Interview mit Gewaltforscher Heitmeyer "Er wollte endlich mal stark sein"

Nach dem Massenmord von Erfurt warnt der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer davor, den Leistungsdruck auf Schüler immer weiter zu erhöhen. "Wir suchen nach den Schwächen der Schüler, statt ihre Stärken zu entdecken und zu fördern", sagt der 57-jährige Soziologe.


SPIEGEL ONLINE:

Gibt es die oft beschriebene Gewaltwelle an den Schulen wirklich?

Wilhelm Heitmeyer leitet das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Wilhelm Heitmeyer leitet das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Wilhelm Heitmeyer: Die Untersuchungen führen zu recht widersprüchlichen Ergebnissen. Von einem dramatischen Anstieg, einer echten Gewaltwelle kann kaum die Rede sein. Alltägliche Gewalt zum Beispiel in Form von Schlägereien galt bisher vor allem als typisch für Hauptschulen, die Gymnasien indes blieben immer im Windschatten. Dort sind die Mechanismen subtiler. Die Schüler werden etwa nicht durch Prügel, sondern durch stetige Hänseleien in ihrer Integrität verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Und das kann so verheerende Folgen wie in Erfurt haben?

Heitmeyer: Für Jugendliche ist Anerkennung extrem wichtig. Sie können sich Respekt verschaffen durch Leistung, Attraktivität oder Stärke. Aber das ist ein außerordentlich fragiles Gebilde. Jugendliche brauchen Antworten auf ein paar ganz zentrale Fragen: Wer braucht mich? Bin ich gleichwertig? Fühle ich mich gerecht behandelt? Werden meine Gefühle akzeptiert? Wer darauf keine tragfähigen Antworten findet, gerät in eine schwierige Lage. Wenn es zum Beispiel mit der Leistung nicht so klappt und man mit der Attraktivität Pech gehabt hat, wenn man im Wettlauf nicht mithalten kann, bleibt nur eine Demonstration: endlich mal Stärke zeigen - und sei es ein einziges Mal.

SPIEGEL ONLINE: Während die Täter etwa in Littleton wahllos auf Mitschüler gefeuert haben, hat der Erfurter Schüler gezielt Lehrer ermordet und die Abiturprüfungen als Termin gewählt. Kann man da noch von einem "Amoklauf" sprechen?

Massaker in Littleton 1999: Dylan Klebold (r.) und Eric Harris töten zwölf Mitschüler und einen Lehrer, dann sich selbst
REUTERS

Massaker in Littleton 1999: Dylan Klebold (r.) und Eric Harris töten zwölf Mitschüler und einen Lehrer, dann sich selbst

Heitmeyer: Nach allem, was wir bisher wissen, war es keine Tat im Affekt, er ist nicht situativ außer Kontrolle geraten. Aber auch die beiden Schüler in Littleton waren präzise vorbereitet. Sie hatten sich zum Beispiel durch bodenlange Mäntel stilisiert und legten viel Wert auf Unterscheidung durch Überlegenheitsphantasien. Als sie in der Schule überhaupt nicht anerkannt wurden, radikalisierten sie ihre Position und suchten sich vor allem zwei Gruppen als Opfer aus: die allseits anerkannten Sportler und die Hispanics. Sie lachten und kicherten, während die Schüler vor ihnen auf dem Boden um ihr Leben flehten, bevor sie erschossen wurden. Die Täter wollten Überlegenheit offensichtlich zumindest in einer Situation empfinden gegenüber jenen, die ihnen Anerkennung verweigert hatten.

SPIEGEL ONLINE: Für Robert Steinhäuser war der Abitur-Ausschluss offenbar der Auslöser...

Heitmeyer: Bis zur zwölften Klasse war er gekommen und sollte nun ins Bodenlose stürzen, weil die Schulpolitik für mehrfaches Scheitern offenbar gar keinen Schulabschluss vorsieht. Eine kurze Lebensleistung wird entwertet. Für den Schüler waren die Lehrer Vertreter einer Institution, die ihn zerstört hat. Für irritierend halte ich auch, dass der Schüler beim ersten Anlauf durchgefallen war und unbedingt beim zweiten Mal mitmachen wollte, aber gleichzeitig Krankheitsbescheinigungen gefälscht haben soll, um Prüfungen zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Wagen Sie ein Urteil, ob ein Schulverweis dafür eine überzogene Strafe war?

