Imageprojekt Love Parade Party um jeden Preis

Die Love Parade sollte junge Leute ins Revier locken und Geld in die Kassen der klammen Kommunen spülen. 2009 aber sagte Bochum die Massenparty wegen Sicherheitsbedenken ab, der Druck auf Duisburg wuchs. Geschichte einer Veranstaltung, die das Image polieren sollte - und im Fiasko endete.

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REUTERS

Hamburg - Der Druck war groß, denn das Ziel war es auch: Dem Ruhrgebiet, Heimat der Malocher, Steiger, Zechen, der Autobahnen und der Schwerindustrie, wollte man einen neuen Anstrich verpassen. Und auf einmal prägten Dampfplauderer den neuen Sprech des Ruhrgebiets. "Hömma" war gestern, nun ging es ums Image, um Prestige, ums Wohlfühlen, um Lebensqualität.

"Hier wird neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur", lautet der Slogan von Ruhr.2010, dem Projekt, das mit Essen als sogenanntem Bannerträger 53 Städte und Kommunen des Ruhrgebiets mit ihren rund 5,3 Millionen Einwohnern zur Kulturhauptstadt Europas verschmelzen lässt.

Man will Geschlossenheit demonstrieren, sich als Metropole mit Deutschlands drei Großstädten messen. Als die Veranstalter der Love Parade 2007 nach einer neuen Heimat für die Feierfreudigen suchen, ist das Interesse der Städte aus dem Pott groß. Hanns-Ludwig Brauser, damals Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr, wirbt für das Revier als Veranstaltungsort.

"Man wollte mit Städten wie Berlin mithalten", sagt Ottilie Scholz, Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum SPIEGEL ONLINE. Sie hat den Prozess begleitet. "Von der Love Parade haben wir uns positive Bilder erhofft", sagt Ruhr.2010-Sprecher Marc Oliver Hänig. Er benutzt Wörter wie "Standortstärkung" und "Image-Gewinn".

Die Ruhrgebietsstädte schlossen eine Kooperationsvereinbarung mit Veranstalter Lopavent, die festlegte, in welchen NRW-Städten wann die Bässe wummern sollten: Den Start machte Essen 2007 mit 1,2 Millionen Besuchern, 2008 folgte Dortmund, 1,6 Millionen tanzten dort auf der Bundesstraße 1, 2009 war Bochum vorgesehen, 2010 Duisburg, 2011 Gelsenkirchen.

Der Tenor: "Geht nicht, gibt's nicht"

Doch nach Bochum kam niemand. Die Love Parade wurde kurzfristig abgesagt, die Sicherheitsbedenken waren zu groß. Bürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) musste sich daraufhin heftige Kritik gefallen lassen: Bochum sei provinziell, warf man ihr vor, die Absage "peinlich", in Bochum seien "nur Deppen am Werk", höhnte die CDU-Opposition, die Absage eine einzige "Blamage fürs Ruhrgebiet", polterte Soziologe und Techno-Forscher Ronald Hitzler.

"Geht nicht, gibt's nicht", schrieb ein Kommentator der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

Die Debatte vor dem Chaos
Schon vor der Katastrophe gab es auf DerWesten.de warnende Stimmen - die Verantwortlichen für die Love Parade müssen sich kritische Fragen gefallen lassen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Debatte. Klicken Sie auf die Daten...
"Janinschwein": "Die Leute wie Vieh einpferchen und dann zu sagen, es solle die Massen entzerren ist ja wohl echt ein Witz!! Nein, wirklich sehr, sehr schade, hätte gut werden können, aber sowas... da bleib ich zu Hause! Tottrampeln lassen wollte ich mich eigentlich nicht!"

"Kay": "Sehr warscheinlich werden ein paar Bauzäune an die Gleise gestellt, und gut ist. Ich bin Lokführer, daher habe ich da einige Sicherheitsbedenken. Naja, man wird sehen wie gut die Stadt Duisburg vorbereitet ist und wie gut die 'Parade' wirklich wird oder war!"

