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Hurrikan "Gustav": New Orleans fürchtet den Sturm und die Plünderer

Tausende Dächer riss er herunter, überflutete ganze Stadtviertel - auf Kuba hat "Gustav" schon gewütet. Nun rüsten sich die USA für den Hurrikan und fürchten, er werde schlimmer als "Katrina". New Orleans verhängte eine Ausgangssperre: "Mögliche Plünderer wandern sofort ins Gefängnis."

New Orleans/Havanna/Washington - Seit Hurrikan "Katrina" vor drei Jahren große Teile von New Orleans zerstört hat, haben die Behörden in der Stadt an der Mississippi-Mündung eine Ahnung davon, was auf sie zukommen kann. Aus Furcht vor Plünderungen hat der krisengestählte Bürgermeister Ray Nagin kurz vor dem Eintreffen von Hurrikan "Gustav" eine nächtliche Ausgangssperre für die Metropole verhängt. Wer dann noch auf der Straße ist, werde von Polizei oder Soldaten der Nationalgarde festgenommen, drohte Nagin am Sonntag. "Die Ausgangssperre gilt von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang", sagte Nagin. "Mögliche Plünderer wandern sofort ins Gefängnis".

Die Evakuierung von New Orleans hat bereits begonnen. "Das ist die Mutter aller Stürme", verdeutlichte der Bürgermeister den 239.000 Einwohnern der zum großen Teil unter dem Meeresspiegel gelegenen Stadt den Ernst der Lage. "Ihr solltet beunruhigt sein, und ihr solltet Eure Hintern in Bewegung setzen und auf der Stelle aus New Orleans verschwinden", sagte er mit eindringlicher Stimme. Inzwischen sind Teile New Orleans bereits so verlassen wie Geisterstädte.

Zwar hat sich der Sturm auf seinem Weg über den Golf von Mexiko leicht abgeschwächt. Meteorologen rechnen aber damit, dass er vor seinem für Montag erwarteten Auftreffen auf die US-Küste wieder an Stärke zunimmt. Dann könnte er mit größerer Wucht auf das US-Festland treffen als "Katrina". Damals wurden nach Dammbrüchen 80 Prozent der Stadt überflutet, die Metropole versank im Chaos. Flutopfer mussten tagelang auf den Dächern ihrer Häuser auf Rettung warten.

Entlang der US-Golfküste kamen etwa 1500 Menschen ums Leben. Der Sachschaden belief sich auf 80 Milliarden Dollar. Es war der größte bei einer Naturkatastrophe in den USA.

Mit den Schrecken von vor drei Jahren im Nacken bildeten sich bereits am Samstag auf den Schnellstraßen aus der Stadt lange Staus. Tausende Menschen warteten auf Busse und Züge, die sie in Sicherheit bringen sollten. Viele verbarrikadierten die Fenster ihrer Häuser und Geschäfte bevor sie die Stadt verließen. "Ich bin während 'Katrina' hiergeblieben und wollte es auch diesmal tun", sagte Restaurantbesitzer Trinity Cazzola. "Aber dieser hier ist schlimmer und ich habe beschlossen, die Stadt zu verlassen."

Schwere Verwüstungen auf Kuba, 86 Tote in der Karibik

Nach Angaben der Bundesbehörden wurden die Dämme um New Orleans zwar verstärkt, haben aber noch immer Schwachstellen, vor allem nahe der von "Katrina" damals am schwersten betroffenen Stadtteile. Sollte "Gustav" wie vorhergesagt mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern pro Stunde westlich von New Orleans auf das Festland treffen, könnten diese Dämme wieder brechen und die Stadt erneut überfluten.

New Orleans: Kampf gegen Überschwemmungen
200 Kilometer Deiche
Das Gebiet der US-Südstaatenmetropole New Orleans liegt zwischen dem Mississippi-Delta und dem Lake Pontchartrain. Es wird mit einer Suppenschüssel verglichen: 70 Prozent der Fläche liegen unterhalb des Meeresspiegels. Seit ihrer Gründung im Jahr 1718 muss die Stadt darum gegen Überschwemmungen kämpfen. Heute schützen Deiche mit einer Gesamtlänge von mehr als 200 Kilometern sowie ein System aus Kanälen, Schleusen und Pumpstationen die Metropole. mehr zu New Orleans auf der Themenseite
Trauma "Katrina"
Der letzte Hurrikan, der die Stadt traf, war 2005 "Katrina": Nach Deichbrüchen wurde New Orleans damals fast vollständig überflutet, rund 1800 Menschen kamen ums Leben. Das Krisenmanagement war überfordert. mehr zu "Katrina" auf der Themenseite
1,4 Millionen Menschen im Großraum
New Orleans ist mit rund 470.000 Einwohnern die größte Stadt im US-Bundesstaat Louisiana, im Großraum leben sogar 1,4 Millionen Menschen. Mit ihrem bedeutenden Seehafen ist sie der wichtigste Außenhandelsplatz für die Erzeugnisse der Mississippi-Staaten wie Erdöl, Baumwolle und Zucker. Die Altstadt (French Quarter) mit französischen und spanischen Architektureinflüssen ist Hauptanziehungspunkt für jährlich Hunderttausende Touristen. Der hier Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte New-Orleans-Jazz gilt als erste voll ausgebildete Stilform dieser Musikrichtung.

