Jahrhundertflut Zehntausende Menschen in Indien von Wasser eingeschlossen

Die Flut im südindischen Bundesstaat Kerala hat mehrere Zehntausend Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Weitere Hunderttausende wurden bereits evakuiert, die Zahl der Toten ist auf mehr als 350 gestiegen.

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Indien hat Tausende Soldaten und Hunderte Helikopter in den Bundesstaat Kerala im Süden des Landes geschickt. Dort sind mehrere Zehntausend Menschen inmitten der schlimmsten Flut seit hundert Jahren vom Wasser eingeschlossen, die Nachrichtenagentur dpa spricht sogar von Hunderttausenden Bewohnern, die von der Außenwelt abgeschnitten sind. Binnen 24 Stunden wurden weitere 27 Todesfälle registriert, sagte ein Sprecher des Krisenstabes. Die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Überschwemmungen stieg damit auf mehr als 350.

In vielen Städten und Dörfern stieg das Wasser so hoch, dass zweigeschossige Gebäude überflutet wurden. Aus der Luft aufgenommene Fernsehbilder und Fotos zeigen Menschen, die sich auf Dächer geflüchtet haben und auf Rettung warten. 1300 Einsatzkräfte, 30 Militärhubschrauber und rund 400 Boote waren an den Rettungsarbeiten beteiligt. Mancherorts liehen sich Retter Boote von Fischern, um nach Opfern suchen zu können.

Am frühen Samstagmorgen gab es in der Region erneut starke Regenfälle und behinderten dadurch die Rettungsaktionen. Viele überschwemmte Gegenden haben die Helfer noch nicht erreichen können. Mancherorts kommen auch Boote nicht durch, dort können Menschen nur mit Helikoptern evakuiert werden.

"Keine Hilfe in Sicht"

In der auch bei Touristen beliebten Region sind mehr als 40 Flüsse über die Ufer getreten und 80 Dämme gebrochen. Straßen wurden zu Flüssen, Brücken stürzten ein, vielerorts gibt es keine Telefonverbindungen und keinen Strom, es besteht Seuchengefahr. Es sei schwierig, Kontakt in abgelegene Gebiete zu bekommen, berichtete der Krisenstab.

Am Freitag haben uns Verwandte angerufen und gesagt, sie hätten seit zwei Tagen weder Wasser noch Essen gehabt, und keine Hilfe sei in Sicht", sagte S. Sudarshan, Bewohner von Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram. Regierungschef Pinarayi Vijayan forderte, die Flut solle als nationale Katastrophe eingestuft werden.

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Jahrhundertflut: "Seit zwei Tagen kein Wasser, und keine Hilfe in Sicht"

Regierungschef Narendra Modi versprach, Nothilfe nach Kerala zu schicken. Der Ministerpräsident traf sich am Samstag mit der Regierung des Bundesstaats und sagte umgerechnet rund 60 Millionen Euro an Sofortzahlungen zu. Die Regierung des Bundesstaats hatte jedoch rund 240 Millionen Euro gefordert. Die Jahrhundertflut habe laut der Regierung bereits Schäden von geschätzt 2,4 Milliarden Euro angerichtet.

Mehr als 3,7 Millionen Menschen sind seit Beginn der Flut bereits in Rettungscamps versorgt worden, teilte die Regierung mit. Derzeit befänden sich mehr als 300.000 Menschen in mehr als 1500 Hilfslagern. Allein am Freitag wurden demnach 82.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Auf Bildern waren alte Frauen zu sehen, die Bündel mit ihren kostbarsten Besitztümern festhielten, während sie per Boot in Sicherheit gebracht wurden.

Regierungschef Narendra Modi versprach Nothilfe in Höhe von 5 Milliarden Rupien (rund 60 Millionen Euro). Die Regierung des Bundesstaats verlangt jedoch 20 Milliarden Rupien. Die Schäden hätten Schätzungen zufolge bereits eine Höhe von 195 Milliarden Rupien (2,4 Milliarden Euro) erreicht.

Die Menschen in Kerala kämpfen seit dem 8. August mit außerordentlich heftigen Monsunregenfällen. Laut Vorhersage sollen die Regenfälle aber in den kommenden Tagen abnehmen. Der wichtigste Flughafen der Region in Kozhikode soll noch für mindestens eine Woche geschlossen bleiben.

Neben Kerala sind auch andere Bundesstaaten wie Karnataka und Madhya Pradesh von der Jahrhundertflut betroffen. Seit Beginn der Monsunsaison im Juni sind in Indien schon mehr als Tausend Menschen infolge von Überschwemmungen ums Leben gekommen.

fdi/dpa/AP



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ulrikerichter 18.08.2018
1. Dämme gebrochen?
Ein kleiner Hinweis. 80 Dämme sind mit Sicherheit nicht gebrochen. Die "Shutter" von diesen Dämmen sind offen, d.h. das Wasser wird mehr oder weniger kontrolliert aus den übervollen Stauseen abgelassen. Dies ist teilweise sehr schnell geschehen, sodass es die schon dramatische Lage flussabwärts um einiges verschlimmert hat. Bitte überprüfen Sie ihre Quelle noch einmal auf Übersetzungsfehler. Ich wohne in den Western Ghats in Kerala, und bin demzufolge seit Wochen mit der sich zuspitzenden Lage konfrontiert. Marode Dämme sind zwar ein Thema, doch ist ein Dammbruch zum Glück noch nicht passiert und die Folgen wären gar nicht auszudenken.
Peletua 18.08.2018
2. #1, ulrikerichter
Danke für die Korrektur! Der Fehler mit den gebrochenen Dämmen wurde eigentlich gestern schon korrigiert - warum das jetzt erneut zum Besten gegeben wird, verstehe ich nicht. Monsun-/Regenzeit-Überschwemmungen sind immer schlimm, aber diese Flut ist offenbar sehr, sehr übel. Besonders die Bauern, deren Ernte vernichtet worden ist, tun mir leid - die sind ruiniert. Möglicherweise leben und arbeiten etliche der Leute dazu noch in Schuldknechtschaft - ich weiß allerdings nicht, ob Kerala die 'bonded labour' noch kennt.
swandue 18.08.2018
3.
Wenn sehr viel Regen fällt und vielleicht gleichzeitig auch noch Schnee schmilzt, dann hört man häufig von Dammbrüchen bzw. dass Wasser aus Stauseen abgelassen wurde, um Dammbrüche zu vermeiden. Da frage ich mich: Werden Dämme oft zu hoch bzw. nicht massiv genug gebaut? Gilt denn nicht, dass ein Damm das zwingend aushalten muss, auch wenn das Wasser Tage oder Wochen bis zur Oberkante steht? Es mag sein, dass ein Damm überläuft bzw. dann eben kurz davor Wasser abgelassen wird, aber er darf doch auf gar keinen Fall brechen!
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