"traveldevil": "Da war jemand bei der Planung besonders pfiffig: Alles auf einen Fleck, das entspannt die Lage in keinster Weise. Die Leute werden von allen Seiten strömen. Und dann noch das Problem mit den Schiene und der A59. Ich sehe für dieses Event mehr als schwarz. Das wird katastrophal!"

"ein Anwohner": "Oh Mann! Anstatt die Rettungswege hintenraus freizumachen und die Raver direkt auf das Gelände zu führen... da provoziert die Verwaltung Zwischenfälle. Es ist nicht zu fassen. Der Gewaltmarsch in Dortmund war schon ätzend."

"Klappschramme": "Bei einer Panik hat man zu beiden Seiten meterhohe Betonwände - absolut ungeeignet."
"klotsche": "Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige Tunnelstraße Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also, in meinen Augen ist das eine Falle. Das kann doch nie und nimmer gut gehen. Wer in Essen und Dortmund dabei war, weiß, wie groß das Gedränge schon auf recht weitläufigen Zugangswegen war. Das war schon eine Katastrophe und die wollen ernsthaft den Zugang über nen einspurigen Tunnel leiten? Ich fasse es nicht! Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen."
"voltage": "Das Schlimme an dieser Geschichte ist doch, dass man anschließend diese organisatorischen Vollidioten noch nicht mal zur Verantwortung wird ziehen können. Was die da machen, ist höchstgradig kriminell. Was ist denn, wenn zu dem Chaos noch Panik kommt, was ist dann? Panik heißt Flucht, und Flucht heißt Ausdehnung. Wohin soll sich diese Masse an Menschen ausdehnen, wenn was schief geht, und Panik ausbricht?"

"computerprinzessin": "Ich wünsche den Mitwirkenden gutes Gelingen! Ich selbst tue mir das nicht an."
"tron": "Es gibt nur einen Zugang zum Gelände, und der ist unter einer langen Brücke. Was passiert, wenn hier Panik ausbricht?"
"Lover__P": "Ich bin kein Nörgler, eigentlich, aber was sich Veranstalter und Stadt hier erlauben, ist eine gefährliche Frechheit. Eine Örtlichkeit zur Verfügung zu stellen, die maximal 350.000 Leute aufnehmen kann, obwohl man ahnt, dass etwa 800.000 Leute kommen werden, wird die Stimmung kippen lassen. Man stelle sich bitte 400.000 Menschen vor, die rund um den Gelben Bogen vergeblich Einlass begehren. Wahnsinn. Die Verletzungen auf dem Gelände selbst werden in die Tausende gehen, und die Floats werden gar nicht fahren! Nun denn, Love Parade war für mich immer ein Stück Freiheit, aber 350.000 Menschen auf gefährlichem Schotter eingzeäunt und zusätzlich Absprerrungen, Gängelei durch die Polizei und maßloses Unterschätzen der Gefahren - das ist nicht Freiheit, sondern Dummheit. Am Sonntag wissen wir mehr und ich hoffe, die Besucher kommen mit einem 'blauen Auge' davon. Die kleinste Panik und der Mob eskaliert. Wetten?"

"Duisburger": "Es wird das größte Chaos geben. Die Stadt wäre besser beraten gewesen, die Loveparade abzusagen. Dann wäre ein paar Tage negative Presse über Duisburg in den Nachrichten zu hören, aber über diese Love Parade wird man noch lange reden - leider nur in negativer Form."
Die Frau, die damals die Entscheidung traf, hat nun, Tage nach der Katastrophe von Duisburg, Sorge, zur Heldin wider Willen zu werden. Es ist ihr wichtig zu betonen, dass die Situation in Bochum anders gelagert gewesen sei als in Duisburg.

Nicht zuletzt ist sie anders, weil man sich in ihrer Stadt gegen die Ausrichtung der Veranstaltung entschied - während man sie in Duisburg mit einem kurzfristig entwickelten Sicherheitskonzept durchboxte.

Doch die beiden Städte verbindet mehr, als man im Bochumer Rathaus wahrhaben will. Denn die Absage 2009 führte dazu, dass der Druck auf Duisburg immens wuchs.

