Enzyklika von Franziskus und Benedikt XVI.: "Ein Akt des Respekts"

Franziskus und Benedikt XVI. (im März in Castel Gandolfo): "Mystische Bereiche" Zur Großansicht
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Franziskus und Benedikt XVI. (im März in Castel Gandolfo): "Mystische Bereiche"

Womöglich ist "Lumen Fidei" die letzte Veröffentlichung Benedikts XVI. - auch wenn der Name seines Nachfolgers auf der Enzyklika steht. Bernd Hagenkord von Radio Vatikan erklärt, wie die päpstliche Kooperation zustande kam und was die Schrift für Franziskus' Pontifikat bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hagenkord, manche bezeichnen die erste Enzyklika eines neuen Papstes als eine Art Regierungsprogramm. Ist das überzogen?

Hagenkord: Ich glaube schon. Natürlich kann man die Schwerpunkte ein bisschen herauslesen, die der neue Papst setzt. Aber letztlich wurzeln doch alle ersten Enzykliken im vorangegangenen Pontifikat.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es gar nichts Ungewöhnliches, dass Benedikt XVI. und Franziskus als Co-Autoren auftreten?

Hagenkord: Oh, das ist sogar sehr ungewöhnlich. Aber auch die ersten Enzykliken Benedikts XVI. hatten ihre Wurzeln im Pontifikat von Johannes Paul II. Es arbeiten ja Referenten an so einem Schriftstück mit, da gibt es viel Vorlauf.

SPIEGEL ONLINE: Die beiden Päpste schreiben über "Lumen Fidei", das "Licht des Glaubens". Was hat das zu bedeuten?

Hagenkord: Dass der Glaube nichts von der Erkenntnis wegnimmt. Das ist der rote Faden in diesem Text: Wer glaubt, hat nicht weniger Erkenntnis, sondern sieht die Welt zur Gänze, wie sie erschaffen ist.

SPIEGEL ONLINE: Dazu gehören ja offenbar auch Zeichen und Wunder. Erst heute hat Franziskus ein Dekret unterschrieben, das die Heiligsprechung Johannes Pauls II. ermöglicht - es geht um die Wunderheilung einer Frau aus Costa Rica. Glaubt die katholische Kirche tatsächlich an so etwas?

Hagenkord: Ja, schon! Beim Prozess der Heiligsprechung geht es ja um die Frage, wie Gott in die Welt hineinwirkt. "Heiliger" ist dabei keine moralische Kategorie. Wir sagen "Heilig", wenn wir fest davon überzeugt sind, dass jemand jetzt bei Gott ist. Ganz schnell kommt man da in fast mystische Bereiche - man hebt die Trennung auf zwischen der natürlichen, anfassbaren Welt und dem Übernatürlichen. Aber mir ist schon klar: Wenn man mit dem katholischen Glauben nichts anfangen kann, kann man auch mit dem Konzept der Heiligsprechung wenig anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Einer, der an seinem Nachruhm noch arbeiten kann, ist Benedikt XVI. Meinen Sie, die gemeinsame Enzyklika bleibt ein Einzelfall? Oder wird er sich noch öfter mit Veröffentlichungen aus dem Ruhestand zu Wort melden?

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"Lumen Fidei": Zwei Päpste, eine Enzyklika
Hagenkord: Ich glaube nicht, dass er noch was publiziert. Auch vom heutigen Auftritt mit Franziskus wusste vorher niemand. Benedikt wird sich in der Öffentlichkeit kaum weiter zeigen, auch nicht schriftlich. Und auf der Enzyklika steht übrigens auch nur ein Autorenname drauf: der von Franziskus.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Inhalt denn für Sie überraschend?

Hagenkord: Nein, gar nicht. Es ist ein Lehrschreiben, ein eher meditativ geschriebener Text. Es gibt darin keine großen theologischen Neuerungen, dafür aber eine kluge Zusammenschau dessen, was wir unter Glauben verstehen. Und wenn man Franziskus zuhört, ist das ja auch der Kern seines Tuns: der Glaube an Gott. Ich finde es daher nicht verkehrt, diesen Aspekt klar und deutlich an den Anfang zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie eigentlich, wie die Zusammenarbeit der beiden Päpste aussah? Haben die sich zu zweit hingesetzt und gemeinsam geschrieben?

