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US-Ostküste nach Hurrikan "Sandy": Amerikaner stehen Schlange für Essen und Benzin

Wasser ist knapp, Lebensmittel sind knapp. Und es ist kalt. Nach Wirbelsturm "Sandy" müssen Hunderttausende Menschen im Nordosten der USA mit dem Nötigsten versorgt werden, in New York ist die Nationalgarde im Einsatz. An vielen Tankstellen kommt es zu Rangeleien um Benzin.

AFP

New York - An der US-Ostküste sind die Hilfsmaßnahmen nach Wirbelsturm "Sandy" angelaufen: Rund eine Million Mahlzeiten sollten in New York verteilt werden, sagte der Gouverneur des Bundesstaats, Andrew Cuomo. Das Rote Kreuz stellte zwölf Feldküchen bereit, die 200.000 warme Mahlzeiten pro Tag servieren können. Das US Transportation Command, das normalerweise für Truppentransporte und die Versorgung von Kampftruppen zuständig ist, schickte 55 Lastwagen mit 1,5 Millionen Mahlzeiten nach New York. 1,3 Millionen zusätzliche Rationen stünden für den Bedarfsfall bereit, hieß es.

Polizisten und Feuerwehrleute seien in New York City noch immer dabei, in den besonders betroffenen Gebieten nach möglichen Opfern zu suchen und Hilfsbedürftige zu unterstützen, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg.

Die Zahl der Todesopfer an der US-Ostküste ist weiter gestiegen. Bis Donnerstag wurden nach offiziellen Angaben 98 Leichen geborgen, darunter 40 in New York. Allein im Stadtteil Staten Island, der am Montag von einer Flutwelle überrollt worden war, kamen 20 Menschen ums Leben.

Streit und Rangeleien an Tankstellen

Große Engpässe gibt es beim Benzin. An Tankstellen kommt es zu Prügeleien, kilometerlang ziehen sich Schlangen von Autos und Menschen mit Kanistern in der Hand durch die Straßen. Mehr als vier Millionen Haushalte und Geschäfte sind noch immer ohne Strom und auf Generatoren angewiesen, doch die Versorgung stockt. Raffinerien, Pipelines und Häfen wurden vom Hurrikan beschädigt oder sind noch nicht wieder geöffnet.

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US-Ostküste nach "Sandy": Wasser, Essen und Benzin sind heiß begehrt

Im Bundesstaat New Jersey, der eigentlich für seine großen Erdölraffinerien und seine niedrige Benzinsteuer bekannt ist, waren am Donnerstag der Aufsichtsbehörde AAA zufolge mehr als 60 Prozent der 2944 Tankstellen geschlossen, weil sie entweder keinen Strom oder kein Benzin hatten.

In New York City sei lediglich ein Drittel der Stationen in der Lage gewesen, Treibstoff zu verkaufen. "Wenn sie die Produkte haben, haben sie keinen Strom. Wenn sie Strom haben, haben sie keine Produkte", sagte Ralph Bombardiere, der Geschäftsführer des Verbands der Tankstellen und Werkstätten im Bundesstaat New York.

An den geöffneten Tankstellen geraten die Menschen immer häufiger aneinander, mancherorts musste sogar die Polizei eingreifen. An einer Tankstelle in Montclair stauten sich die Autos am Donnerstag in drei Richtungen. "Ich habe 36 Stunden lang gepumpt, rund 17.000 Gallonen", sagte Eigentümer Abhishek Soni der "New York Times". Am Abend eskalierte die Situation. Die Stimmung unter den Kunden war dermaßen aufgeheizt, dass Soni sich genötigt, die Polizei zu rufen und den Verkauf für 45 Minuten einzustellen.

Installateur Corey Hill war nach eigenen Angaben zehn Stunden in Brooklyn und Queens unterwegs, um Benzin zu bekommen. "An einer Tankstelle habe ich ein wenig bekommen, aber es war ein Kampf", sagte der Handwerker und weist auf die Kettenreaktion hin, die der Benzinmangel auslöst: "Auf mich warten Kunden, zu denen ich nicht komme, wenn ich kein Benzin habe."