Bürgermeisterin Scholz ist eine resolute Frau, sie weiß, dass alles, was sie nun über ihre Entscheidungen von damals sagt, dazu taugt, Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in Duisburg zu konstruieren. Deshalb gibt sie sich bedeckt. "Das ist erst im Rückblick eine weise Entscheidung. Sie taugt nicht dazu, jetzt den Zeigefinger zu erheben und zu sagen 'Ich hab's doch gewusst.'"

Die Politikerin spricht offen darüber, dass es für die Verantwortlichen der Stadt ein schmaler Grat sei: Drückt man bei der Planung ein Auge zu? Wie strikt hält man sich an die Regeln? Es gab Berechnungen: Wie viele Menschen passen auf einen Quadratmeter, wie viele Feiernde erträgt Bochum? Bald war klar: Es würden zu viele sein für die eng bebaute Stadt. "Auch ich habe damals gedacht, wir müssen alles tun, damit wir die Love Parade haben können", sagt Scholz SPIEGEL ONLINE. "Aber in den Gesprächen mit Polizei, Feuerwehr und der Bahn wurde deutlich, dass wir das nicht hinkriegen können. Selbst wenn wir die Zahl der Besucher runtergerechnet hätten. Die Leute hätten nicht alle in die Stadt gepasst. Punkt."

"Wenn etwas passiert wäre, hätte ich dafür geradestehen müssen"

Die Kritik kam umgehend und vor allem kam sie von allen Seiten: Die Verantwortlichen für die Ruhr.2010 wollten das Prestigeprojekt Love Parade nicht untergehen lassen, die Wirtschaftsförderung hatte Sorge: "Wenn nämlich Bochum für die Love Parade zu klein ist, dann sind eigentlich auch Duisburg und Gelsenkirchen als Veranstaltungsorte gestorben."

Doch Scholz war immun gegen die Kritik. "Das war mir völlig egal", sagt sie heute, nachdem ihre Entscheidung nicht länger als Diletantismus kritisiert, sondern angesichts der Tragödie von Duisburg als Standfestigkeit gefeiert wird. "Wenn etwas passiert wäre, dann hätten nicht die geradestehen müssen, sondern ich hätte es zu verantworten gehabt." Deshalb habe sie mit dem Vorwurf, ein Spielverderber zu sein, leben können.

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach
Es ist die Kehrseite der Metropole Ruhr, die so viele heterogene Städte miteinander vereinen will: Wenn alles gut geht, dann profitiert die gesamte Region - wie zuletzt beim Still-Leben Ruhrschnellweg auf der A 40. Wenn aber etwas schief geht, dann liegt die Schuld beim Einzelnen. Es ist genau diese Frage nach der Verantwortlichkeit, an der die Beteiligten in Duisburg bei der Pressekonferenz scheiterten.

Der damalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner rechtfertigte die Absage 2009 in einem offenen Brief. Er schrieb: "Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften?"

Genutzt hat das Schreiben mit dem Titel "Es reicht" wenig. Der Druck auf Duisburg stieg nach der Bochumer Absage. Eine weitere hätte vermutlich das Aus der Love Parade im Ruhrgebiet bedeutet. 2010 war das Fest zudem fester Bestandteil des Ruhr.2010-Programms. Die Love Parade war ein Prestigeprojekt, sie musste stattfinden.

Da Bochum patzt, muss Duisburg es richten

Der damalige Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) sagte im Januar 2009, die Love Parade sei für das Image der Region so entscheidend, weil durch sie viele junge Menschen aus ganz Deutschland und Europa direkt erfahren könnten, dass das Ruhrgebiet nicht nur aus Kohle und Stahl bestehe, sondern eine "frische, dynamische, bunte und leistungsfähige Region sei".

All dies musste Duisburg nun unter Beweis stellen. Die Landespolitik saß der klammen Stadt im Nacken. Als im Herbst 2008 in den Sitzungen der Fachleute ein Polizeivertreter Zweifel anmeldete, ob Duisburg überhaupt ein geeignetes Gelände besitze, schaltete sich der damalige Duisburger CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg ein. Er drängte Anfang Februar in einem Brief an den damaligen FDP-Innenminister Ingo Wolf sogar auf eine Ablösung des Polizeipräsidenten.

NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sagte, nachdem die Absage Bochums bekannt geworden war: "Oh Gott, das ist aber schade - und nicht gut für das Image des Ruhrgebiets. Ich hoffe nicht, dass nun auch noch die Love Parade 2010 ausfällt - zumindest die muss jetzt stattfinden."

Zeugen im Wortlaut
Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...
Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Wir standen mittendrin. Es hatten immer mehr Menschen noch versucht, zum Gelände zu kommen. (...) Wir waren schon durch den Tunnel durch und standen auf dem kurzen Stück vor dem Eingang. Dort ging es aber nicht weiter." Einige seien über Zäune und über eine Leiter geklettert oder über eine enge Treppe am Tunnelende. "Wir sind danach durch den Tunnel zurück. Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen. (...) Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird." Passiert sei erst einmal nichts. "Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück gewesen. Da waren aber schon Leute reihenweise zusammengeklappt."
Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"
n-tv-Kameramann und Augenzeuge: "Da lagen schon einige Menschen am Boden, andere kletterten die Wände hoch und versuchten, über die Seiten auf das Gelände zu kommen. Und die Menschenmenge, die nachrückte, die liefen einfach über die am Boden liegenden drüber. Also eine richtige Massenpanik. (...) Die Polizei hat versucht, hineinzugehen in die Menge und die am Boden liegenden Menschen herauszuziehen. Es war aber zu voll, die Polizei hat die Menschen nicht herausbekommen, es war nichts zu machen. (...) Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor." Die Veranstalter seien vermutlich nicht richtig auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen. "Das war programmiertes Chaos." Zunächst seien keine Rettungskräfte dort gewesen: "Hilfskräfte waren erst mal gar nicht vorhanden, vielleicht drei, vier vom Malteser Hilfsdienst. Die konnten aber in der Masse der Menschen auch nichts machen. Man kann nicht mit einer Million Menschen planen und dann ein Gelände für 350.000 Menschen bereitstellen."
Dustin, 17: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP: "Alle wollten noch auf das Gelände. Damit es schneller geht, sind einige auf die Treppe ausgewichen." Diese führt von der Unterführung direkt zum Güterbahnhof, doch "von hinten drückten immer mehr nach". Es habe 40 Minuten nur Panik gegeben, erst dann habe eine Rettungsgasse gebildet werden können. Für viele kam die Hilfe zu spät. Dustin: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben." Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen und sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können. "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise seien fünf bis sechs Personen übereinandergeschoben worden. Schließlich hätten ihn Rettungssanitäter herausgezogen. Es sei so eng gewesen, dass seine Schuhe zwischen den Menschen steckenblieben: "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."
TV-Augenzeuge: "Dann sind wir alle umgefallen"
Mann im WDR-Interview: "Es hat sich alles wie in einem Hexenkessel gestaut. Es kamen immer weiter Leute von hinten. Und irgendwann fangen die Leute dann an, umzukippen. Ein paar sind die Treppe hochgegangen, ein paar den Mast hochgeklettert." Gemeint sind eine Nottreppe und ein Lautsprechergerüst, die von unten auf das Gelände führen. "Ich hab nur gesehen, dass ich mit meiner Freundin oben bleibe, weil ich wusste: Wenn ich einmal am Boden liege, dann werden die Leute über uns drübertrampeln. Dann sind wir alle umgefallen, ich halb mit runter, meine Beine waren beide eingequetscht." Zum Glück habe ihm jemand hochgeholfen, "dann sind wir wie durch Glück aus der Masse rausgetrieben worden. (...) Dann hab ich allen gesagt: Geht wieder zurück, die Leute sterben da vorne." Als er die Polizisten gewarnt habe, habe er gehört: "Willst Du das hier organisieren?" Jetzt bewege er sich von seinem sicheren Ort nicht weg, sitze da, eine halbe Stunde, eine Stunde, vielleicht länger, und wolle nicht mehr weitergehen. Er fürchte, dass so etwas wieder passiere.
Achmed, 17: "Brutal nach vorne gedrückt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Als die Polizei das Gelände abriegeln wollte, wurden wir brutal nach vorne gedrückt, die Leute vorne bekamen keine Luft mehr." Die Stimmung sei zunächst gar nicht aggressiv gewesen. "Die wollten doch alle nur Spaß. (...) Dann haben alle geweint, ich habe geweint. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Mensch gestorben ist."
Mario, Stefan, Rebecca: "Direkt niedergetrampelt"
Stimmen auf dem Internet-Portal DerWesten - Mario: "Es waren Tausende Menschen im Tunnel. Viel zu viele auf jeden Fall. Die Leute sind reihenweise umgefallen. Und die Polizei hat von beiden Seiten immer mehr Leute in den Tunnel geschickt". Stefan: "Wer umgefallen ist, wurde direkt niedergetrampelt." Die Sanitäter seien erst nicht durchgekommen. Rebecca: "Dann ist ein Rettungswagen durch die Menge gefahren, aber dadurch wurden alle noch mehr zusammengedrängt. Alle waren total hysterisch."
"Gabi", 43: "Die einen wollten rein, die anderen raus"
Forumseintrag auf einslive.de: "Wir sind etwa eine halbe Stunde vor der Panik durch diesen Tunnel gelaufen. Es war tierisch voll. Die einen wollten rein, die anderen raus. Also Gegenverkehr und großes Geschubse. Das war das große Problem. Die Polizei stand dabei und hat nur geschaut. (...) Nun, es hört sich jetzt vielleicht klugscheißerisch an, aber irgendwie konnte man es doch vorhersehen. Nur ein Eingang zum Gelände. Und es passten nicht alle drauf, die auch gerne wollten."
"Ronja", 17: "Uns kamen tausend entgegen"
Forumseintrag auf einslive.de: "Ich war in dem Tunnel. Plötzlich kam eine Frau zu uns und sagte wir sollen gehen, vorne fingen Massenschlägereien an. Die Menschen wurden über Traversen auf die Brücke geschleust, über Container hochgeschoben, bevor alles passiert ist. (...) Uns kamen auf den Rückweg noch mindestens tausend Menschen entgegen. Warum haben die Veranstalter nur einen Eingang gehabt?"
Dieter Gorny, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt, bezeichnete die Absage aus Bochum als "Menetekel für die gesamte Kulturhauptstadt", sie "konfrontiert uns mit allem, was wir schon glaubten, überwunden zu haben: Kleinstadtdenken, Provinzialität, das ganze zähe Grau des alten Ruhrgebiets." Der Geschäftsführer der Wirtschaftförderung erklärte, er hoffe, dass die Love Parade der Region erhalten bleibe.