Hagenkord: Das glaube ich nicht. Es gab ja Vorarbeiten. Benedikt hat meines Wissens im vergangenen Sommer an der Enzyklika gearbeitet. Franziskus formuliert es so, dass er den Text vorfand, einige Ergänzungen einfügte und ihn dann veröffentlichte.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat er nicht die Chance genutzt, etwas Eigenes zu formulieren? Alle Welt wartet doch auf programmatische Worte des neuen Papstes.

Hagenkord: Vielleicht hat Franziskus die Chance gesehen, seinem Vorgänger Respekt zu zollen, indem er sein Projekt zu Ende bringt: ein Akt des Respekts vor Benedikts Rücktritt. Ich glaube nicht, dass das eine verpasste Chance ist.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem in Deutschland sind viele Beobachter angetan von Franziskus' Veränderungswillen. Ist er wirklich der hart durchgreifende Reformer, für den man ihn hält?

Hagenkord: Ich finde es noch zu früh, das zu beantworten. Franziskus hat ja gleich am ersten Tag gezeigt, was für eine Art Papst er sein will: diese Bescheidenheit, diese Nähe zu den Gläubigen. Dass er jetzt erst den Bericht der Kommission zur Kurienreform abwartet, ist klug: Franziskus will nichts übers Knie brechen, und er fragt Leute, die sich auskennen. Das gilt auch für die Reform der Vatikanbank. Da passiert schon was - aber eben nicht von heute auf morgen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Franziskus von der Kurie wahrgenommen? Ist er mit seinem Ruf nach Bescheidenheit eine Bedrohung fürs katholische Establishment?

Hagenkord: Ich glaube, er hat zunächst für viel Verwirrung gesorgt - weil er ganz anders handelt und kommuniziert, als die Leute das hier gewohnt sind. Er greift selber zum Telefon, alles geht über seinen Schreibtisch. Ich finde das übrigens toll! Franziskus prägt sein ganz eigenes Papsttum. Und das ist sehr erfrischend.

SPIEGEL ONLINE: Franziskus nutzt überhaupt nicht den Regierungsapparat des Vatikans?

Hagenkord: Doch, schon, aber nur, wenn er ihn braucht. Der Apparat ist nicht in alle Entscheidungen involviert. Es müssen sich jetzt alle anpassen. Das braucht Zeit und die richtigen Leute. Und nach denen sucht der Papst gerade.

Das Interview führte Rainer Leurs

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Gute Kombination
Klaus100 05.07.2013
Respekt ist alles. Daran mangelt es heute schon genug.
2. Aha - zu scheinbar jedem kirchlichen Thema darf man in SPON was schreiben
terotex 05.07.2013
aber bei Berichten um pädophile Jugendtrainer wird die Kommentarfunktion natürlich deaktiviert. Selbstverständlich soll/darf der Pöbel sich wieder über die Kirche in zahlreichen Rechtschreibfehlern auslassen. Soviel zur journalistischen Redlichkeit von Spiegel-Online...
3.
Meskiagkasher 05.07.2013
Zitat von Klaus100Respekt ist alles. Daran mangelt es heute schon genug.
Ja, vor allem der Respekt der Gläubigen vor der *Realität* .
4. nicht aufregen,
sitiwati 05.07.2013
der Club der toten, alten Männer bekommt ein Mitglied mehr-die Hoteliers und Andenkenverkäufer in Rom freen sich !
5.
Tiananmen 05.07.2013
Zitat von sitiwatider Club der toten, alten Männer bekommt ein Mitglied mehr-die Hoteliers und Andenkenverkäufer in Rom freen sich !
Mir wird nicht so ganz klar, wen Sie mit den toten Männern eigentlich meinen - die beiden Päpste sind jedenfalls noch lebendig und offenbar fähig, sich schriftlich verständlich zu äußern.
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