Bis Donnerstagmittag war die Zahl der Taxis, die in New York noch im Einsatz waren, laut NYC Taxi and Limousine Commission (TLC) auf 30 Prozent der Vorwoche gesunken. "Krankenwagen und andere Rettungsfahrzeuge haben Vorrang bei der Benzinvergabe", sagte TLC-Sprecher Allan Fromberg.

Staten Island: Einwohner fühlen sich von Politik vergessen

Auch sonst verläuft die Rückkehr in die Normalität holperig. Die U-Bahn rollte zwar am Donnerstag nach dreitägiger Schließung im Großteil der Stadt wieder an, allerdings nicht in den Süden Manhattans und nach Brooklyn, wo die Tunnel überflutet waren. Vor einer Arena in Brooklyn standen teilweise bis zu tausend Menschen und warteten auf einen Bus.

In den weiterhin von der Stromversorgung abgeschnittenen Vierteln New Yorks wurde zudem eine fehlende Polizeipräsenz kritisiert. Auf den Straßen Manhattans patrouillierten Mitglieder der Guardian Angels, einer Freiwilligentruppe, die sich den Kampf gegen die Kriminalität zum Ziel gesetzt hat.

Etwa 650.000 Bewohner der Metropole sind weiterhin ohne Strom. Der Stromanbieter Con Edison warnte, in einigen Stadtvierteln von New York werde die Stromversorgung erst am 11. November wiederhergestellt sein. Der Süden von Manhattan soll bis Samstag wieder am Netz sein.

Das Uno-Hauptquartier in New York öffnete am Donnerstag erstmals nach drei Tagen wieder seine Pforten. An dem Gebäude gebe es "noch nie dagewesene Schäden", erklärte ein Uno-Vertreter. So habe der Sturm ein Feuer und eine schwere Überschwemmung der Kellerräume ausgelöst.

In Staten Island klagten Einwohner, der gegenüber Manhattan liegende Bezirk sei von der Politik vergessen worden. An den Brücken nach Manhattan bildeten sich kilometerlange Staus, an Haltestellen warteten riesige Menschenmengen ungeduldig auf Busse in die Innenstadt, und an Tankstellen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um das vielerorts immer noch knappe Benzin. Nach Tagen ohne Strom, fließendes Wasser und Heizung verließen viele Bewohner die Stadt.

Küstenwache stellt Suche nach "Bounty"-Kapitän ein

Die US-Küstenwache stellte die Suche nach dem vermissten Kapitän des gesunkenen, legendären Dreimasters HMS "Bounty" ein. Das für den Film "Meuterei auf der Bounty" gebaute Schiff war am Montag in schwerer See vor der US-Ostküste gesunken. 14 Besatzungsmitglieder wurden gerettet, eine Frau ist gestorben.

US-Präsident Barack Obama nahm nach dreitägiger Pause wegen der Naturkatastrophe wieder den Wahlkampf auf. In einer Rede in Green Bay im Bundesstaat Wisconsin lobte er seine Landsleute dafür, angesichts der Sturmkatastrophe zusammengerückt zu sein. Für sein Krisenmanagement nach "Sandy" erhielt der Präsident in einer Umfrage gute Noten. Unerwartete Wahlkampfhilfe erhielt Obama von New Yorks Bürgermeister Bloomberg, der früher der republikanischen Partei von Herausforderer Mitt Romney angehört hatte.

Schätzungen der Bundesbehörden zufolge verursachte "Sandy" im Osten der USA einen Gesamtschaden von 20 Milliarden Dollar. Der auf Risikoanalysen spezialisierte Versicherungsdienstleister Eqecat geht sogar von einem volkswirtschaftlichen Schaden zwischen 30 und 50 Milliarden Dollar aus.

siu/dpa/Reuters

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"Sandy" - Bote des Klimawandels?

Das Rezept des Supersturms
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.


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