Hurrikan "Irene": Obama fürchtet lange 72 Stunden

Straßen versinken im Regen, der Strom fällt aus, Hunderttausende sind auf der Flucht: Mit voller Wucht trifft der Hurrikan "Irene" die US-Ostküste. Laut Präsident Obama muss Amerika nun stark sein - der Nation stünden lange 72 Stunden bevor.

"Irene": Der Hurrikan trifft die US-Ostküste Fotos
AP

New York - "Irene" ist einer der größten Hurrikane in der Geschichte Amerikas, erste Ausläufer trafen auf die US-Ostküste - und schon jetzt spielen sich im Land chaotische Szenen ab (verfolgen Sie die aktuelle Entwicklung im Liveticker).

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 151 Kilometern die Stunde wütet der Monstersturm; heftige Regengüsse überschwemmen Straßen; riesige Wellen schlugen an der Küste bis über die Ufer hinaus und erreichten Wohnhäuser und Hotels. Nach Angaben des US-Fernsehsenders CNN mussten in North Carolina und Virginia rund eine Million Menschen ohne Strom auskommen.

Zeitungsberichten zufolge sind bislang mindestens acht Menschen gestorben. In Nash County im US-Staat North Carolina wurde am Samstag ein Mann von einem Ast erschlagen. In Newport News in Virginia wurde ein elfjähriger Junge getötet, als ein Baum in ein Haus stürzte. Ein Autofahrer in dem Unwetter von der Straße ab, rammte einen Baum und starb.

"Irene" verlor sich in der Nacht zum Samstag zwar an Tempo. Das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami gab dennoch keine Entwarnung. Entscheidend sei nicht die maximalen Windgeschwindigkeit, sondern die Größe und die Dauer des Sturms, erklärten die Experten.

US-Präsident Barack Obama besuchte am Samstag die Zentrale der Katastrophenschutzbehörde Fema. "Ihr macht einen prima Job", lobte der US-Präsident der wegen des Monstersturms seinen Urlaub verkürzt hatte. Gleichzeitig mahnte er, der Sturm werde noch gewaltige Kraft kosten. "Das werden lange 72 Stunden", sagte der Präsident.

Hunderttausende ohne Strom

Kurz zuvor hatte Obama eine Telefonkonferenz mit Heimatschutzministerin Janet Napolitano; dem Chef der Katastrophenschutzbehörde FEMA, Craig Fugate, sowie mit weiteren ranghohen Katastrophenschützern abgehalten und sich persönlich über die Sicherheitsvorkehrungen informiert. Offensichtlich will das Weiße Haus einen ähnlichen Kompetenzwirrwarr wie bei der "Katrina"-Katastrophe im Jahr 2005 vermeiden. Der damalige Präsident George W. Bush war für sein Krisenmanagement massiv kritisiert worden.

Die Region, über die "Irene" hinwegwütet, gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der USA. In dem erwarteten Korridor des Hurrikans leben rund 65 Millionen Menschen. Experten gehen davon aus, dass "Irene" in den kommenden Tagen Schäden in Milliardenhöhe verursachen wird. In der Karibik richtete der Sturm bereits Schäden in Millionenhöhe an.

Mehr als 8300 Flüge wurden an der Ostküste bereits gestrichen. Auch die Eisenbahngesellschaft Amtrak schränkt ihren Fahrplan für den Nordosten des Landes ein. Insgesamt wurden 2,3 Millionen Einwohner aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In sechs Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Selbst für Teile Kanadas riefen Meteorologen eine Sturmwarnung aus.

New York schaltet auf Sturmbetrieb

Erste Ausläufer des Unwetters erreichten bereits New York. 370.000 Einwohner der Metropole hatten zuvor einen Evakuierungsbefehl erhalten; alle Busse und die U-Bahn stellten in der Stadt nach und nach ihren Betrieb ein.

