Internationaler Städtepreis Münster zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt

Ein bisschen spießig, ein bisschen provinziell - das war ein Image, gegen das Münster, die heimliche Hauptstadt Westfalens, lange ankämpfte. Jetzt hat eine internationale Jury die Metropole im Pumpernickel-Land zur "lebenswertesten Kommune weltweit" gekürt. Münsteranern sagen die Experten damit nichts Neues.


Neu angekommene Studenten vor dem Schloß in Münster: Goldmedaille für die mondäne Stadt in der westfälischen Provinz
DDP

Neu angekommene Studenten vor dem Schloß in Münster: Goldmedaille für die mondäne Stadt in der westfälischen Provinz

Wer mit seiner Leeze - zu Deutsch: seinem Fahrrad - regelmäßig über Promenade und Prinzipalmarkt fährt, dem ist schon lange klar, dass Münster zu den schönsten Städten der Welt zählt - mindestens. Bischofssitz, Universitätsstadt, Dienstleistungszentrum, Radfahrerhochburg oder Nabel des grünen Münsterlandes - die Münsteraner könnten ihre Stadt mit zahlreichen Titeln schmücken. Hier soll zwar einem sich hartnäckig haltenden Gerücht zufolge nicht so häufig die Sonne scheinen, und angeblich zählen Münsteraner auch nicht zu den offenherzigsten Zeitgenossen - doch leben lässt es sich in der heimlichen Hauptstadt Westfalens trotzdem gut. Und das haben die Münsteraner nun auch amtlich: Als erste deutsche Großstadt überhaupt hat Münster die Goldmedaille des LivCom-Awards erhalten - als lebenswerteste Stadt der Welt.

Der Preis wird jährlich von einer britischen Organisation ausgeschrieben und an Kommunen vergeben, die sich in besonderem Maße um die Verbesserung ihrer Lebensqualität verdient gemacht haben. Nach eigenen Angaben werden die Organisatoren des Preises von der Internationalen Vereinigung der Gartenbauamtsleiter und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen unterstützt. Bewertet werden dabei Kategorien wie Umwelt und Landschaft, Bürgerbeteiligung, Bewahrung des historischen Erbes und eine nachhaltige Zukunftsplanung. Beim diesjährigen Wettbewerb setzte sich das rund 280.000 Einwohner zählende Münster in der Größenordnung der Städte von 200.000 bis 750.000 Einwohner gegen so prominente Konkurrenten wie Seattle und Coventry durch.

In der Kategorie zwischen 75.000 und 200.000 Einwohnern kletterte mit dem Rhein-Hunsrück-Kreis ebenfalls eine deutsche Kommune auf das oberste Siegertreppchen. Anlässlich der Auszeichnung triumphierte Landrat Bertram Fleck: "Das ist eine absolute Sensation für uns, in der Weltliga dabei zu sein.".

Aber auch der Münsteraner Oberbürgermeister Berthold Tillmann (CDU) verlor kurzzeitig seine für Münsteraner typische stoische Zurückhaltung: "Dass Münster bei seiner Premiere im LivCom-Award so erfolgreich ist, zeigt: Wir können uns auch internationalen Vergleich sehen lassen mit unseren Konzepten in den Bereichen Stadtentwicklung, Umweltschutz und Grünflächenplanung", so jubelte der Stadtobere nach der Preisverleihung. Passend zum beginnenden Kommunalwahlkampf hatte Tillmann bekannt gegeben, dass die Stadt es ins Finale der letzten 53 Städte geschaffte hatte. Insgesamt hatten sich 453 Städte und Gemeinden aus allen Erdteilen beworben. Zur Endausscheidung reiste der inzwischen wieder gewählte Tillmann eigens ins kanadische Niagara, wo sich die Stadt des Westfälischen Friedens schließlich mit ihrem Motto "Mit Geschichte in die Zukunft" souverän durchsetzte.

Das Bild von der verschlafenen Provinzstadt, das Münster manchmal anhängt, scheint mit dem Preis ad absurdum geführt. Inzwischen hat auch Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) der Stadt mit dem konservativ-katholischen Image zu ihrem Erfolg gratuliert. Die Goldmedaille sei ein Beleg dafür, dass das Umweltbewusstsein der Münsteraner weltweit als vorbildlich erachtet werde, sagte Höhn, die nicht mit Eigenlob sparte: Das Land habe etwa bei der Förderung des Vogelschutzgebietes Rieselfelder, des Fahrradparkhauses oder einer mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage seinen Beitrag geleistet.

In den letzten Jahren hat Münster immer wieder gezeigt, dass es aus seiner Rolle als alte Provinzialhauptstadt nach Größerem strebt. So träumten die Stadtväter bis vor einigen Monaten noch davon, ihre Kommune im Jahr 2010 zur Kulturhauptstadt Europas krönen zu lassen. Allerdings lief aus für Münsteraner unerfindlichen Gründen der Industriestandort Essen der westfälischen Beamtenstadt den Rang ab. Als künftiger Olympia-Standort ist die Metropole im Pumpernickel-Land allerdings noch nicht im Gespräch.

Roman Heflik



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