Schwere Dürre in Indien Tödliche Hitze

330 Millionen Menschen sind in Indien von der schwersten Dürre seit Jahrzehnten betroffen. Experten prangern Regierungsfehler an: Denn der Großteil des Wasserproblems ist hausgemacht.


Yogita Desai, elf Jahre alt, brach auf dem Weg zum Brunnen ihres Heimatdorfes Sablkhed im indischen Bundesstaat Maharashtra zusammen. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

500 Meter zum Brunnen gehen, mit der Handpumpe die Eimer füllen, die Eimer schwappend zurücktragen: Vier Stunden lang war die Elfjährige bereits zwischen dem Brunnen und der Hütte ihrer Eltern hin- und hergelaufen, als sie bei 42 Grad Hitze kollabierte. Sie hatte sich nicht getraut, von dem kostbaren Wasser zu trinken, das sie nach Hause trug. So schildern indische Zeitungen den tragischen Fall.

Der Totenschein der Fünftklässlerin weist demnach Hitzschlag und Dehydrierung als Todesursache aus. Einer von bereits mehr als 2000 Fällen von Hitzetod in diesem Jahr in Indien . In diesen ungewöhnlichen heißen Tagen werden nun Stimmen laut, dass die Probleme mit der Dürre nicht allein den extremen Temperaturen geschuldet seien. Sie seien auch "vom Menschen gemacht", sagt etwa Rajendra Sing, Träger des prestigeträchtigen Stockholm Water Prize.

Nach Regierungsangaben sind inzwischen 330 Millionen Menschen von Dürre betroffen, 10 der 29 Bundesstaaten haben offiziell Wassermangel angemeldet. Ungewöhnlich früh war das Quecksilber in diesem Jahr in weiten Teilen des Subkontinents auf mehr als 40 Grad gestiegen, im Osten des Landes oft sogar auf mehr als 45 Grad.

Experten warnen, dass das Schlimmste noch bevorsteht: Dieser dürfte der vermutlich schlimmste Sommer seit Indiens Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 werden, sagt Himanshu Thakkar vom Südasiatischen Netzwerk für Dämme, Flüsse und Menschen (SANDRP). Tatsächlich wird sich die Situation in den kommenden Monaten weiter zuspitzen: Die Erlösung bringende Regenzeit beginnt erst in anderthalb bis zweieinhalb Monaten.

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Dürre in Indien: Der ganz große Durst

Die Bewohner der ausgetrockneten Landstriche haben nicht ausreichend Trinkwasser und auch nicht genug Wasser für ihre Felder und Tiere. Mehr als 60 Prozent der 1,3 Milliarden Inder sind Bauern und damit besonders auf Wasser angewiesen. Jetzt schon ist abzusehen, dass es zu großen Ernteausfällen kommen wird.

In den am schwersten betroffenen Gebieten hat die Regierung nun Notlager eingerichtet. Hunderte Tanklastwagen und ein mit Wasser gefüllter Tanklastzug sollen Erleichterung bringen, doch wo immer sie halten, brechen Unruhen aus, weil die Hilfslieferungen den großen Durst nicht stillen können.

Im Staat Westbengalen fiel bereits ein Wärmekraftwerk für zehn Tage aus - es war kein Kühlwasser mehr vorhanden. Mehrere Krankenhäuser in Maharashtra haben auf Notbetrieb umgestellt und operieren nicht mehr. Der Bundesstaat fällte nun auch die aufsehenerregende Entscheidung, vorerst keine Spiele der obersten indischen Kricket-Liga mehr auszurichten. Die Instandhaltung der Plätze koste Millionen Liter Wasser - Mumbai, die Hauptstadt Maharashtras, muss diesen Sommer ohne seinen Lieblingssport auskommen.

Raubbau am Grundwasser

Die aktuelle Dürre ist nicht nur das Resultat der wenig ergiebigen Regenzeiten der vergangenen beiden Jahre. Vor allem hätten Jahrzehnte des Missbrauchs der Grundwasserressourcen und eine völlig verfehlte Wasserpolitik die jetzige Katastrophe ausgelöst, sagen Wissenschaftler. Einige ihrer Argumente:

  • Die Regierung nehme das Thema Wassersicherheit nicht ernst, so Wasserexperte Singh. "Man hat Devisenreserven, eine Armee aus Reservisten, aber keine Wasserreserven. Dies ist der größte politische Fehler", sagte Singh der "Financial Times". Eigentlich habe Indien genug Wasser, man müsse es nur speichern und gut verwalten.
  • Indien nutze sein Grundwasser viel zu intensiv - auch, weil die Pumpen subventioniert würden, sagt Himanshu Thakkar. Zwei Drittel der indischen Landwirtschaft wird mit Grundwasser betrieben, nirgendwo auf dem Planeten sei der Grundwasserspiegel in den vergangenen Jahrzehnten so dramatisch gesunken wie hier. Wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen würden, werde das Land im Jahr 2030 nur halb so viel Wasser zur Verfügung haben wie benötigt. "Wir müssen die Grundwasserreserven auffüllen und den Wald, einen natürlichen Feuchtigkeitsspeicher, schützen", so Thakkar. Mit guten Reserven könne das Land auch einen schlechten Monsun verkraften.
  • Die Regierung müsse Bauern dazu bringen, weniger wasserintensive Feldfrüchte anzubauen, sagte der Ökonom H.M.Desarda der "Times of India". Dass in Maharashtra das überaus durstige Zuckerrohr angebaut werde, gehöre verboten.

Noch beeinträchtigt die Dürre in Indien vor allem das Leben der Landbevölkerung. Doch angesichts des indischen Wirtschaftswachstums, das 2015 mit rund sieben Prozent größer war als das Chinas, wird die schlechte Wasserpolitik auch die Industrie und Gesamtwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen, warnen die Experten.

Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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