Am Samstag hatten sich die New Yorker trotz Regens und Schwüle aufgemacht, um sich auf den Sturm vorzubereiten. Batterien, Fertignahrung und vor allem Wasser wurde aus den Läden geschleppt. Oft stießen die Kunden aber nur auf leere Regale. "Das ist jetzt der vierte Supermarkt. Nichts!", sagte ein Kunde in einem nördlichen Vorort. In einem nahen Aldi-Markt sagte ein Mitarbeiter: "Das ganze Wasser ist längst weg. Wir haben schon nachgeordert, aber in der ganzen Region scheint es keine Flasche Wasser mehr zu geben." Ähnliche Szenen hat SPIEGEL-ONLINE-Korrespondet Marc Pitzke beobachtet: Im noch offenen A&P Supermarkt an der 14th Street laufen zwei junge Frauen durch die halbleeren Regalreihen. "Wasser, Wasser", murmelt die eine mit offenbar osteuropäischem Akzent, während die andere wie wild auf ihrem Blackberry herumhackt.

Bürgermeister Michael Bloomberg forderte die Menschen mit Nachdruck auf, sich in Sicherheit zu bringen: Alle seien gewarnt worden; er werde keinen Polizisten rausschicken, um solche Leute zu retten. New Jerseys Gouverneur Chris Christie wurde noch deutlicher: "Haut verdammt noch mal vom Strand ab! Brauner werdet Ihr nicht! Haut vom Strand ab!"

Je näher der Sturm der Metropole rückt, desto mehr verändert sich die Stimmung. Nur am Times Square wirke die Stadt noch am ehesten wie sie selbst, berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz. Hier sammeln sich die Touristen, die nicht wissen wohin. Hier sind viele Hotels, deren Bars und Restaurants geöffnet und entsprechend brechend voll sind. Doch das Glück der Touristen ist das Problem der Angestellten, der Kellner, Köche und Barkeeper. Sie wissen nicht wie sie heimkommen sollen, denn seit 12 Uhr mittags gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr mehr. Auch die Taxen werden später rar sein. "Ich versuche mir einfach jetzt keine Gedanken darum zu machen", sagt Katherine, Kellnerin im Restaurant Blue Fin auf dem Broadway. "Es wird schon werden" sagt sie, es soll gelassen klingen, aber sie verzieht dabei das Gesicht und in ihren Augen sind die Zweifel zu sehen.

Gefahr für die Stromversorgung

Die am tiefsten gelegenen Gegenden Manhattans gelten am verwundbarsten. Experten fürchten, dass der Sturm dort enorme Wassermassen vom Hafen her in den Hudson River und in den East River bis tief in die Straßen drücken könnte. Direkt zwischen den Flüssen liegt der Zipfel Lower Manhattans mit dem Financial District und Battery Park City. Auch Anlagen zur Stromversorgung befinden sich in dieser Gefahrenzone. Wasser und Salz können dort schlimme Folgen haben.

Die New Yorker Stromgesellschaft Con Edison kündigt an, notfalls den Strom in Lower Manhattan vorsorglich abzuschalten, um Schäden am gesamten System zu vermeiden. "Sie können von der Möglichkeit ausgehen, dass es Downtown keinen Strom gibt", sagt auch Bürgermeister Bloomberg. Der Zwangs-Blackout würde jedoch nur einen kleinen Teil Manhattans betreffen - rund 6400 Menschen südlich der Fulton Street, die meisten davon sind sowieso evakuiert.

