigten Bilder aus der Stadt Mobile in Alabama, wo das Wasser die Innenstadt rund zwei Meter unter Wasser setzte.

Mit Windgeschwindigkeiten von 235 Kilometern pro Stunde hatte "Katrina" am Morgen (Ortszeit) die Südküste der USA erreicht und Kurs auf New Orleans genommen. Allerdings hatte der Wirbelsturm über dem Golf von Mexiko leicht nach Osten abgedreht.

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Hurrikan-Angst: New Orleans zittert vor "Katrina"

"Die westliche Flanke von 'Katrina' ist nicht ganz so schlimm wie die östliche. Aber es wird schlimm genug werden", sagte Eric Blake vom Nationalen Hurrikanzentrum in Miami. Er warnte besonders vor einer bis zu sechs Meter hohen Sturmflut, die die gesamte Stadt unter Wasser setzten könnte. Der Sturm traf um 6 Uhr (13 Uhr MESZ) östlich von Grand Isle auf die Küste von Louisiana, wie das Hurrikanzentrum mitteilte. Grand Isle liegt knapp hundert Kilometer südlich von New Orleans.

New Orleans ist besonders verletzbar, weil sie teilweise unterhalb des Meeresspiegels liegt. Schon Stunden vor Eintreffen von "Katrina" standen mehrere Straßen unter Wasser.

80 Prozent der Einwohner waren dem Aufruf der Behörden gefolgt und hatten ihre Stadt gestern verlassen - es war die erste Zwangsevakuierung in der Geschichte von New Orleans. Die verbliebenen Einwohner suchten in Notunterkünften Zuflucht, etwa 9000 waren es im Footballstadion Superdome. Schon Stunden, bevor das zerstörerische Zentrum des Hurrikans erwartet wurde, rissen Windböen Löcher in das Dach der Arena, und es regnete hinein. Das Ausmaß einer möglichen Gefährdung war zunächst nicht absehbar. Ein Stromausfall führte dazu, dass die Klimaanlage des Stadions ausfiel. Zudem gab es nur eine Notbeleuchtung.

Einige Flüchtlinge ertrugen die Lage mit Humor. "Das ist spannender als jeder Film", sagte Steven Grades. Durch die Fenster des Aufenthaltsraums blickte er auf die Straßen von New Orleans, in denen Polizeiwagen mit Blaulicht patrouillierten. "Die Stadt könnte nach 'Katrina' nicht mehr die gleiche sein", warnte Max Mayfield, Direktor des Nationalen Hurrikanzentrums.

Der Sturm verlor über Nacht ein wenig seiner zerstörerischen Kraft. Über dem Golf waren Geschwindigkeit von 280 Kilometern pro Stunde gemessen worden. Als er die Küste erreichte, waren es 235, so dass der Hurrikan in die zweithöchste Kategorie 4 und zuletzt 3 heruntergestuft wurde.

Bürgermeister Nagin sprach von einem noch nie da gewesenen Ereignis. "Die Stadt New Orleans ist noch nie direkt von einem Hurrikan dieser Stärke getroffen worden", sagte er. Der bisher schwerste Wirbelsturm war vor 40 Jahren der Hurrikan "Betsy", der fast die Hälfte der Stadt unter Wasser setzte. Damals kamen 74 Menschen ums Leben.

Auch die Staaten Mississippi und Alabama waren gefährdet. An der gesamten Golfküste bildeten sich am Wochenende lange Staus, weil sich hunderttausende Menschen in Sicherheit brachten. Alle Autobahnspuren wurden für den Verkehr in Richtung Norden reserviert.

Ölkonzerne haben ihre Förderplattformen im Golf von Mexiko geräumt. Das könnte die Preise für Rohöl und Benzin weiter nach oben treiben - zumal es Wochen dauern wird, bis die Produktion wieder normal läuft.

"Katrina" bildete sich über den Bahamas und fegte am Donnerstag als Sturm der Kategorie 1 über den Süden Floridas hinweg. Neun Menschen kamen dort bereits ums Leben. Über dem Golf von Mexiko gewann der Sturm an Kraft und wurde schnell bis zur Kategorie 5 heraufgestuft. "Katrina" ist der elfte Hurrikan im Atlantik in dieser Saison, die am 1. Juni begann.

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