Bürgerengagement in Spanien: Dienst am Dorf

Von Angelika Stucke, Higuera de la Serena

Auf den ersten Blick ist Higuera de la Serena ein Dorf wie viele in Spanien: Die Schulden sind hoch, in der Vergangenheit wurde Geld, das eigentlich gar nicht vorhanden war, in letztlich nutzlose Bauprojekte gesteckt. Doch die Einwohner zeigen, was mit dem Wort Gemeinsinn gemeint ist.

Spanien: Ein Dorf voller Freiwilliger Fotos
Angelika Stucke

Sonntag früh, 10 Uhr, die kleine Kneipe gleich neben dem Rathaus von Higuera de la Serena in Extremadura hat bereits geöffnet. Dickflüssige Schokolade und heißer Kaffee werden ausgeschenkt. Im Schatten des Kirchturms steht ein Mann, der auf einem kleinen Handwagen Churros in siedendem Öl ausbackt, Spritzgebäck, das in Schokolade gestippt genossen wird.

Ein willkommenes Frühstück für all diejenigen, die sich hier versammelt haben: Etwa 40 Freiwillige rufen durcheinander, erzählen, lachen. Sie sind gekommen, um zu ihrem wöchentlichen Dienst am Dorf auszuziehen.

Jeden Sonntag treffen sie sich auf dem Platz zwischen Rathaus und Kirche, um von hier gemeinsam an die Arbeit zu gehen. Sie legen Wege an, säubern Straßen, bauen Brunnen, pflanzen Bäume, was eben gerade so ansteht in ihrem Heimatort Higuera. Geld dafür erwarten sie nicht.

"Das hätte die Gemeinde auch gar nicht", gibt Manuel Garcia unumwunden zu. Garcia ist Maurer und ehrenamtlicher Bürgermeister der knapp 1300 Seelen zählenden Ortschaft. "Wir haben Schulden, die sind fast so hoch wie unser Jahresetat", sagt er. Mit 800.000 Euro steht das Dorf in der Kreide.

Ganz Spanien ist klamm, der Staat gibt mehr für die Begleichung von Zinsen aus als für die Arbeitslosenhilfe. Ministerpräsident Mariano Rajoy will in den kommenden Jahren kräftig sparen, die Ausgaben für Infrastruktur-Projekte beispielsweise sollen um mehr als 20 Prozent gesenkt werden.

Das ist die staatliche Ebene, abstrakte Zahlen, die für die Menschen zwar irgendwann spürbar werden, doch unmittelbar betrifft es sie, wenn ihre Gemeinde ihr Lebensumfeld nicht mehr in Schuss halten kann.

Garcia steht mitten unter den freiwilligen Helfern und plant den heutigen Tagesablauf. Ein paar Männer konnten es nicht erwarten und sind bereits mit Spitzhacken und Schaufeln losgezogen, um in der Nähe des Dorfes eine Quelle freizulegen. Ein Brunnen soll gebaut und der dahin führende Weg angelegt werden. Schnell sind alle Aufgaben verteilt, und auch für den Rest der Freiwilligen geht es endlich los. Männer, Frauen, Kinder - sie alle ziehen ins Gelände, um ihren Teil zum Gemeinwohl beizutragen.

"Das macht Schule"

Was ist in Higuera geschehen, woher kam der Ruck? "Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht", sagt Bürgermeister Garcia. Die Initiative sei von den Bürgern selbst ausgegangen. "Bevor wir mit der Freiwilligenarbeit angefangen haben, wuchs uns das Gras auf den Bürgersteigen bis an die Knie. Wenn sich ein Bürger beschwerte, mussten wir immer das Gleiche antworten: Wir haben leider kein Geld, um jemand dafür zu bezahlen, die Gehwege in Ordnung zu halten."

Bis eines Tages ein arbeitsloser Maurer einfach begann, Unkraut zu jäten. "Das machte Schule."

Bevor sich auch Garcia dem Trupp der sonntäglichen Helfer anschließt, fährt er mit seinem Geländewagen noch bei sich zu Hause vorbei, um einen Tank mit Wasser zu befüllen und dann die vor kurzem gepflanzten Bäume am Sportplatz zu gießen. Tagsüber ist es heiß in der Extremadura im Südwesten Spaniens, auch im Frühling, und die jungen Pflanzen brauchen dringend Wasser.

