Hurrikan "Sandy" in den USA: Natur gegen Supermacht

Von , New York

Der Sturm spült Bahnwaggons auf einen Highway, eine komplette Achterbahn treibt im Meer, Dutzende Menschen sterben. Hurrikan "Sandy" offenbart, wie verwundbar die Technik-Supermacht Amerika ist. New Yorks Bürgermeister Bloomberg sagt: "Die Leute verstehen einfach nicht, wie stark die Natur ist."

Hurrikan "Sandy": Verheerende Sturmschäden Fotos
AP/ The Philadelphia Inquirer

"Sandys" wahre Macht offenbart sich erst jetzt, Stunden nach dem Aufprall an der Küste. Ganze Regionen in New Jersey sind zerstört. Acht Millionen Amerikaner werden auf Tage ohne Strom sein. Die Zahl der US-Todesopfer erhöht sich auf 43. Halb Manhattan gleicht einer Geisterstadt.

Und doch gibt es auch das andere, nach wie vor fröhliche Amerika: Im Caffé Alimentari in Williamsburg, einem verschonten Viertel in Brooklyn, hocken die Gäste schon wieder über ihren Soja-Lattes.

Wie alle Naturgewalten scherte sich auch "Sandy" nicht um Reich oder Arm, Stadt oder Land. Der Supersturm schlug seine Schneise der Verwüstung entlang der US-Ostküste, vom dörflichen Virginia über die stundenlang gelähmte Millionenstadt New York City bis in die reichen Vorstädte Connecticuts.

Präsident Barack Obama hat auch für Mittwoch alle Wahlkampftermine abgesagt, stattdessen wird er die am schwersten in Mitleidenschaft gezogenen Landstriche bereisen. Das mangelnde Krisenmanagement der Regierung Bush nach dem Hurrikan "Katrina" 2005 ist noch vielen in Erinnerung. Diesmal kommt selbst aus dem gegnerischen Lager Lob für Obama.

Das Chaos in New York, beispiellos selbst für diese katastrophenerfahrene Metropole, sorgt für die meisten Schlagzeilen. Doch wirklich am schlimmsten hat es den Nachbarstaat New Jersey getroffen, wo Gouverneur Chris Christie übernächtigt vor die Kameras tritt. "Die Zerstörung ist ohnegleichen", sagt er. "Die Verluste werden fast unermesslich sein."

Nur langsam begreifen die Amerikaner, was ihnen in dieser Nacht widerfahren ist. "Sandy" war der massivste Sturm, den es hier je gab, seine Gewalt war von Georgia bis nach Maine zu spüren. In sechs Bundesstaaten verloren Menschen ihr Leben, die Sachschäden dürften 20 Milliarden Dollar überschreiten. Selbst am Dienstag tobt "Sandy" weiter landeinwärts, mit Schneefällen, Sturzregen und Sturmböen von 105 km/h, die bis zu den Großen Seen reichen.

"Sandy" offenbart dabei, wie fragil die amerikanische Infrastruktur ist: Straßen und Schienen sind zerstört, Stromnetze kapitulieren, Kommunikationsnetze brechen zusammen, Telefon- und Internetverbindungen klemmen. Am schlimmsten betroffen ist die Gesellschaft Verizon, deren Schaltzentralen in Manhattan, Queens und Long Island überflutet wurden. Die am dichtesten bevölkerte, technologisch am meisten hochgerüstete Gegend der USA entpuppt sich als wehrlos vor den Elementen.

"Die Leute verstehen einfach nicht, wie stark die Natur ist", sagt New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg, der seine Bürger rund um die Uhr auf dem Laufenden hält.

Im Finanzdistrikt brennt kein Licht

In New York City allein kamen zehn Menschen ums Leben. Der Schaden in der Stadt dürfte sich auf sieben Milliarden Dollar beziffern. Zwei Millionen New Yorker bleiben ohne Strom, darunter rund 660.000 in Manhattan, dessen Südhälfte fast komplett lahmliegt. "Dies ist der schwerste sturmbedingte Blackout in unserer Geschichte", sagt John Miksad, der Vizepräsident der Stromgesellschaft Con Ed.

Internet und Telefon funktionieren hier nur sporadisch, wenn überhaupt. Manche Leute müssen kilometerweit zu Fuß laufen, um an ein Netz oder eine Steckdose mit Saft zu kommen.

