Hurrikan vor Florida Fast sechs Millionen Menschen auf der Flucht vor "Irma"

Der massive Wirbelsturm "Irma" steuert auf Florida zu. Fast sechs Millionen Menschen sind auf der Flucht - es gibt kaum Schutz vor dem Hurrikan, der so groß ist wie der gesamte US-Bundesstaat.

REUTERS

Aus Orlando, Florida, berichtet


Selbst Micky Maus verkriecht sich. Walt Disney World, der meistbesuchte Vergnügungspark der Welt, macht am Sonntag und Montag die Schotten dicht, auch das samstägliche Abendfeuerwerk fällt aus. "Sicherheit ist uns am wichtigsten", steht auf Hinweisschildern an den bereits vergitterten Souvenirläden, während enttäuschte Besucher zu ihren Autos strömen.

Ähnlich die vielen Touristen-Attraktionen ringsum hier: Universal Orlando, SeaWorld, Bush Gardens, Legoland Florida - sie alle schließen vorübergehend wegen "Irma".

Stürme kennen sie hier. In seiner 46-jährigen Geschichte hat Disney World deshalb nur viermal zugemacht. Doch nie zuvor länger als einen Tag.

"Irma", der massive Hurrikan, der auf Florida zurollt, ist der erste seit Langem, der den Titel Monstersturm verdient. Der stärkste Atlantik-Hurrikan, der bisher gemessen wurde, ist doppelt so groß wie "Andrew", der 1992 alles südlich von Miami zerstörte. Er ist so groß wie Florida selbst - ab der Nacht wird er nach und nach den gesamten US-Staat verschlucken. Für mindestens 36 Stunden.

Die Landesregierung hat erstmals fast sechs Millionen Menschen zur Flucht aufgefordert. Es ist die größte Massenevakuierung, die es hier je gab. Die wenigen Autobahnen sind nach Norden hoffnungslos verstopft - und nach Süden leer. "Alle Einwohner Floridas sollten sich auf eine Evakuierung vorbereiten", warnte Gouverneur Rick Scott.

Fast zu spät: "Irma" war in der Nacht zu Samstag bereits in Kuba auf Land getroffen und wurde wieder in die höchste Kategorie fünf hochgestuft. In der Karibik kamen mindestens 19 Menschen durch den Sturm ums Leben. Auch Miami Beach erreichten die ersten feuchtwindigen Vorboten.

"Es ist Gottes Wille"

Zu spät ist es bereits für Anthony Pesci, der in einem kleinen, flachen Apartmenthaus in Fort Lauderdale lebt. Er ist zu alt, zu kränklich und, wie er ehrlich sagt, zu träge, um sich auf den mühsamen Weg zu machen. "Das Einzige, was mir hilft, ist beten", sagt er. "Es ist Gottes Wille."

"Genießen Sie den Hurrikan", kalauert dagegen der Pilot eines Linienflugs mit einer Handvoll wackerer Passagiere, der Orlando durch Turbulenzen ansteuert.

So lakonisch reden hier sonst alle über Stürme, selbst einen Hurrikan. Ach, der dreht sicher noch ab, sagen sie gerne, was soll der Hype. "Wir warten bis zum allerletzten Moment, um die Fenster zu verbarrikadieren, weil es so ein Ärger ist, sie wieder zu öffnen", schreibt die Autorin Jennine Capó Crucet in der "New York Times". "Wir wurden erzogen, sowas nicht ernst zu nehmen."

Doch diesmal klingt das anders. Diesmal schwingt hier selbst bei Sturm-Veteranen Sorge in der Stimme mit. Diesmal, sagen fast alle, ist es ernst.

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"Wenn ich mir 'Irmas' Erscheinungsbild auf Satellitenfotos ansehe, fehlen mir die Worte", entsetzt sich Taylor Trogdon, Chefwissenschaftler beim National Hurricane Center - und rät: "Hören Sie auf die Anweisungen der Behörden."

Sicher, die Vorhersagen können immer noch danebenliegen. "Irma" könnte immer noch von dem Kurs abweichen, den die Meteorologen skizzieren. Doch deren Berechnungen sind sehr präzise geworden.

"Kein Ort in den Keys wird sicher sein"

Sollten sich die Prognosen bestätigen, wird "Irma" in der Nacht zum Sonntag als ein Hurrikan der stärksten Kategorie zuerst auf die Florida Keys treffen, mit Windgeschwindigkeiten von 260 Stundenkilometern und Sturmfluten, die die niedrigen Inseln ausradieren könnten. "Ernster geht es nicht", twitterte der US-Wetterdienst NWS. "Kein Ort in den Keys wird sicher sein."

