Hygienenotstand Ärzte bestätigen Ausbruch von Cholera

Manche entlegenen Gebiete sind am sechsten Tag der Flutkatastrophe noch immer ohne Hilfe. Erst heute erreichten US-Helikopter die Region, sie verteilen nun Lebensmittel und Medikamente aus der Luft. In einem Flüchtlingslager in Sri Lanka ist inzwischen Cholera ausgebrochen.


Hilfslieferung: Pakete werden über den Krisengebieten abgeworfen
AP

Hilfslieferung: Pakete werden über den Krisengebieten abgeworfen

Galle/Banda Aceh - In einem Auffanglager in der Stadt Galle in Sri Lanka hat ein Arzt vier Fälle der Magen-Darm-Erkrankung Cholera diagnostiziert. Das sagte der Sprecher der Hilfsorganisation World Vision, Sönke Weiss, der Nachrichtenagentur dpa: "Wir befürchten, dass sich Cholera in der Region wie ein Lauffeuer verbreiten wird." In dem Lager mit rund 1500 Menschen sind 300 bis 500 Waisenkinder untergebracht. Galle liegt etwa 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Colombo.

Der amerikanische Flugzeugträger "Abraham Lincoln" ist an der Küste Sumatras eingetroffen. An Bord hat er zwölf Hubschrauber, die nun Hilfsgüter in Gebiete bringen, die bislang komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren.

In Banda Aceh, der Hauptstadt der Katastrophenprovinz Aceh, seien die Menschen auf die Soldaten zugerannt und hätten ihnen die Hilfsgüter "förmlich aus den Händen gerissen", berichtet die ARD-"tagesschau". Vor allem die Kinder litten unter Wasser- und Nahrungsmangel.

Trümmerlandschaft in Sri Lanka: Ärzte fürchten Ausbreitung von Cholera
REUTERS

Trümmerlandschaft in Sri Lanka: Ärzte fürchten Ausbreitung von Cholera

Heftiger Regen und mehrere Nachbeben haben die Lage für die Flutopfer in Asien weiter verschlimmert. In Sri Lanka musste ein Auffanglager mit 2000 Menschen evakuiert werden, in Indonesien erhöhte der Regen die Seuchengefahr. In den Küstenregionen der 13 von der Flutwelle betroffenen Staaten kämpfen schätzungsweise fünf Millionen Menschen seit einer Woche damit, an Lebensmittel oder sauberes Wasser heranzukommen. Die Zahl der Toten und Vermissten kann Uno-Angaben der zufolge bald 150.000 erreichen. Mindestens ein Drittel der Opfer seien Kinder, hieß es.

Weltweit wurde bei den Silvesterfeiern der Opfer gedacht. "Wir trauern, wir weinen und unsere Herzen bluten, wenn wir sehen, wie Tausende von Opfern auf den Straßen liegen", sagte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono in seiner Neujahrsansprache. Die Behörden des Landes rechnen inzwischen damit, dass die Zahl der Toten in den betroffenen Gebieten auf mehr als 100.000 steigt. Derzeit geht das Land von mehr als 80.000 Todesopfern aus und ist damit der mit Abstand am härtesten getroffene Staat.

Sri Lanka hat mehr als 28.500 Tote gemeldet. Indien erhöhte seine Bilanz am Samstag auf mehr als 12.700 Opfer. Thailand rechnet damit, dass etwa die Hälfte der rund 4800 Toten im Land Touristen aus dem Ausland sind. Insgesamt sind bislang 126.893 Todesopfer offiziell bestätigt.

Mehr als 7000 Ausländer sind unter den zahllosen Vermissten, die meisten von ihnen stammen aus Europa. Aus Deutschland werden dem Auswärtigen Amt zufolge deutlich mehr als tausend Menschen vermisst.

"Tragödie jenseits unserer Vorstellungskraft"

Luftaufnahme aus einem Helikopter von der verwüsteten Provinz Aceh: Hilfe aus der Luft
AP

Luftaufnahme aus einem Helikopter von der verwüsteten Provinz Aceh: Hilfe aus der Luft

"Das Ausmaß der menschlichen Tragödie in Südasien übersteigt unsere Vorstellungskraft", sagte Thomas Tighe, Chef einer großen US-Hilfsorganisation. "Die Zahlen auf den Opferlisten stehen für einzelne Menschen, jeder ist Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester, Mutter oder Vater oder ein Freund gewesen." Mehrere Regierungen rieten den Angehörigen davon ab, ihre Verwandten und Freunde auf eigene Faust in den Krisenregionen zu suchen. "Man kann die Leichen nicht mehr erkennen", warnte die thailändische Polizei. Das Land richtete eine Internetseite ein, auf der alle vorhandenen Daten zu den gefundenen Toten und Verletzten veröffentlicht und für eine internationale Suche zur Verfügung gestellt werden sollen.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan rief die Welt zu einem Großeinsatz zur Versorgung der betroffenen Gebiete auf. Die USA verzehnfachten ihre Hilfszusagen auf 350 Millionen Dollar. Japan sagte 500 Millionen Dollar zu. Benzinmangel, zerstörte Straßen und Brücken hinderten die Hilfskräfte jedoch in vielen Regionen weiter daran, die an Flughäfen und Häfen gestapelten Hilfsgüter zu den Bedürftigen zu bringen. Für die Flüchtlinge in einem Lager in Banda Aceh auf Sumatra begann das neue Jahr jedoch mit einem Hoffnungsschimmer: Den Rettungskräften gelang es, die überfüllte Moschee-Anlage reichlich mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen.



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