Vielen New Yorkern bleibt nur die Flucht in eine Notbleibe. Im Baruch College, einer Betonburg an der Lexington Avenue auf Manhattans East Side, ist so ein Notaufnahezentrum für Evakuierte eingerichtet. "Evacuaton Center" steht in Zetteln an der Tür - in Englisch, Spanisch, Chinesisch und Russisch. Freiwillige in Warnwesten dirigieren die Ankömmlinge zu einem Tisch in der Lobby, wo ihre Personalien aufgenommen werden. Einmal registriert, werden sie mit gelben Schulbussen weitergefahren in eine der 91 provisorischen Unterkünfte in der Stadt. Eine solche Unterkunft ist die Washington Irving High School im Viertel Gramercy Park. Hier sind in einer Turnhalle Pritschen hergerichtet. Helfer bringen Dutzende Kartons mit Wasserflaschen herbei.

ssu/AFP/dpa/dapd

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kartenhaus USA: CAT 1 Wetter entfacht ein Chaos
katanga1 27.08.2011
Da haben die USA ja noch inmal vergleisweise Glück gehabt in Ihren Pappschachteln. Die Power Grids an der Ostküste, im dicht besiedelsten Gebiet der USA, sind auch schon am Ende, weil überall die Überlandleitungen und Transformatoren schlapp machen. Das ist gelinde gesagt 3. Welt Technologie. Man kann ja nur beten, das diesem Land nicht ein CAT 2-5 an der Küste vorbei rauscht.
2. ...
1923 27.08.2011
Zitat von katanga1Da haben die USA ja noch inmal vergleisweise Glück gehabt in Ihren Pappschachteln. Die Power Grids an der Ostküste, im dicht besiedelsten Gebiet der USA, sind auch schon am Ende, weil überall die Überlandleitungen und Transformatoren schlapp machen. Das ist gelinde gesagt 3. Welt Technologie. Man kann ja nur beten, das diesem Land nicht ein CAT 2-5 an der Küste vorbei rauscht.
Wir würden hier in Deutschland die gleichen Probleme haben. Die Infrastruktur ist nicht dafür ausgelegt, das ab und wann ein Hurrikan nordwärts abdriftet. Völlig überflüssiger Kommentar.
3. Redundanz
wobbitwz 27.08.2011
Zitat von 1923Wir würden hier in Deutschland die gleichen Probleme haben. Die Infrastruktur ist nicht dafür ausgelegt, das ab und wann ein Hurrikan nordwärts abdriftet. Völlig überflüssiger Kommentar.
Naja, soweit mir bekannt, sind die Häuser hier nicht mit denen in den USA vergleichbar. Sonderlich massiv wird dort nicht gebaut. Davon abgesehen, ist unsere Infrastruktur durchaus in der Lage einiges abzufedern, da hier vieles redundant ausgelegt ist. Zum Beispiel die Stromnetze.
4. Äpfel und Birnen
chr.dossmann 27.08.2011
Zitat von 1923Wir würden hier in Deutschland die gleichen Probleme haben. Die Infrastruktur ist nicht dafür ausgelegt, das ab und wann ein Hurrikan nordwärts abdriftet. Völlig überflüssiger Kommentar.
In New York gibt es öfter Hurricanes. In den letzten 10 Jahren gab es 17, meistens um den August und September herum. New Yorker kennen die jährlich auftretenden Stromausfälle. Hin und wieder kommen auch Menschen ums Leben und es entsteht großer Sachschaden. Es ist nicht so, dass das zufällige Ausreißer sind, sondern das geschieht Jahr für Jahr immer wieder.
5. Unsere Infrastruktur ist sicher
roterschwadron 27.08.2011
Zitat von 1923Wir würden hier in Deutschland die gleichen Probleme haben. Die Infrastruktur ist nicht dafür ausgelegt, das ab und wann ein Hurrikan nordwärts abdriftet. Völlig überflüssiger Kommentar.
Zählen zur "Infrastruktur" auch die Atomkraftwerke, oder ist ein Hurrican gesetzlich angehalten, da eine Ausnahme zu machen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Hurrikan "Irene"
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 28 Kommentare
  • Zur Startseite
Karte

Fotostrecke
Hurrikan "Irene": Tod und Zerstörung in der Karibik

Hurricane Irene auf Twitter

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite


Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.