Hinter dem Sportplatz liegt die Badeanstalt, an deren Ostflügel eine große Bauruine lehnt. "Da sollte eigentlich ein Restaurant eröffnet werden, aber die Gemeinde hatte sich mit den Kosten übernommen, jetzt verfällt die Baustelle langsam", berichtet der Bürgermeister, der erst seit den Wahlen im vergangenen Mai in Amt und Würden ist. Auch andere Großprojekte zeugen von der grenzenlosen Planlosigkeit seiner Vorgänger.

Zwei Millionen Euro für ein Altenheim, das nie eröffnet wurde

"Wir haben hier jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt", kommentiert Manuel Tamayo. Er ist Manuel Garcias rechte Hand und ehrenamtlicher stellvertretender Bürgermeister. Ihn schmerzt vor allem das Großprojekt eines Altenheims am nördlichen Ortsausgang. Fast zwei Millionen Euro hat der Bau des Heimes im Laufe der Jahre verschlungen, nun darf es wegen gravierender Baufehler nicht eröffnet werden.

"Eigentlich hatten wir im März Einweihung feiern wollen", sagt Manuel Tamayo. Traurig läuft er durch das Gebäude. "Hier ist alles fertig, guckt nur: Möbel, Geschirr, sogar Topfpflanzen sind gekauft, aber wir dürfen das Wohnheim nicht eröffnen, weil beim Bau geschlampt wurde."

Er geht ein paar Schritte weiter und tippt mit dem Zeigefinger auf einen Gebäudeplan. "Seht, hier, genau an dieser Stelle steht Notausgang. Hier müsste also eine Tür sein." Er deutet auf ein schmales Fenster neben dem an der Wand hängenden Plan, durch das eventuell eine Katze aus dem Haus klettern könnte, aber kein Mensch und schon gar kein pflegebedürftiger Greis.

"Die Jugend nimmt sich ein Beispiel"

Im verstrüppten öffentlichen Weideland gönnt sich Dorfpolizist Diego eine kleine Verschnaufpause vom Umgraben. "Ich mache hier mit, um der Jugend ein Vorbild zu geben", erklärt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Alle Amtsträger sollten das tun." "Richtig", findet Juan, ein arbeitsloser Maurer. "Man merkt jetzt bereits, dass die Jugend sich ein Beispiel nimmt. Guck doch nur mal: Sogar die Kleinsten fassen mit an." Tatsächlich tragen gerade zwei Kinder einen halb mit Schlamm gefüllten Eimer weg. Der Stolz steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

"Irgendwie fühlen sich jetzt alle verantwortlich, und das ist gut. Zum Beispiel wirft niemand mehr Kippen auf die Straße, seit wir die selber reinigen", findet ein dritter Helfer, Antonio, der sich nun schweratmend ebenfalls eine Pause gönnt. "Wenn man mir solch eine Plackerei zum Geldverdienen anbieten würde, würde ich sie wahrscheinlich gar nicht machen wollen", sagt er grinsend.

Um 14 Uhr hat die Plackerei ein Ende, und es wird zum Mittagessen geläutet. Freiwillige haben Lebensmittel gespendet, andere haben bei der Zubereitung geholfen. Es gibt Schinken, Käse, Lammeintopf und jede Menge Süßes zum Nachtisch. Beim gemeinschaftlichen Schmaus wird die Arbeit für den nächsten Sonntag festegelegt.

Die Menschen aus Higuera de la Serena blicken zuversichtlich in die Zukunft. Trotz ihres Schuldenberges. "Irgendwie werden wir das auch schaffen", meint Manuel Garcia optimistisch.

