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Gesunkenes Filmschiff: Die letzten Stunden der "HMS Bounty"

Er wollte "Sandy" entkommen, doch Kapitän Walbridge geriet mit dem Großsegler "HMS Bounty" in den Sturm - das Boot sank. 14 der 16 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden, nun werden erste Details der dramatischen Stunden bekannt.

Gesunkene "HMS Bounty": Dramatische Rettungsaktion Fotos
AP/ U.S. Coast Guard

Elizabeth City - Sie haben die Suche noch nicht aufgegeben: Noch immer hofft die US-Küstenwache, den Kapitän des Dreimasters "HMS Bounty" zu finden. Am Montag war der Großsegler im Hurrikan "Sandy" gesunken. 14 der 16 Besatzungsmitglieder konnten sich in einer dramatischen Rettungsaktion in Sicherheit bringen. Eine 42-jährige Frau wurde bewusstlos aus dem Wasser geborgen und in eine Klinik geflogen, wo sie später starb. Bei ihr soll es sich um eine Nachfahrin von Fletcher Christian handeln, einem britischen Seemann, der im 18. Jahrhundert Anführer der Meuterei auf der "Bounty" war.

Von Robin Walbridge, Kapitän der "HMS Bounty", fehlt weiter jede Spur. "Alle Mann von Bord", lautete einem Bericht der "Washington Post" zufolge Walbridges Kommando am frühen Montagmorgen gegen 4.30 Uhr. Zu dem Zeitpunkt befand sich der Segler rund 200 Kilometer vor der Küste von North Carolina. Das mächtige, rund 55 Meter lange Schiff war in den Hurrikan "Sandy" geraten, die Bordstromversorgung und die Pumpen waren ausgefallen, die "HMS Bounty" lief voll. Ein Motorschaden hatte den Segler, eine Nachbildung der historischen "Bounty" aus dem 18. Jahrhundert, manövrierunfähig gemacht.

Walbridge hatte gehofft, den Sturm umgehen zu können. Er wolle versuchen, "möglichst schnell voranzukommen", um sich zwischen dem Auge des Sturms und der Küste "durchzuquetschen", hatte er noch am Samstag auf der Facebook-Seite des Segelschiffs geschrieben.

"Eure Gebete werden benötigt"

Die "HMS Bounty" hatte am Donnerstag in Connecticut abgelegt. Ihr Ziel: St. Petersburg, Florida. Elf Männer und fünf Frauen zwischen 20 und 66 Jahren waren an Bord gegangen. Sie ahnten, dass es eine gefährliche Reise werden könnte: "Das wird eine harte Reise für die Bounty", lautete ein Facebook-Eintrag. Aber wohl niemand glaubte, dass es zu einem solchen Drama kommen könnte. "Seid versichert, dass die Bounty sicher und in sehr fähigen Händen ist", hieß es am Samstag auf der Facebook-Seite an die besorgten Unterstützer. Die Reise sei wohlkalkuliert. "Tatsache ist: Ein Schiff ist sicherer auf See als im Hafen!"

Am frühen Montagmorgen war die Lage eine andere: "Eure Gebete werden benötigt", hieß es gegen 3 Uhr auf der Facebook-Seite des Schiffes, das nach seiner Verwendung in mehreren Filmen ("Die Meuterei auf der Bounty", "Fluch der Karibik") für Charter- und Erlebnisfahrten genutzt wurde.

Bereits am Sonntagabend hatte es gegen 21 Uhr einen Notruf gesendet, der Hurrikan "Sandy" und die bis zu sechs Meter hohen Wellen waren offenbar zu stark für das Schiff. Der Schiffseigner, die HMS Bounty Organization, informierte laut "Washington Post" zwei Stunden später die Küstenwache darüber, dass er den Kontakt zur "HMS Bounty" verloren habe.

Eine Lockheed ortete die "HMS Bounty"

Die Küstenwache schickte ein Flugzeug vom Typ Lockheed C-130, um das Schiff zu finden und den Kontakt zur Besatzung wiederherzustellen. Der Pilot entdeckte die "HMS Bounty" gegen Mitternacht rund 140 Kilometer südöstlich von Cape Hatteras, North Carolina.

Die Situation auf dem Schiff spitzte sich zunehmend zu. Um 4.30 Uhr gab Kapitän Walbridge den Alle-Mann-von-Bord-Befehl, zwei Rettungsboote wurden ausgebracht. Dabei wurden drei Besatzungsmitglieder - darunter Kapitän Walbridge - von einer Welle erfasst und stürzten ins Wasser. Einer der drei konnte wieder an Bord gezogen werden.

Inzwischen hatte die Küstenwache zwei Hubschrauber für die Rettungsaktion auf den Weg gebracht. Der erste Hubschrauber erreichte die "HMS Bounty" gegen 4.30 Uhr, der zweite kam 45 Minuten später zu dem in Seenot geratenen Schiff. Mit an Bord der beiden Hubschrauber: jeweils ein Rettungsschwimmer. Sie seilten sich zu den Schiffbrüchigen ab, um sie an Bord der Hubschrauber zu bringen.

