"Titanic"-Auktion in New York: Ein Mythos wird versteigert

Von und (Video), New York

Eine Wollweste, ein Rasierpinsel, eine noch verkorkte Champagnerflasche: In New York werden jetzt rund 5000 Gegenstände aus dem Wrack der "Titanic" versteigert. Stumme Zeugen der Jahrhundert-Katastrophe im Eismeer.

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Adolphe Saalfeld schien begeistert. Er schrieb seiner Gattin Gertrude: "Was für ein wundervolles Boot. Meine Kabine gefällt mir sehr gut." Zum Lunch habe er Suppe, Schollenfilet und Lammkotelett mit Blumenkohl gegessen und "mit einem großen Spaten-Bier runtergespült". Nur missfalle es ihm, allein zu reisen: "Das nächste Mal musst du mitkommen."

Aber es gab kein nächstes Mal. Denn das "wundervolle Boot" hieß "Titanic". Es war die Katastrophe des Jahrhunderts: Nach nicht mal fünf Tagen auf See kollidierte die "Titanic" in der Nacht zum 15. April 1912 mit einem Eisberg und sank. Mehr als 1500 Menschen starben.

Der Erste-Klasse-Passagier Saalfeld, ein deutschstämmiger Parfum-Industrieller aus Manchester, überlebte im Rettungsboot 3. Doch seine 65 Flakons mit Parfumöl-Proben gingen mit unter.

Ein Jahrhundert später haben die Flakons ihr Ziel erreicht. Zwei von ihnen liegen auf einem Schreibtisch in Manhattan. Sie sind leicht angelaufen, doch das Öl, mit Glaskolben versiegelt, hat die Reise zum Meeresboden und zurück unversehrt überstanden. "A. Saalfeld & Co., Manchester" steht auf einem Schildchen. Darunter die Duftrichtung, mit blasser Tinte gekritzelt: "Lily of the Valley". Maiglöckchen.

Fotostrecke

13  Bilder
Historische "Titanic"-Auktion: Halsketten, Tassen, Parfumflaschen aus dem Wrack
Neben den Flakons finden sich weitere Reliquien der "Titanic" - stumme Zeugen , aufgetaucht aus 3800 Metern Tiefe. Eine Kaffeetasse aus der dritten Klasse mit dem roten Flaggen-Logo der "Titanic"-Reederei: "White Star Line." Ein Suppenteller aus Delft-Porzellan. Ein Milchkännchen. Ein Pomadetopf ("H.P. Truefitt Limited"). Ein Türknauf. Zwei verblichene Ansichtskarten. Ein Paar weiße Baumwollhandschuhe, noch zusammengenäht wie neu.

"Früher oder später wird das Wrack der Titanic verschwunden sein", weiß Arlan Ettinger, ein freundlicher Herr mit weißem Haar. Zernagt, zerfallen, fortgetrieben: "Nichts wird davon übrig bleiben." Außer dem, was die Tauchroboter bisher ans Tageslicht gefördert hätten. Etwa die Parfumflakons. "Dies", sagt Ettinger und weist zu seinem Schreibtisch, "ist der Inbegriff der 'Titanic'."

Der Präsident des kleinen US-Auktionshauses Guernsey's plant die größte Versteigerung seiner Karriere: Zum 100. Jahrestag des "Titanic"-Untergangs kommen hier alle noch nicht anderweitig verscherbelten Fundstücke des Schiffs an einen neuen Besitzer.

Mehr als 5500 Objekte aus dem Atlantik sind das - von rund hundert filigranen Schmuckstücken bis zu einem 15 Meter langen, 17 Tonnen schweren Rumpfteil, samt Bullaugen und Bolzen. "Wie in aller Welt", fragt sich Ettinger, "konnte etwas so Massives nur auseinandergerissen werden wie eine Thunfischdose?"

