Inferno im Kaufhaus Sicherheitschef gesteht Verriegelung der Türen

Zwei Tage nach der verheerenden Brandkatastrophe in einem Kaufhaus in Paraguay hat ein Sicherheitschef gestanden, dass alle Ein- und Ausgänge verschlossen wurden. Es habe eine entsprechende Anweisung gegeben. Mittlerweile ist die Zahl der Toten auf 464 gestiegen, über 400 Menschen wurden verletzt.


Trauer um die Todesopfer: Türen "auf Anordnung von oben" verriegelt
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Trauer um die Todesopfer: Türen "auf Anordnung von oben" verriegelt

Asunción - Der Mann sagte aus, er habe "auf Anordnung von oben" gehandelt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Damit gibt es in dem Fall ein erstes Geständnis. Die Anweisung über Funk sei nach Angaben des Wachmanns damit begründet worden, dass Plünderungen verhindert werden sollten. Wer den Befehl erteilt habe, wisse der Wachmann nicht, hieß es.

Schon kurz nach dem Feuer war der Besitzer Juan Paiva wegen entsprechender Augenzeugenberichte ins Visier der Ermittler geraten, hatte bislang aber alles abgestritten. Unter anderem hatte er geltend gemacht, keiner der Sicherheitsleute habe die Version von den verschlossenen Türen bestätigt. Er sitzt ebenso wie sein Sohn und fünf weitere Männer im Gefängnis. "Es gibt unzählige Aussagen von Passanten und Feuerwehrmännern, die bestätigen, dass die Menschen trotz der Gefahr im Zentrum eingeschlossen wurden", sagte Polizeichef Humberto Nunez.

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Inferno in Paraguay: Hunderte starben im brennenden Kaufhaus

Eine direkt neben dem Einkaufszentrum wohnende Frau sagte, Feuerwehrleute hätten von ihrem Haus aus eine Mauer zum Supermarkt durchbrochen, weil sie anders nicht hineingekommen seien. Andere Nachbarn berichteten, sie hätten wegen der abgesperrten Türen schließlich Fensterscheiben eingeschlagen, um den eingeschlossenen Menschen zur Hilfe zu kommen. Eine Kassiererin sagte, sie sei auf der Flucht vor den Flammen zunächst zum Haupteingang gerannt, der aber abgeschlossen gewesen sei.

"Die Türen waren zu"

"Die Verantwortlichen dürfen nicht ohne Strafe davonkommen, mein Leben und das von so vielen Betroffenen wird nie wieder so sein, wie vor dem Verbrechen", sagte der Journalist Victor Galeano, der bei dem Unglück seine Frau verlor. Den gemeinsamen dreijährigen Sohn konnte er mit letzter Kraft retten. Die Augenzeugenberichte von den geschlossenen Türen bestätigte er. "Das war absurd. Wir hatten gerade Kekse gekauft, als wir zwei Explosionen hörten, die wir zunächst für Feuerwerk gehalten haben. Plötzlich gab es überall Flammen, Rauch, wild schreiende und umherrennende Menschen, und die Türen waren zu."

Ausgebranntes Kaufhaus: "Die Verantwortlichen dürfen nicht davonkommen"
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Ausgebranntes Kaufhaus: "Die Verantwortlichen dürfen nicht davonkommen"

Unterdessen stieg die Zahl der Toten auf 464. Über 400 Menschen werden noch in Krankenhäuser behandelt, zahlreiche Personen werden noch vermisst. Die in der Nacht unterbrochenen Bergungsarbeiten wurden heute wieder aufgenommen. Die Behörden schließen nicht aus, dass noch weitere Leichen gefunden werden. "Es gibt einige Stellen, die wir noch nicht erreicht haben", sagte ein Feuerwehrsprecher. Die Bergungsarbeiten waren mehrfach wegen Ausfällen der Stromversorgung sowie wegen der Einsturzgefahr der Gebäuderuinen unterbrochen worden.

"Die Opferzahlen sind erschreckend", sagte Staatspräsident Nicanor Duarte Frutos. Er versprach eine schnelle Aufklärung der Tragödie. Kaufhausbesitzer Paiva war bereits am Sonntag festgesetzt worden. Medienberichten zufolge wurden neben Paivas Sohn auch ein Geschäftspartner sowie vier Leiter der Wachteams verhaftet. "Sie alle sollen wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden", sagte Staatsanwalt Rafael Fernández.

Anklage wegen Mordes droht

Die Polizei sucht per Haftbefehl noch zwei Geschäftspartner Paivas und zwei weitere Leiter der Sicherheitsteams. Die Männer seien untergetaucht. Medien und Augenzeugen hatten berichtet, alle Türen des Zentrums "Icua Bolanos" seien geschlossen worden, um Plünderungen und die Flucht von Kunden vor der Begleichung von Rechnungen zu verhindern. Sollte den Verdächtigen eine Mitverantwortung am grausamen Tod der Menschen nachgewiesen werden, droht ihnen möglicherweise auch eine Anklage wegen Mordes. Damit wären Haftstrafen bis zu 25 Jahre möglich.

Unter großer Anteilnahme wurden zahlreiche Opfer begraben. Tausende von Menschen, darunter auch Politiker, Militär- und Polizeichefs, wohnten den Beerdigungen bei. Viele Leichen konnten noch nicht identifiziert werden. Gerichtsmediziner aus dem benachbarten Brasilien und Experten von Interpol und aus Spanien sollten bei der Arbeit helfen. Unter den Toten sind auch zwei Deutsche, ein 40-jähriger Mann und ein Mädchen im Säuglingsalter.

Auslöser des Unglücks waren nach ersten Ermittlungen zwei Gasexplosionen in einer Restaurantküche. Feuerwehrsprecher sagten, das Einkaufszentrum habe nicht über die vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen verfügt.



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