Mit Windgeschwindigkeiten von rund 220 Kilometern pro Stunde hatte "Gustav" in der Nacht zum Sonntag den Golf von Mexiko erreicht, nachdem er zuvor auf den Westen Kubas getroffen war. Dort hinterließ er eine Schneise der Verwüstung. In der Provinz Pinar del Rio deckten die Sturmböen bei mehreren tausend Häusern die Dächer ab. Auf der vorgelagerten Insel der Jugend wurden viele Wohnungen von meterhohen Wellen durchflutet. "Dies ist die absolute Zerstörung", sagte ein Bewohner. "Auf der Insel der Jugend hat es noch nie eine solche Naturkatastrophe gegeben." Mehrere dutzend Menschen wurden verletzt.

In der Hauptstadt Havanna mit 2,2 Millionen Einwohnern brach die Stromversorgung zusammen. Bäume und Telefonmasten wurden umgerissen, Bananen- und Reisfelder verwüstet. Besonders hart getroffen wurde offenbar die Stadt Paso Real de San Diego, in der die Windböen Geschwindigkeiten bis zu 340 Stundenkilometern erreichten. In der Dominikanischen Republik, Haiti und Jamaika waren in dem Sturm mindestens 86 Menschen ums Leben gekommen.

Im Golf von Mexiko, in dem ein Viertel des US-Rohölbedarfs produziert wird, kamen wegen des herannahenden Sturms drei Viertel der Förderung zum Erliegen. Viele der Arbeiter auf den 4000 Bohrinseln in dem Gebiet wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Meteorologen haben schon den nächsten Tropensturm "Hanna" über dem Atlantischen Ozean im Blick. Der Sturm mit derzeit Windgeschwindigkeiten von 95 Kilometern in der Stunde könnte Florida bedrohen, ändert aber ständig seine Richtung, weshalb genaue Vorhersagungen nicht möglich sind.

asc/tno/dpa/AP/AFP/Reuters

Was die Hurrikan-Stärken bedeuten
Hurrikans werden nach der sogenannten Saffir-Simpson-Skala je nach Intensität in Kategorien von 1 bis 5 eingestuft. Wichtige Merkmale zur Einordnung sind Windgeschwindigkeit und Zerstörungskraft.
Windgeschwindigkeiten von 119 bis 153 Kilometer pro Stunde - minimale Schäden an Bäumen und schlecht verankerten Gebäuden.
Windgeschwindigkeiten von 154 bis 177 Kilometer pro Stunde - Bäume werden entwurzelt und Schilder umgerissen, auch können Hausdächer, Fenster und Türen beschädigt werden. Küstenstraßen werden überflutet, kleinere ungeschützte Schiffe aus der Verankerung gerissen. Bewohnern an Küstenstreifen wird empfohlen, sich in Sicherheit zu bringen.
Windgeschwindigkeiten von 178 bis 209 Kilometer pro Stunde - mobile Häuser werden zerstört, ebenso leichtere Bauwerke in Küstennähe. Der Wind drückt Fenster ein und deckt Dächer ab. Große Bäume werden entwurzelt oder knicken einfach um. Die Überflutungen werden stärker. Ein Küstenstreifen von etwa 400 Metern Breite sollte geräumt werden.
Windgeschwindigkeiten von 210 bis 249 Kilometer pro Stunde - extreme Schäden an Gebäuden. Wohnwagen werden zerstört oder weggeweht. Bauwerke an der Küste werden durch Wind und Wellen schwer beschädigt oder zerstört, tiefer liegende Gebiete überflutet. Massive Evakuierungen sind notwendig. Menschen können zu Schaden kommen oder getötet werden.
Windgeschwindigkeiten ab 250 Kilometer pro Stunde - die Zerstörungen sind katastrophal. Es gibt schwere Überschwemmungen, Häuser werden zerstört oder fortgeblasen. Es gibt massenweise abgedeckte Dächer, zertrümmerte Türen und Fenster. In Küstengebieten sind manchmal große Evakuierungsaktionen erforderlich. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, kann verletzt oder getötet werden.

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