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1.
Babs50+ 12.04.2012
Zitat von sysopAuf den ersten Blick ist Higuera de la Serena ein Dorf wie viele in Spanien: Die Schulden sind hoch, in der Vergangenheit wurde Geld in letztlich nutzlose Bauprojekte gesteckt, das eigentlich gar nicht vorhanden war. Doch die Einwohner zeigen, was mit dem Wort Gemeinsinn gemeint ist. Bürgerengagement in Spanien: Dienst am Dorf - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,826035,00.html)
Tolle Sache !! Konsequenz: Beamtentum und Regierungswurmfortsatz in der Gemeinde wird überflüssig und zum Teufel gejagt. Der Bürgermeister dient nur noch als Kommunikationszentrale. Und über kurz oder lang gibts Autonomie von der Bundesregierung. Da würde ich auch begeistert mitschuften, denn so sollte Demokratie aussehen.
2. Liest sich wie meine regionale Zeitung
ditor 12.04.2012
Zitat von sysopAuf den ersten Blick ist Higuera de la Serena ein Dorf wie viele in Spanien: Die Schulden sind hoch, in der Vergangenheit wurde Geld in letztlich nutzlose Bauprojekte gesteckt, das eigentlich gar nicht vorhanden war. Doch die Einwohner zeigen, was mit dem Wort Gemeinsinn gemeint ist.
Das liest sich fast wie eine deutsche Regionalzeitung. Da geht auf dem Dorf ebenso eine Menge, während in der Stadt Geld verbrannt wird. Sei es ein Gemeindehaus zu erstellen,einen Platz neu zu pflastern, Leerrohre für Internetanschlüsse zu vergraben, Fernwäremenetz zur Biogasanlage in Eigenregie aufzuziehen, Bürgerradweg anlegen, Baumanpflanzungen, alte Bachläufe oder Waschplätze als Rastplatz wiederherzustellen,... Vom regelmäßigen Reinigen der Feldflur gar nicht zu reden.
3. ....
washington.mayfair 12.04.2012
Zitat von ditorDas liest sich fast wie eine deutsche Regionalzeitung. Da geht auf dem Dorf ebenso eine Menge, während in der Stadt Geld verbrannt wird. Sei es ein Gemeindehaus zu erstellen,einen Platz neu zu pflastern, Leerrohre für Internetanschlüsse zu vergraben, Fernwäremenetz zur Biogasanlage in Eigenregie aufzuziehen, Bürgerradweg anlegen, Baumanpflanzungen, alte Bachläufe oder Waschplätze als Rastplatz wiederherzustellen,... Vom regelmäßigen Reinigen der Feldflur gar nicht zu reden.
Und jeder wird wirklich gebraucht. Das motiviert ungemein. Und das ist der Unterschied zum modernen Leben, in dem sehr sehr viele eigentlich überflüssig sind. In fast jedem Beruf sind es Massen, die um die Jobs kämpfen. Auch Akademiker. Aber in der eigenen Gemeinde, wo man zu hause ist, wo man bekannt ist, da hilft man gerne. Und das tut allen gut.
4.
Stäffelesrutscher 12.04.2012
Zitat von Babs50+Tolle Sache !! Konsequenz: Beamtentum und Regierungswurmfortsatz in der Gemeinde wird überflüssig und zum Teufel gejagt. Der Bürgermeister dient nur noch als Kommunikationszentrale. Und über kurz oder lang gibts Autonomie von der Bundesregierung. Da würde ich auch begeistert mitschuften, denn so sollte Demokratie aussehen.
Eigentlich hat das schon Ansätze von Kommunismus. Gemeineigentum, "propiedad del pueblo" sozusagen.
5. Mitentscheiden - Mitgestalten -Mitmachen
kmgeo 12.04.2012
das ist so ein bisschen der Dreisprung....Der Dreisprung ist beendet und der Bürger steht als Sieger in der Sandgrube! Erst durfte er mitreden, dann sollte er mitgestalten und jetzt muss er umsetzen. Die öffentliche Hand schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits gelten alle per Bürgerschaftlichem Engagement gewonnenen Planungen automatisch als „richtig“, andererseits kann der mündige Bürger nicht immer nur fordern, er kann und soll auch durch eigener Hände Arbeit Leistungen erbringen. Jeder Praktiker auf diesem Feld kennt aber auch die Fallstricke: Manchmal wird ganz ohne Not politische und planerische Gestaltungskraft aus der Hand gegeben; in dieses teilweise gutgemeinte Vakuum stoßen dann Gruppen, deren Ziele nicht immer goutiert werden – man denke an Freiwillige Feuerwehren oder Familienfeste in Nordostdeutschland, die aus dem braunen Sumpf emporwachsen. In diesen Tagen ist von Freiheit die Rede: Die Freiheit zu Bürgerschaftlichem Engagement zählt hier unbedingt dazu – aber heißt Bürgerschaftliches Engagement die Umsetzung von Partikularinteressen? Gibt es die Freiheit, sich eben mal nicht zu beteiligen, keine Abende in diskussions- und konfliktgeschwängerten Dorfgemeinschaftshäusern zu verbringen oder wochenends keine Kinderspielplätze oder Schulräume herzurichten. Nimmt Bürgerschaftliches Engagement somit billigend in Kauf, dass leistungsschwache Bürgerschaften noch weiter abgehängt werden? Wir müssen uns alle die Frage stellen, wie Bürgerschaftliches Engagement genutzt werden kann, um das Zusammenleben in der Gesellschaft zu bereichern. Und auch die Frage stellen, in welchen Bereichen das gesellschaftliche Engagement die „bessere Lösung“ ist.
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