Im Financial District und in Tribeca brennt kein Licht, keine Ampel funktioniert, keine Cops sind zu sehen. Menschen wandern über die Straßen, alle wirken verstört. Ein Kiosk hat geöffnet, davor bildet sich eine lange Schlange.

Auch die Wall Street, wo sonst selbst zu Weihnachten die Lichter brennen, ist dunkel und verlassen. Die einzige Finanzfirma, die Strom zu haben scheint, ist Goldman Sachs, deren Banker alle brav zur Arbeit antreten - in Jeans und Gummistiefeln. Am Mittwoch sollen jedoch zumindest die Börsen wieder handeln.

An Manhattans West 57th Street baumelt ein beschädigter, tonnenschwerer Wolkenkratzer-Kran rund 300 Meter über der Straße. Die sonst vielbefahrene Avenue of the Americas ist mit Gittern abgesperrt. "Aber ich will doch in meine Wohnung!", fleht ein älterer Mann. Der Polizist bleibt hart: "No way." Im Rinnstein liegen einzelne Schuhe, die irgendjemand im Chaos verloren haben muss.

Auch New Yorks U-Bahn - mit 1355 Kilometern Schienen und täglich mehr als fünf Millionen Passagieren die größte der Welt - erleidet die schwersten Schäden ihrer 108-jährigen Geschichte. Tunnel sind geflutet, Signalanlagen zerstört. Das System dürfte, so Bloomberg, "vier oder fünf Tage" außer Betrieb bleiben.

Fünf der sieben New Yorker Straßenbrücken wurden wieder für den Verkehr freigegeben. Zwei Tunnel nach Manhattan blieben dicht.

Die Fluten sind stärker als ein Deich

Im Viertel Breezy Point in Queens wurden mehr als 80 Häuser von einem Feuer zerstört. Auch anderswo in der Stadt gab es rund zwei Dutzend Brände. In Chelsea stürzte die halbe Fassade eines Wohnhauses ein. Mehr als 6100 Menschen kamen in den 76 Notunterkünften unter, viele wurden zuvor aus Altersheimen evakuiert.

New Yorks Flughäfen sollen bis mindestens Mittwoch geschlossen bleiben. Das Rollfeld von La Guardia steht derzeit noch unter Wasser. Erneut wurden mehr als 5700 Flüge gestrichen, insgesamt fielen wegen "Sandy" bisher 15.500 Verbindungen aus.

Während sich die New Yorker mit ihrer üblichen Mischung aus Gelassenheit und Dauerstress an die Aufräumarbeiten machen, steht New Jersey am Dienstag noch unter Schock. Vor allem die vielen kleinen Küstenstädte haben nun schwere Wochen vor sich, Gouverneur Christie nennt die Zerstörung dort "unvorstellbar".

Zahllose Orte wurden fast ganz überschwemmt, darunter das Casino-Mekka Atlantic City. Die Nationalgarde ist im Einsatz, um Menschen aus Häusern und von Dächern zu retten. Die Heilsarmee verteilt Essen. 2,4 Millionen Menschen in New Jersey sind von der Stromversorgung abgeschnitten. Newark, mit fast 280.000 Einwohnern die größte Stadt des Staates, und Jersey City sind komplett dunkel.

"Sandy" spülte zwei Dutzend Bahnwaggons auf die zentrale Autobahn des Staates. Ein Vergnügungspark in Seaside Park wurde größtenteils ins Meer getrieben, samt einer kompletten Achterbahn. Im Norden New Jerseys sind die Fluten stärker als ein Deich und überschwemmten vier Ortschaften.

Die Wahlkämpfer stecken in einem Dilemma

Obama will die am härtesten betroffenen Regionen in New Jersey am Mittwoch besuchen. Der Präsident werde "die Sturmschäden in Augenschein nehmen, mit Bürgern sprechen" und "den Notfallhelfern danken", erklärt das Weiße Haus am Mittag.

Eine Woche vor dem Termin der US-Präsidentschaftswahl stecken beide Kandidaten - Obama und sein Republikaner-Rivale Mitt Romney - in einem Dilemma. Was ist Wahlkampf, was ist Nothilfe? Die Balance ist schwierig, da kann es leicht zu falschen Bildern und Tönen kommen - wie Obamas Vorgänger George W. Bush nach "Katrina" erleben musste.