Es wurde klar: Wenn Bochum patzt, muss Duisburg es richten. Eine Absage ist ein Ärgernis, zwei Patzer gleichen einem Scheitern. Eine Panne ist individualisierbar, zwei Pannen deuten darauf hin, dass das System krankt. Doch das System war das Image und das galt es zu vermarkten.

Von den Verantwortlichen ist heute niemand mehr im Amt: Die schwarz-gelbe Regierung wurde abgewählt, der damalige Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung ist im März verstorben, in der dortigen Pressestelle gibt man sich sehr bedeckt. Man habe vermutet, dass die Love Parade wichtige Impulse für die Region geben würde, man habe gedacht, die Veranstaltung sei für das Ruhrgebiet wichtig und von Vorteil, man habe nur Gutes mit der Veranstaltung verbunden.

Beim Stadtmarketing in Duisburg heißt es nach dieser Katastrophe zurückhaltend, die Loveparade sei "ein Fest von großer Bedeutung" gewesen. In den vergangenen Monaten klang das überzeugter: Man sammelte Spenden, als Anfang des Jahres die Finanzierung schwankte. Marketing-Chef Gerste sagte damals: "Duisburg will die Love Parade in Duisburg!"

Auch zwei Tage nach der Katastrophe hält man am Slogan fest. Der soll für ein positives Image sorgen, irgendwie für ein gutes Klima. Aber nun, da 19 Menschen gestorben und mehr als 500 Besucher der Love Parade verletzt worden sind, klingt er wie Hohn: "Duisburg is the place, where things really happen."

Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
insgesamt 6342 Beiträge
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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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