Die Exponate in seinem Büro auf der Upper East Side sind nur eine Auswahl, ein erster Eindruck für Interessenten. Das meiste ruht in Lagerhäusern. Andere Artefakte bestücken zurzeit noch sechs US-Ausstellungen, die größte in Las Vegas, im Casino-Resort "Luxor".

Im April aber soll der "Titanic"-Schatz konsolidiert und buchstäblich versilbert werden. Ein Gericht schätzte den Gesamtwert des Mythos zuletzt auf 189 Millionen Dollar. "Wir nehmen bis zum 2. April Gebote entgegen", sagt Ettinger.

Lange war das Wrack der "Titanic" verschollen. 73 Jahre lag es unentdeckt auf dem Meeresboden, rund 600 Kilometer südlich von Neufundland, wo es in jener Horrornacht gelandet war - nach einem minutenlangen Höllensturz in den Abgrund, bei dem seine Innereien meilenweit verstreut wurden.

Erst 1985 stieß ein US-französisches Team der Ozeanografen Robert Ballard und Jean-Louis Michel auf das Trümmerfeld: Bug und Heck, 600 Meter voneinander entfernt, dazwischen die Überreste feudalen Glanzes - Schiffsteile, Möbel, Koffer, Kleidungsstücke, Kunst, Geschirr, Schmuck, private Habseligkeiten.

Vieles davon wurde seither gehoben, bei 32 Expeditionen unter Führung der RMS Titanic Inc. (RMST), einer privaten Bergungsgruppe, die später mit dem Ausstellungsunternehmen Premier Exhibitions verschmolz. Doch wem gehört das Erbe der "Titanic"? Nach langem Rechtsstreit sprach ein US-Gericht RMST die mehr als 5500 Artefakte 2010 tatsächlich zu.

RMST versichert, nicht nur Profit im Sinn zu haben. "Wir öffnen der Zukunft der Titanic die Tür", sagt Premier-Sprecher Brian Wainger. Weshalb auch die Auktion jetzt Konditionen hat: Die Sammlung muss intakt bleiben, der Käufer muss sie fachgerecht konservieren und zumindest einen Teil öffentlich ausstellen.

Zum Beispiel der verbeulte Koffer, der einem Mann namens Howard Irwin gehörte. Irwin und sein Freund Henry Sutehall hatten die Passage als Etappe einer Weltreise gebucht. Ihr Gepäck war schon an Bord, doch Irwin verpasste die Abfahrt. Sutehall ging mit der "Titanic" unter.

Oder eine Dritte-Klasse-Passagierkarte für Marion Meanwell. Meanwell, eine 63-jährige Hutmacherin aus Sussex, wollte nach Amerika auswandern, wo ihre Tochter bereits lebte. Eigentlich sollte sie mit der "Majestic" segeln, einem älteren Schwesternschiff der "Titanic". Doch ein Streik der Bergarbeiter stoppte die Kohlezufuhr für die Schiffe, und Meanwells Überfahrt verzögerte sich. Sie buchte auf die "Titanic" um - und ertrank bei der Havarie.

Jedes Stück birgt eine Geschichte. Ein Rasierpinsel. Eine Champagnerflasche, noch verkorkt. Das Oberlicht eines Laderaums. Eine Putte von der berühmten Freitreppe. Zahllose Schuhe. Eine Fünf-Dollar-Note. Eine Wollweste. Der Stand der Steuerrads sowie die Reste des Rads selbst, ein paar Speichen nur. Ein Fernglas.

Letzteres hat besondere Bedeutung: Der Ausgucker Frederick Fleet, der hoch oben im Mast saß, hätte den Eisberg vielleicht früher bemerkt, wenn er ein Fernglas gehabt hätte. Die beiden einzigen Ferngläser an Bord waren in einem Schrank verschlossen. Eins davon liegt jetzt auf Ettingers Schreibtisch.