Fast alle Bewohner treten den langen Treck über den 172 Kilometer langen, schmalen Brücken-Highway an, der die Keys mit dem Festland verbindet.

Doch auch da gibt es wenig Schutz. Per Vorhersage wird "Irma" über Floridas bevölkerungsreichste Regionen fegen. Miami, Fort Lauderdale und das Millionärsidyll Palm Beach an der Ostküste liegen ebenso im Fadenkreuz wie Naples, Fort Myers und Tampa an der Westküste. Dann soll "Irmas" Auge mit rund 70 Kilometer Durchmesser am Lake Okeechobee, dessen 80-jähriger Staudamm brechen könnte, und an Orlando vorbeischrammen.

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Hurrikan "Irma": Den Sturm vor Augen

Mancherorts wird mit mehr als 300 Millimeter Niederschlag gerechnet. Dabei stehen Floridas Straßen schon bei normalem Regen unter Wasser. "Irma" habe lange über einem "extrem wütenden Ozean" getobt, sagt Joel Myers, der Gründer des privaten Vorhersagedienstes AccuWeather, und er werde die gespeicherten Wassermassen nun über Land entladen - ein "katastrophales Wetterereignis", dem niemand in Florida entgehen könne.

Bis wann macht Evakuierung Sinn - und ab wann wird sie lebensgefährlich?

Doch wie immer ist das Problem auch hier: Bis wann macht Evakuierung Sinn - und ab wann wird sie lebensgefährlich, weil man dem Sturm im Stau hilflos ausgeliefert ist? Auch ist in Südflorida kaum mehr Benzin zu finden.

Also fliehen sie in stabilere Gebäude. Miami ordert 1100 Obdachlose von der Straße in amtliche Schutzräume. Enrique Zuanetto will mit den Armen in seiner Suppenküche in Boynton Beach ausharren. Ein Drogenentzugszentrum in Fort Lauderdale bringt seine Patienten in Hotels in Sicherheit. 5000 Häftlinge werden in Gefängnisse im Norden gekarrt. Hunderttausende Senioren und Kranke dagegen müssen bleiben, wo sie sind, da sie niemanden haben.

Mar-a-Lago, Präsident Donald Trumps Privatklub in Palm Beach, den er gerne als "Winter White House" propagiert, wird ebenfalls zwangsevakuiert, von Gästen wie Bediensteten - er ist nur durch eine kleine Straße vom Strand getrennt. Auch drei Trump-Golfplätze liegen in der Gefahrenzone.

Selbst der konservative Radio-Talker Rush Limbaugh kriegt Angst. Neulich noch hat er sich über "Irma" als eine Verschwörungstheorie der Linken lächerlich gemacht. Doch dann teilt er seinen Zuhörern auf einmal mit, dass er vorerst nicht weiter aus seinem Heimstudio in Palm Beach senden könne. Warum? "Wegen der sicherheitsrelevanten Lage kann ich nicht in Details gehen."

insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
daktaris 09.09.2017
1. na dann
Refugees welcome. Wir schaffen das!
micromiller 09.09.2017
2. Donald Trump hat Teile der Armee
zum Einsatz fuer die Buerger aktiviert, das ist eine sehr gute Entscheidung und das wird die entstehenden Probleme mildern. Die Armee sollte recht schnell massive Rettungseinsaetze starten koennen und auch bei der Funk- und Energieversorgung schnelle Hilfe leisten koennen. Donald Trump ist in diesem Moment der richtige Mann am richtigen Platz.
rkinfo 09.09.2017
3. Zweite Seite des Highway öffnen ?
Mit Tempolimit 50 könnte man locker einige Spuren der Gegenseite öffnen. Auch bei der Rückfahrt ist der Stau aktuell vorprogrammiert. Chaos im Amiland - es wird nicht übergreifend gedacht.
SES 09.09.2017
4. das hilft keinem weiter..
Wenn ich mich nicht irre werden die Stürme immer größer, auch nach diesem Sturm wird es einen noch größeren geben. Wir alle haben die Verantwortung für unseren Planeten. Es ist unser einziges Zuhause, wir haben sonst kein anderen Zuhause. Dieser Planet wird von uns Menschen einfach in den Ruin getrieben aus profitgierig. Die Natur lässt sich das nicht gefallen und schlägt zurück. Vielleicht schaffen wir Menschen auch bis dahin,auf einen Schlag, uns selber zu vernichten, und dann kann Mutter Natur sich von uns erholen.
ediart 09.09.2017
5. Hurrikan
Diese Art der Berichterstattung ist schon langweilig der Sturm trifft auf Florida als ob dieser Staat der Nabel der Welt sei. Wie unwichtig !
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