Es ging bei der Rettungsaktion auch um Zeit: Eine Stunde, viel länger durfte es dem Zeitungsbericht zufolge nicht dauern, um noch genügend Treibstoff für den Rückflug zur Air Base zu haben. Einer der heikelsten Augenblicke war laut "Washington Post", als eines der Rettungsboote unmittelbar von einer Welle erfasst wurde. Vier Menschen waren zu dem Zeitpunkt noch auf dem Boot. Es gelang ihnen, sich festzuklammern. Dann wurden sie von ihren Rettern in einen der Hubschrauber gebracht. Zwei Stunden brauchten die Hubschrauber für den Rückflug zur Airbase.

Robert Hansen, Besitzer der "HMS Bounty", nahm inzwischen den vermissten Kapitän für dessen Entscheidung, bei den schwierigen Wetterverhältnisse zu segeln, in Schutz: "Ich stelle seine Einschätzung nicht in Frage. Er kennt das Schiff, denn er ist seit mehr als 20 Jahren der Kapitän. Und niemand kennt das Schiff besser als er", zitierte ihn der Rundfunksender ABC.

hen/dpa/dapd

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Gute Seemannschaft
rechtschreibreformreform 30.10.2012
Der Spruch, ein Schiff sei auf See besser als in Landnähe aufgehoben, mag zuweilen zutreffen, besonders allerdings wenn es um die spezielle Situation "Legerwall" geht, sich das Schiff also noch auf See, jedoch in Landnähe befindet. Allein für den Erhalt von Materiellem allerdings und, wenn ich das richtig verstanden habe, gar in Kenntnis der kommenden Wetterlage, die Mannschaft also wissentlich in eine lebensbedrohliche Situation zu führen, obwohl sie sich auf vergleichbar sicherem Trockenen befindet, läßt mich am richtigen Verständnis von "guter Seemannschaft" des Schiffsführers zweifeln. "... Sie ahnten, dass es eine gefährliche Reise werden könnte: "Das wird eine harte Reise für die Bounty", lautete ein Facebook-Eintrag. Aber wohl niemand glaubte, dass es zu einem solchen Drama kommen könnte. "Seid versichert, dass die Bounty sicher und in sehr fähigen Händen ist, hieß es am Samstag auf der Facebook-Seite an die besorgten Unterstützer. Die Reise sei wohlkalkuliert. "Tatsache ist: Ein Schiff ist sicherer auf See als im Hafen!"..." Man weiß nicht die einzelnen Umstände, und bei Berichterstattungen ist ohnehin und leider stets Vorsicht geboten, doch wenn man speziell diesen Absatz liest, kann man nur verständnislos und bedauernd den Kopf schütteln. Mein Mitgefühl den Hinterbliebenen der wahrscheinlich Ertrunkenen.
2. Der Kapitän kannte das Schiff. Aber er kannte nicht Sandy.
lupomir 30.10.2012
Der Kapitän kannte das Schiff. Aber er kannte nicht Sandy.
3.
dr.ponnonner 31.10.2012
Zitat von sysopAPEr wollte "Sandy" entkommen, doch Kapitän Walbridge geriet mit dem Großsegler "HMS Bounty" in den Sturm - das Boot sank. 14 der 16 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden, nun werden erste Details der dramatischen Stunden bekannt. http://www.spiegel.de/panorama/hurrikan-sandy-wie-die-hms-bounty-sank-a-864377.html
Ich habe beide Bounty Filme gesehen. Schade, dass es nun wohl keine Neuverfilmung mehr geben wird. Liutenant William Bligh hatte ja eine Ost-West Umrundung von Cape Hoorn geplant, die nach 30 Tagen aufgeben musste. Die Original Bounty konnte also sehr wohl schweres Wetter ab. Die Wellen um Cape Hoorn werden hoeher als 5 Meter. Vielleicht hat man beim Nachbau etwas geschlampt. War ja nur fuer einen Film.
4. Motorschaden?
widower+2 31.10.2012
Ein Motorschaden macht den Nachbau eines Schiffs, das nie einen Motor hatte, manövrierunfähig? Vielleicht hätten die einen echten Nachbau anfertigen sollen. Käptn Bligh hätte das Schiff in dieser Situation jedenfalls nicht verloren.
5. Elektrische Pumpen
ANDIEFUZZICH 31.10.2012
Zitat von sysopAPEr wollte "Sandy" entkommen, doch Kapitän Walbridge geriet mit dem Großsegler "HMS Bounty" in den Sturm - das Boot sank. 14 der 16 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden, nun werden erste Details der dramatischen Stunden bekannt. http://www.spiegel.de/panorama/hurrikan-sandy-wie-die-hms-bounty-sank-a-864377.html
Seit wann ist denn ein 55m langes Schiff ein mächtiges? Habe ich die Entwicklung verpasst? Allerdings sind 16 Mann zur Bedienung eines solchen Oldtimers recht wenig, wenn die elektrischen Hilfsmittel ausfallen. Die Pumpen sind auch wieder mal ein Thema an anderer Front, angeblich haben nur wenige Zentimeter gefehlt, dass mal wieder unverzichtbare Pumpen ausgefallen wären: Gundersen on Democracy Now Discussing Hurricane Sandy | Fairewinds Energy Education (http://fairewinds.org/content/gundersen-democracy-now-discussing-hurricane-sandy-0)
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