Tausend Stunden Videoaufnahmen der Tauchgänge

Das Auktionspaket enthält gut tausend Stunden Videoaufnahmen der Tauchgänge, TV-Verträge und eine 3-D-Vermessungskarte des Wracks. Als Premier die Versteigerung ausschrieb, bewarben sich alle Top-Auktionshäuser, doch Guernsey's bekam den Zuschlag. Es hat Erfahrung mit historischen Memorabilia - Lady Dianas Schmuck, Jerry Garcias Gitarren, seltene Schwarzweißfotos von den Beatles.

Rund 20 Interessenten sollen schon Gebote eingereicht haben: Museen, Institute, Privatleute. Auch "mindestens eine seriöse Partei aus Deutschland" sei dabei, sagt Ettinger. Wer, verrät er nicht - nur, dass es "wunderbar passen würden, wenn das klappt". Guernsey's selbst bekommt am Ende eine Kommission von acht Prozent plus eine Kaufprämie von bis zu 50.000 Dollar.

Anders als bei einer klassischen Auktion wird Guernsey's die schriftlichen Gebote intern sichten. Der Sieger wird dann später präsentiert, an Bord des ausrangierten US-Flugzeugträgers "Intrepid" im Kreuzfahrthafen von New York - nicht weit vom Pier 54 entfernt, wo die "Titanic" 1912 hätte anlanden sollen und stattdessen die Überlebenden mit dem Schwesternschiff "Carpathia" ankamen.

Auch Adolphe Saalfeld erreichte so schließlich das Land. Das Unglück verfolgte ihn für den Rest seines Lebens. Er gab sein Geschäft auf und starb 1926 im Alter von 61 Jahren. Sein Maiglöckchen-Parfum duftet noch heute.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Schwesterschiff Carpathia?
Erwin Schlonz 30.03.2012
Zitat von sysop.. wo [...] stattdessen die Überlebenden mit dem Schwesternschiff "Carpathia" ankamen
Die Carpathia war nicht das Schwesterschiff der Titanic. Sie war ein Passagierschiff einer anderen Reederei.
2. Oceanic ist kein Schwesterschiff
Larnaveux 30.03.2012
Unter einem der Bilder in der Fotostrecke steht: Ansichtskarte aus Cordoba. Sie gehörte dem Zweite-Klasse-Passagier Edgar Andrew, 17, der im argentinischen Cordoba geboren war und in England aufs College ging. Er sollte eigentlich auf dem "Titanic"-Schwesternschiff "Oceanic" fahren, musste aber wegen des Kohlestreiks umbuchen. Und landete so auf dem Unglücksdampfer. Die Schwesterschiffe der Titanic waren die Olympic und die Britannic. die Oceanic war ein Dutzend Jahre älter und nach ihrer Verdrängung viel kleiner - die Titanic war mehr als zweieinhalb mal so groß.
3. Nicht für den Hals
galens 30.03.2012
Zitat von sysopEine Wollweste, ein Rasierpinsel, eine noch verkorkte Champagnerflasche: In New York werden jetzt rund 5000 Gegenstände aus dem Wrack der "Titanic" versteigert. Stumme Zeugen der Jahrhundert-Katastrophe im Eismeer. "Titanic"-Auktion in New York: Ein Mythos wird versteigert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,823759,00.html)
Die goldene Halskette ist eine Kette wo die Taschenuhr dran hing,eine sog."Chateleine".
4. Schwesterschiff Majestetic?
mirror25 10.04.2012
"Titanic"-Auktion in New York: Ein Mythos wird versteigert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,823759,00.html) Der Autor benutzt den Begriff "Schwesterschiff" (ohne "n" bitte) offensichtlich ohne Verständnis. So werden Schiffe einer Baureihe bezeichnet, die Titanic hatte zwei, wie hier im Forum bereits erwähnt. Und die Majestetic gehörte wie die anderen im Artikel als Schwesterschiffe genannten nicht dazu. Von welcher "Majestetic" ist die Rede? Zur fraglichen Zeit gab es ein Kriegsschiff dieses Namens. Sollte das gemeint sein? Eine Richtigstellung im Beitrag wäre angebracht.
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