Hamburg - Vielleicht war bereits der Auftritt im März ein Vorzeichen. Vielleicht hätte man bereits damals ahnen können, dass Richard Heene, 48 Jahre alt, Absolvent einer Schauspielschule in Hollywood, dreifacher Vater und ambitionierter Erfinder, das Licht der Öffentlichkeit sucht - koste es, was es wolle. Zu jener Zeit nahmen die Heenes an der US-Version des Formats "Frauentausch" ("Wife Swap") teil. Richard Heene nutzte die anwesenden Fernsehkameras, um der Welt seine wirren Botschaften kundzutun.
Außerirdische seien die Vorfahren der Menschen, hörten die Zuschauer Heene sagen. Einmal, verkündete er, habe er sich in einem Fast-Food-Restaurant übergeben müssen - nicht etwa wegen des Essens, sondern weil Aliens Kontakt zu ihm aufgenommen hätten. Er sprach auch viel über das silberfarbene Flugobjekt, das er im Hof des Hauses zusammenbastelte, und das er in einen Tornado fliegen lassen wollte. Seine Kinder schickte Heene auf Ufo-Jagd.
Insofern scheint es fast konsequent, wenn Amerika nun am vergangenen Donnerstagnachmittag stundenlang um den kleinen Falcon Heene bangte, der angeblich in dem von seinem Vater konstruierten Ballon über Colorado schwebte. Erst fünf Stunden nach seinem Verschwinden wurde der Junge schließlich in einer Kiste auf dem elterlichen Dachboden entdeckt. Inzwischen ist klar: Die Familie hat offenbar nie ernsthaft befürchtet, Falcon habe sich in dem Ballon befunden. Sheriff Jim Alderden sagte am Sonntag, die Eltern hätten eine "gute Show für uns abgezogen, und wir haben es ihnen abgekauft". Ziel der Heenes sei es gewesen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Nun drohen den Eltern strafrechtliche Konsequenzen.
"Das Beste, was uns je in unserem Leben passiert ist"
Für die Show, für die Aufmerksamkeit der Medien, tun die Heenes offenbar eine ganze Menge. Nachdem er seine Visionen offenbart hatte, sagte Richard Heene im März: "Ich bin sehr dankbar, dass Amerika uns ausgewählt hat, so dass wir ein zweites Mal an dem Programm teilnehmen können." Die Heenes waren bereits zuvor bei "Frauentausch" aufgetreten. "Das ist das Beste, was uns je in unserem Leben passiert ist", erklärte Heene.
Die Ermittler gehen davon aus, dass der Vater die Geschichte mit dem Ballon und seinem Sohn inszeniert hat, um sich für weitere Reality-TV-Programme zu empfehlen.
Nichts von dem, was Richard Heene in den vergangenen Jahren begonnen hat, war jedenfalls von Dauer. Er versuchte es mit Schauspielerei und Stand-Up-Comedy in Hollywood, wo er schließlich seine Frau Mayumi, 45, kennenlernte. Die beiden haben drei gemeinsame Kinder im Alter von zehn, acht und sechs Jahren. Gehen die Hobbywissenschaftler auf Sturmjagd, dann müssen die drei Jungen mit - unabhängig von der Gefahr, der sie ausgesetzt sind.
"Mutter Mayumi bemüht sich nach Kräften, ihren Wissenschaftler und Erfinder Richard beim Bau einer fliegenden Untertasse zu unterstützen und Ufos zu jagen. Die beiden hoffen Beweise dafür zu finden, dass alle Menschen von Außerirdischen abstammen", hieß es in der Vorstellungsrunde bei "Frauentausch". "Mayumi kümmert sich auch um die drei stürmischen, schwierigen Heene-Jungs, die nicht von dieser Welt sind."
Bekannte fühlen sich missbraucht
Richard Heene rühmte sich seinerseits, in einem Flugzeug 2005 Hurrikan "Wilma" sehr nah gekommen zu sein. "Es muss eine Möglichkeit geben, Wirbelstürme aufzulösen", erklärte er. Finanziell konnten sich die Heenes in den vergangenen Jahren allerdings nur knapp über Wasser halten. Sie sollen umgezogen sein, ohne die ausstehende Miete zu begleichen - das vorherige Haus soll einem Schlachtfeld geglichen haben.
Bei "Frauentausch" wurden auch die Launen des 48-Jährigen gezeigt - einem Teilnehmer schüttete Richard Heene ein Glas Milch ins Gesicht, die Polizei ermittelte gegen ihn wegen häuslicher Gewalt, nachdem Mayumi verprügelt worden war. Eine Anklage gab es jedoch nicht.
Heene soll der Produktionsfirma TLC in der Vergangenheit immer neue Reality-TV-Projekte angeboten haben. Eine weitere Sendung, die bereits in Planung war, wird nach Angaben von TLC nun nicht realisiert.
Die Nachbarn der Heenes fühlen sich durch den jüngsten Publicity-Stunt getäuscht. Viele hatten sich an der Suche nach dem kleinen Falcon beteiligt und mit den vermeintlich aufgelösten Eltern gelitten. Die Sorge der Menschen gilt nun den drei Söhnen der Familie. Denn die Jungen sind die offensichtlichen Verlierer des PR-Strebens ihres Vaters. Falcon tourte in den vergangenen Tagen durch verschiedene US-Shows, er wirkte gesundheitlich angeschlagen. In der NBC-Sendung "Today" erbrach er sich vor laufender Kamera.
Eine Ende des Medienhungers seiner Eltern scheint indes nicht absehbar.
han/AP/dpa
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