Obama macht die Nacht durch, um den Katastrophenschutz vom Lageraum des Weißen Hauses aus zentral zu steuern. In einer Konferenzschaltung unter anderem mit US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano spricht er den 13 betroffenen Gouverneuren und sieben Bürgermeistern Mut zu und bietet ihnen "alle verfügbare Hilfe" der Regierung an.

Obamas Omnipräsenz beeindruckt selbst Gouverneur Chris Christie, einen seiner ärgsten Polit-Gegner. Der hat Obama zuvor immer wieder als "ahnungslos" angegriffen, jetzt aber nennt er sein Verhalten "herausragend". Darauf angesprochen, gibt er wütend zurück: "Wenn Sie denken, dass ich mich jetzt einen Teufel um den Präsidentschaftswahlkampf schere, dann kennen Sie mich schlecht."

Trotzdem geht der Wahlkampf weiter. Beide Kandidaten schalten unverändert TV-Spots. Obama delegiert seine Termine in den Swing States an Vizepräsident Joe Biden und Ex-Präsident Bill Clinton, sein Wahlkampfmanager Jim Messina verschickt schon am Dienstag wieder geharnischte E-Mails gegen Romney.

Auch der steckt in der Klemme: Wahlkampf oder warten? "Wir haben schwere Herzen, wie Sie wissen, mit all dem Leid, das in einem Großteil unseres Landes herrscht", sagt Romney. Dann packt er beim Verladen von Wasserkanistern an - im Swing State Ohio. Auch das ist Wahlkampf.

Mitarbeit: Florian Harms, Roland Nelles, Thomas Schulz

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Die Natur schlägt zurück.
Pfaffenwinkel 30.10.2012
Ich bin gespannt, ob die Amerikaner aus dem Geschehen lernen und künftig mehr für den Klimawandel tun.
2. jetzt kommen wieder die USA hasser !
na!!! 30.10.2012
vielleicht sollten die sich mal zurück halten ! wir deutsche sind nämlich den Amerikaner sehr änlich ! und an ALLE die so ein Quatsch posten von wegen Allah und USA strafen usw. Still sein und erstmal aus der Steinzeit kommen .
3.
Narn 30.10.2012
So what? So viel toller sähe das bei uns auch nicht aus! Klar, über das bisschen Flut lacht Hauke Haien und wegen dieser beknackten oberirdischen Stromkabelage würde bei uns auch kein ganzes Stadtviertel abfackeln, da es diese ja zum Glück kaum noch gibt. Die überregionale Stromversorgung wäre wahrscheinlich trotzdem zusammengebrochen, der Verkehr sowieso.
4.
Bln79 30.10.2012
Zitat von sysopHurrikan "Sandy" offenbart, wie verwundbar die Technik-Supermacht Amerika ist.
Ein solcher Sturm hätte wohl in jeder Region dieser Welt verheerende Schäden angerichtet. Es ist traurig, dass er bis jetzt 39 Opfer gefordert hat. Dennoch muss auch gesagt werden, dass er in anderen Teilen der Welt wohl eher einige Zehnerpotenzen mehr an Opfern gefordert hätte. Man bedenke nur die Opferzahlen, die permanent aus anderen Regionen der Welt gemeldet werden, wenn es dort zu Naturkatastrophen gekommen ist. Eine Achterbahn, die gerade über's Meer treibt und wohl absaufen wird, ist natürlich eine tolle Schlagzeile, aber letztlich auch nur ein Haufen Stahl. Dann ziehen Sie doch dahin! Ich finde es ungeheuerlich, dass solche Aussagen getätigt und auch noch veröffentlicht werden!
5.
Querspass 30.10.2012
Zitat von PfaffenwinkelIch bin gespannt, ob die Amerikaner aus dem Geschehen lernen und künftig mehr für den Klimawandel tun.
Für den Klimawandel?:) Was sollen die Amis denn lernen? Schwimmwesten kaufen? Die Menschheit muß lernen. Zur Not Ovulationshemmener ins Trinkwasser kippen. Im Uferfiltrat des Rheins kann man ihn schon nachweisen.
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Das Rezept des Supersturms

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Wirbelsturm "Sandy": Das Ausmaß der Zerstörung
Twitter zum Hurrikan "Sandy"

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.