Interview mit einem Bestattungspionier "Ein Friedhof wie das wahre Leben"

Bunte Urnen, Trauerfeiern mit Rockmusik, Weltraumbestattungen - die Wünsche für die letzte Reise werden immer ausgefallener. Jetzt sollen auch Friedhöfe zum Hort der Kreativität werden. Das verspricht Fritz Roth, der in Bergisch Gladbach Deutschlands ersten privaten Friedhof eröffnet hat.


SPIEGEL ONLINE: Herr Roth, warum braucht man einen privaten Friedhof?

Roth: Schauen Sie sich doch mal die modernen Friedhöfe an, diese genormten Marmorsteinwüsten! Ich möchte Trauernden ermöglichen, das Grab selbst zu gestalten und ihre Liebe ganz individuell auszudrücken. Wenn Sie einen Menschen lieben, dann werden Sie ja Ihre Liebeserklärung auch nicht an andere delegieren.

Friedhofsbetreiber Roth: "Hier wird keiner namenlos beigesetzt"
DDP

Friedhofsbetreiber Roth: "Hier wird keiner namenlos beigesetzt"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja schon vor der offiziellen Eröffnung einige Menschen auf Ihrem Friedhof beigesetzt. Wie sehen deren Gräber aus?

Roth: Auf einem Grab sieht man etwa eine Stele mit Vogeltränke, auf einem anderen eine Skulptur, die früher in dem Arbeitszimmer des Verstorbenen stand. Das ist ein Nachbau von einer Figur, die er auf einer Südafrikareise entdeckte und die ihm sehr gefallen hat. So sehr, dass er wollte, dass sie sein Grab ziert.

SPIEGEL ONLINE: Die hätte man auf einem städtischen oder kirchlichen Friedhof sicherlich auch aufstellen können.

Roth: Also mit der Skulptur hätten Sie da große Probleme bekommen. Auf manchen Friedhöfen ist sogar vorgeschrieben, welchen Stein man verwenden muss. Außerdem sind wir ja nicht nur ein Friedhof, sondern auch ein Platz der Kommunikation und der Kultur. Bei uns gibt es zum Beispiel eine kleine Naturbühne, auf der wir für alle, die traurig sind, Lesungen und Konzerte abhalten.

SPIEGEL ONLINE: Besinnlicher Art, versteht sich.

Roth: Nicht nur, diesen Sommer spielt bei mir auf dem Friedhof zum Beispiel eine Bigband, die Kings of Swing, die Musik von Glenn Miller macht.

SPIEGEL ONLINE: Das könnte man auch pietätlos finden...

Roth: Ein Friedhof muss auch ein Platz des Lebens sein, und die bunte Vielfalt des Lebens abbilden. Ich möchte, dass wir Flächenbrände des Lebens hervorrufen, und dafür muss man auf den Tod schauen. Mein Friedhof ist nur die konsequente Weiterentwicklung meines Konzepts, den Tod begreifbar zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht das? Wann begreift ein Mensch den Tod eines Angehörigen?

Roth: Seit Jahren fordere ich die Menschen auf, ihre Toten selber anzuziehen, die Särge selbst zu gestalten, um zu begreifen, was der Unterschied zwischen Tod und Leben ist. Das geht nicht über den Kopf. Und viele Leute sind bereit, den Tod über sinnliche Erlebnisse zu begreifen. Heute Morgen hatte ich erst eine Trauerfeier. Da hatten Kinder die ganze Woche den Sarg ihres Vaters bemalt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Ihr Friedhof ist Teil eines Trends zur individuellen Bestattung?

Roth: Ja, aber es gibt auch den anderen Trend zur zunehmenden Anonymisierung, sowohl in der Gesellschaft als auch auf dem Friedhof. Ihr Name interessiert doch keinen, wenn Sie irgendwo Kunde sind, sind Sie eine Nummer, ein Pincode. Dem will ich entgegenwirken. Es gibt nur eine Bedingung auf meinem Friedhof: Hier wird keiner namenlos beigesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Friedhof in fünf Jahren aus?

Roth: Wie das wahre Leben. Schauen Sie sich doch mal ganz alte Friedhöfe an: Da steht das große Bürgergrab neben ganz schlichten, einfachen kleinen Gräbern. Das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich denn jeder eine Beerdigung bei Ihnen leisten?

Roth: Ein Reihengrab kostet bei uns 350 Euro, etwas mehr als bei der Stadt. Ein Wahlgrab kommt auf ungefähr 800 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Ihre Pioniertat viele Nachahmer haben wird?

Roth: Ja, die Bevölkerung wird das fordern. Trauernde haben einen wunderbaren Sinn für bürgerlichen Ungehorsam.

Die Fragen stellten Florian Sailer und Brenda Strohmaier



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