Heitmeyer: Nein, dafür müsste ich die Abläufe genau kennen. Aber der Schüler muss das als massiv unfair empfunden haben. Wenn Menschen nicht genügend Anerkennung finden und sich sehr ungerecht behandelt fühlen, dann kann das extreme Folgen haben: Sie erkennen auch die soziale Norm der Unverletzlichkeit von anderen nicht mehr an. Denn Person und Norm stabilisieren sich wechselseitig - und das ist ein sehr störanfälliger Prozess. Setzen dann auch noch die Eltern einen Jugendlichen unter Druck, entwickelt der einen Tunnelblick, und es gibt oft kein Halten mehr. Ob das in Erfurt der Fall war, kann ich nicht beurteilen. Aber von den Schulproblemen wussten die Eltern offenbar nichts, der Schüler hat sie verborgen und die Eltern im Glauben gelassen, er bereite sich auf das Abitur vor.

SPIEGEL ONLINE: Könnten mehr Psychologen in den Schulen solche Aggressionsentladungen vermeiden helfen?

Heitmeyer: Heftige Konflikte an Profis zu delegieren mag in Sonderfällen hilfreich sein. Aber ein neues Selbstverständnis der Schulen können nicht Psychologen herbeireden oder herbeitherapieren. Feststeht, dass ein gutes Schulklima das Aggressionspotenzial mindert. In unserer Aufstiegsgesellschaft stehen jedoch gerade Gymnasiasten unter enormem Druck, weil die Gymnasien über eine enorme Selektionsmacht verfügen - für Bestrafungen wie für meist unklare Zukunftschancen. An den Schulen gilt bisher das Prinzip: Wir suchen nach den Schwächen der Schüler, statt ihre Stärken zu entdecken und zu fördern. Und ich befürchte, dass nach den miserablen Pisa-Ergebnissen die Anerkennungsmöglichkeiten in der Schule noch stärker verengt werden auf wirtschaftlich verwertbare Leistungen. Woher bekommen jene noch Anerkennung, die dann nicht mehr mithalten können?

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Forderung, Werteerziehung als Schulfach zu etablieren?

Heitmeyer: Gar nichts. Das kann nur schief gehen. Es gibt einen verborgenen Lehrplan jeder Gesellschaft. Schüler haben diese Doppelbödigkeit längst durchschaut: Real zählt Leistung um jeden Preis, aber proklamiert werden Werte wie Mitmenschlichkeit oder Solidarität. Wenn man das zum Lerngegenstand macht und auch noch bewertet, werden Schüler so reden, dass die beste Note dabei herumkommt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es mit schärferen Waffengesetzen, Sicherheitsmaßnahmen an Schulen, dem Verbot massiver Gewaltdarstellungen in Videos und Computerspielen - auch alles sinnlos?

Eingang des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums
DPA

Eingang des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums

Heitmeyer: Das alles mag notwendig sein und ist doch keineswegs hinreichend. Restriktive Waffengesetze halte ich für vernünftig, nur darf man sich davon nicht viel versprechen, solange das Problem illegaler Waffen nicht gelöst ist. Die Schulen wird man durch Metalldetektoren und Videoüberwachung kaum in Hochsicherheitstrakte verwandeln können. Das fördert allenfalls die Raffinesse von Tätern, die unter Druck stehen und sich anders ein Ventil suchen werden. Und was die Medien angeht: Sie können die Billigung von Gewalt verstärken, ich plädiere durchaus für ein Verbot widerlicher Gewaltfilme. Aber solche Videos schauen vielleicht 100.000 Leute, und die werden nicht alle gleich zu wilden Schießgesellen. Öffentliche Gewaltdarstellung mag Teil des Problems sein. Es ist aber nicht der Kern.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet das, es gibt kein letztlich kein Mittel gegen Massaker wie in Erfurt?

Heitmeyer: Bei echten Amokläufen gibt es meist keine Vorwarnzeiten. Trotzdem habe ich Zweifel an der These, dass man singuläre Ereignisse wie in Erfurt einfach als Heimsuchungen durch psychisch schwer gestörte Täter interpretieren kann. In diesem Fall scheint es an der Kommunikation gehapert zu haben, in der Schule, vermutlich auch zwischen dem Schüler und den Eltern. Ich denke, dass sich der Anerkennungszerfall bei Schülern oft verhindern ließe. Dafür muss die Schule allerdings wieder intensivere Auseinandersetzung um Wertvorstellungen führen. Prinzipien wie Gerechtigkeit und Fairness müssen ja ständig neu ausgehandelt werden, weil es dafür keinen objektiven Maßstab gibt. Gibt es Zeit für diese Verhandlungen? Ich habe Zweifel.

Das Interview führte Jochen Leffers



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