II. Ratzinger geht nach Rom Ranke-Heinemann fliegt raus

Von Alexander Schwabe


Ratzinger lehrte in den Jahren 1959 bis 1977 an den Universitäten Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Von 1962 bis 65 nahm er als Theologe am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Als Berater und Redenschreiber des Kölner Kardinals Joseph Frings zeigte sich der junge Gelehrte fortschrittlich und reformfreudig. Frings war es auch, der Ranke-Heinemanns akademische Laufbahn förderte - "obwohl ich das falsche Geschlecht hatte".

Ranke-Heinemanns und Ratzingers Wege trennten sich. Man nahm sich noch akademisch wahr, indem man die Veröffentlichungen des anderen las. "Für mich war Ratzinger noch immer ein großer, fortschrittlicher Theologe", sagt Ranke-Heinemann über die akademischen Jahre Ratzingers: "Er war nicht so langweilig - denn er dachte!" Doch die Karrieren der Seelenverwandten, die sich ob ihrer Intelligenz auf der Studierbank geschätzt hatten, entwickelten sich ganz gegenteilig: Ratzinger wurde zum Hüter des rechten Glaubens - und zum Stellvertreter Christi auf Erden, Ranke-Heinemann zur Ketzerin.

Am 15. Juni 1987 wurde ihr von Bischof Franz Hengsbach die Lehrbefugnis entzogen. In einer Fernsehsendung hatte sie gesagt: "Viele Juden sind umgebracht worden, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten, und ich kann das auch nicht." Von ihrer Absetzung - Exkommunikation inbegriffen -, sagt sie, habe sie nur im Radio gehört, "schriftlich bekam ich das nie".

Da sie dabei war, ihren Lehrstuhl "wegen der Primitivtheologie deutscher Bischöfe" zu verlieren, hatte sich Ranke-Heinemann bereits am 14. Juni an Ratzinger in Rom gewandt, den Präfekten der Glaubenskongregation. Sie berief sich auf eine Passage aus dem Ratzinger-Klassiker "Einführung in das Christentum": "Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; kein Vorgang in der Zeit, sondern in Gottes Ewigkeit."

Ratzinger antwortet seiner alten Studienfreundin in einem Brief vom 30. Juli 1987. Sie sehe nicht "das Ganze meiner Position", Ratzinger verwies auf andere Stellen seines theologischen Schaffens. Sein Antwortschreiben endet: "Ich respektiere eines jeden Menschen Überzeugung und so auch Ihren Weg, aber ich denke, es sollte auch Ihnen nicht schwerfallen, anzuerkennen, dass Sie mit Ihrer Position nicht 'im Namen der Kirche' sprechen, es weder können noch wollen."

Trotz ihrer Enttäuschung über den Brief, bewahrte sie, so Ranke-Heinemann, die "gute Erinnerung an ihn aus unserer gemeinsamen Zeit in München, wo wir so einträchtig nebeneinandersitzend unsere Thesen aus den jeweiligen Doktorarbeiten ins Lateinische übersetzten". Ranke-Heinemann war geneigt, zu seiner Ehrenrettung, wie sie es sah, Ursachen für die strenge Haltung des Glaubenswächters zu vermuten, die nicht allein in ihm zu suchen wären: "Ich dachte, er leidet jetzt unter Johannes Paul II. (über den ich mich 26 Jahre ärgerte). Also war ich ihm nicht böse, und auch danach haben wir noch freundlich korrespondiert.

Sie selbst jedoch entwickelte sich von der kirchlichen Lehre immer weiter weg. "Ich fragte mich zunehmend, wo ist eigentlich der Unterschied zum Aberglauben?" Ihr Buch "Nein und Amen" hat den Untertitel: "Mein Abschied vom traditionellen Christentum".

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